Jörg Berger ist beinahe überall in der Bundesliga und der 2. Bundesliga zuhause. Unvergessen bleibt er unter anderem bei den Fans von Eintracht Frankfurt. Bei seiner zweiten Amtszeit am Main rettete er die "Adler" vorm Untergang. Am letzten Spieltag der Spielzeit 1998/99 hielt Frankfurt dank eines sensationellen 5:1-Siegs gegen den 1. FC Kaiserslautern die Klasse.

Mit dem Abstieg hat die aktuelle Eintracht nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Die Mannschaft von Michael Skibbe klopft sogar an die internationalen Plätze an. Das freut den einstigen Eintracht-Coach Berger.

Im Interview mit bundesliga.de blickt er auf die erfolgreiche Saison der Hessen und nennt seine Erwartungen für den verbleibenden Saisonverlauf. Vom Gastspiel der Eintracht in Hamburg erwartet er ein attraktives Duell. Berger spricht weiterhin über Ruud van Nistelrooy, das Spitzenspiel Bremen gegen Leverkusen und wagt einen Ausblick aufs Titelrennen.

bundesliga.de: Herr Berger, nur ein Mal in den vergangenen neun Spielen hat Frankfurt verloren. Was zeichnet die Mannschaft Ihrer Meinung nach aus?

Jörg Berger: Die Mannschaft zeichnet einfach eine gewisse Disziplin aus. Die Mannschaft ist sehr konstant, das zeigen ja auch die Ergebnisse. Und zusätzlich zu aller Konstanz rufen sie auch ihr Leistungslevel ab. Das alles ist mehr, als man erwarten konnte.

bundesliga.de: Beim Amtsantritt versprach Michael Skibbe den Fans attraktiveren Fußball. Hätten Sie gedacht, dass er so schnell in die Erfolgsspur findet?

Berger: Als neuer Trainer hat man ja bei Saisonbeginn das Problem, den Fans etwas sagen zu müssen. Und er hat den Fans nun einmal attraktiven und erfolgreichen Fußball versprochen. Und attraktiver Fußball allein reicht nicht immer aus. Er muss eben auch erfolgreich sein. Das ist hier der Fall. Es mag Leute geben, die meinen, die Eintracht spiele nicht so gut. Aber ich erinnere dann gern an den FC Bayern. Der hatte auch Zeiten, in denen er nicht glänzte und dennoch erfolgreich spielte. Der Erfolg heiligt die Mittel und bringt Ruhe rein. In Frankfurt gab es ja zwischenzeitlich auch ein wenig Unruhe zwischen dem Trainer und der Vereinsführung. Da freut es mich umso mehr, dass da jetzt Ruhe eingezogen ist. Das hängt natürlich auch mit den Ergebnissen der vergangenen Wochen zusammen.

bundesliga.de: Was trauen Sie der Eintracht in dieser Saison noch zu?

Berger: Alles will ich nicht sagen, aber ein stabiler Mittelfeldplatz ist für die Eintracht schon ein Erfolg. Das ist jedes Jahr das gleiche: Man will nicht unten stehen, aber man kann auch nicht ganz oben heranreichen. Das ist ein schwieriges Arbeiten. Die Mannschaft hat aber dafür gesorgt, dass wieder Optimismus in Frankfurt herrscht und dass die Menschen wieder zu den Spielen gehen. Es herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung. Eine Sensation wäre es, wenn sie oben anklopfen könnten an die internationalen Plätze. Es ist jetzt schon mehr als positiv, was in Frankfurt passiert.

bundesliga.de: Am 23. Spieltag ist Frankfurt zu Gast in Hamburg. Der letzte Sieg an der Elbe ist elf Jahre her. Was erwarten Sie von diesem Aufeinandertreffen?

Berger: Da treffen zwei Traditionsvereine aufeinander, die beide in der Bundesliga lange Zeit mitbestimmend waren. Die Eintracht hat auch schon bessere Tage gesehen. In Hamburg geht es wieder bergauf. Also ich erwarte dort ein attraktives Spiel. Die Eintracht hat nicht viel zu verlieren und will da oben anklopfen. Ich denke, es wird ein gutes Spiel. Ich erwarte, dass die Hamburger angreifen werden. Das wiederum wäre gut für die Eintracht. Denn so würden Räume entstehen und die Eintracht kann sehr gut kontern.

bundesliga.de: Alle Welt schwärmt für Ruud van Nistelrooy. Wie gut tut er dem HSV und der Bundesliga?

Berger: Ich habe am vergangenen Samstag das Spiel des HSV in Stuttgart live am Fernseher mit verfolgt und habe lachen müssen. Weil ich mich gefreut habe. Das sind Geschichten, die nur der Fußball schreibt. Der Fußball ist unberechenbar. Es gab viele Stimmen, die meinten, es wäre eine riskante Verpflichtung gewesen. Ich habe als Trainer auch schon Spieler geholt, die andere für zu alt oder nicht fit hielten. Da hat es nicht immer gleich funktioniert. Aber in Hamburg, das war ja wie ein Wunschkonzert. Der spielt eine Minute und macht dann zwei Tore. Etwas Schöneres als solche Dinge gibt es doch nicht im Fußball. Das gehört einfach dazu zur Bundesliga. Und dass die Bundesliga sich solch einen Spieler erlauben kann, spricht doch einmal mehr für die Attraktivität und die Qualität der Bundesliga.

bundesliga.de: Im zweiten Topspiel ist Leverkusen zu Gast in Bremen. Hätten Sie gedacht, dass Bayer auch in der Rückrunde so groß aufspielt?

Berger: Ich hatte Bayer Leverkusen zu Saisonbeginn nie richtig auf der Rechnung. Wenn ich sie auf der Rechnung hatte, dann haben sie enttäuscht. Und wenn ich nicht mit ihnen gerechnet habe, waren sie oben mit dabei. Dieses Jahr habe ich ihnen wirklich nicht so viel zugetraut. Dass sie jetzt noch so gut dabei sind, das zeigt, dass Jupp Heynckes und der ganze Verein tolle Arbeit leisten. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass man wieder im heimischen Stadion spielt. Man ist zuhause. Das ist wirklich sehr positiv.

bundesliga.de: Bremen kam zuletzt aber wieder besser ins Rollen. Kann Werder die Serie der "Werkself" beenden?

Berger: Spiele, in denen Bremen dabei ist, sind immer attraktiv. Entweder schießen die Bremer selbst viele Tore oder sie kassieren viele. Aber nicht nur Bremen, auch Leverkusen hat seine Stärken im Vorwärtsgang. Bremen manchmal noch ausgeprägter als Bayer. Allerdings reicht bei Bremen ein Tor oft nicht aus, um zu gewinnen. Werder braucht oft zwei oder drei Tore für den Erfolg, weil sie hinten immer wieder Gegentore hinnehmen müssen. Das ist so ein wenig die Crux bei Werder Bremen. Die Probleme, die Bremen in der Abwehr hat, die hat Leverkusen nicht. Die Mannschaft ist ausgeglichener in der Defensive. Überraschend ist zudem für mich, wie stabil Leverkusen spielt, obwohl die Mannschaft so jung ist.

bundesliga.de: Wie sehen Sie das Titelrennen? Ist es ein Zweikampf oder sind auch andere Teams ernstzunehmende Kandidaten?

Berger: Als es in der vergangenen Saison gar nicht gut lief beim FC Bayern, da dachte ich, die würden trotz der vielen Fehler, die gemacht wurden, Deutscher Meister werden. Es waren am Ende aber doch zu viele Fehler, die gemacht wurden. In dieser Saison hat man die Kurve rechtzeitig gekriegt und wird seiner Favoritenrolle gerecht. Die Handschrift von Louis van Gaal ist mittlerweile deutlich sichtbar. Wenn man im Titelrennen auf die anderen Teams schaut, dann muss man die Hamburger dazu zählen. Bei Leverkusen bin ich gespannt. Es ist immer spannend zu sehen, wie Mannschaften sich verhalten, die eben noch nicht so viel Erfahrung haben. Wie verkraften die das psychisch, wenn die Saison in die entscheidende Phase geht? Schalke spielt auch schon die ganze Saison eine Rolle im Titelkampf. Diesmal ist es aber ein wenig anders als in anderen Jahren. Schalke spielt nicht spektakulär und ist trotzdem oben. Früher war das umgedreht. Da waren sie nicht oben und haben dennoch für Schlagzeilen gesorgt.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz