Köln - Vor zehn Jahren widerfuhr Carsten Ramelow Gleiches wie den Bayern-Stars in dieser Saison. Mit Bayer Leverkusen holte der heute 38-Jährige ebenfalls drei zweite Plätze in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League. Und zusammen mit seinen Mannschaftskollegen Bernd Schneider, Michael Ballack, Oliver Neuville und Jörg Butt verpasste Carsten Ramelow auch noch im WM-Finale die vierte Titelchance.

Im Interview mit bundesliga.de erzählt der 46-fache Nationalspieler, wie er mit den Niederlagen umging und wie optimistisch er vor der EM ist.

bundesliga.de: Herr Ramelow, Sie haben sicher auch am vergangenen Wochenende das Champions-League-Finale zwischen Bayern München und dem FC Chelsea verfolgt. Was haben Sie gedacht, als die Bayern-Niederlage feststand?

Carsten Ramelow: Ich konnte gut nachempfinden, was in den Bayern-Spielern vorging. Es ist bitter, wenn man drei Mal Zweiter wird, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Die Bayern haben trotzdem Großes geleistet. Aber man kann die Situation von unser Bayer-Mannschaft 2002, die wie die Bayern drei Mal Zweiter wurde, nicht mit der der Münchener vergleichen. Die Bayern sind es gewohnt, Titel zu holen und mit einem 2. Platz nicht zufrieden zu sein. Reiner Calmund hat es einmal treffend formuliert: In Deutschland würde wohl jeder Verein vor der Saison drei zweite Plätze unterschreiben. Nur die Bayern nicht.

bundesliga.de: Waren sich die Bayern zu siegessicher?

Ramelow: Das glaube ich nicht. Aber aus der Ferne habe ich eine sehr große Euphorie in München vor dem Finale im eigenen Stadion mitbekommen. Bis zum Elfmeterschießen, war ich mir auch sicher, dass die Bayern das Spiel gewinnen. Aber dann hat man gemerkt, dass bei einigen Schützen Zweifel aufgekommen sind. Nach der Niederlage waren alle sehr niedergeschlagen, weil auch keiner nach dem Spielverlauf damit rechnen konnte.

bundesliga.de: Wie geht man mit einer Niederlage nach einem solchen Spiel um, das man nie und nimmer verlieren durfte?

Ramelow: An einer solchen Niederlage hat man als Spieler zu knabbern, keine Frage. Das dauert einige Tage, in denen man sich auch ruhig etwas hängen lassen kann. Das ist normal, das gehört dazu. Aber dann muss man sich aufrappeln, es muss ja weitergehen. Und es gibt Schlimmeres, als ein Fußballspiel zu verlieren. Wir mussten vor zehn Jahren zur WM und wollten alle eine Trotzreaktion zeigen.

bundesliga.de: Das WM-Endspiel ging dann auch noch verloren. Wie bitter war das?

Ramelow: Stimmt, ich habe damals zusammen mit einigen Mitspielern der "Werkself" sogar vier Finals verloren. Wenn man vier Endspiele erreicht, besteht leider auch die Möglichkeit, dass man alle vier verliert. Mit Niederlagen geht jeder Spieler anders um. Jeder muss sie erst einmal selbst verarbeiten, der eine sucht das Gespräch, der andere will in Ruhe gelassen werden. Wir wurden damals vom Team gut aufgefangen und aufgebaut. Nach einigen Trainingseinheiten wurde auch schon wieder geflachst.

bundesliga.de: Die Vizeweltmeisterschaft 2002 wurde auch allgemein als großer Erfolg gewertet.

Ramelow: Genau. Als wir dann bei der WM sportlich erfolgreich waren, immer weiterkamen und schließlich im Finale standen, haben wir gedacht, dass wir nicht noch ein Finale verlieren können. Aber die Voraussetzungen waren damals andere als in diesem Jahr vor der EM. Unserer Truppe hatte niemand viel zugetraut. Wir wurden dann zu einer verschworenen Einheit, in der ein großer Teamgeist herrschte. Wir haben uns gesteigert, wir hatten eine andere Spielweise und auch das nötige Glück. Aber die Fans haben das honoriert und uns einen begeisterten Empfang in Frankfurt bereitet.

bundesliga.de: Befürchten Sie, dass das Abschneiden der Bayern Negativauswirkungen auf die Nationalmannschaft haben wird?

Ramelow: Nein. Spieler wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger sind stark genug, damit klar zu kommen, auch wenn sie international noch keinen Titel gewonnen haben.

bundesliga.de: Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die Europameisterschaft?

Ramelow: Ich freue mich und werde mir das Turnier relativ entspannt anschauen. Es ist auch immer interessant, die anderen Teams und das ganze Drumherum zu verfolgen. Der deutschen Elf traue ich mindestens das Halbfinale zu, in dem ich auch Spanien, meinen Geheimfavoriten Frankreich und ein Überraschungsteam erwarte.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski