Bayern gegen Borussia, das war auch das große Duell in den Glanzzeiten der Karriere von Paul Breitner. Damals, in den Siebzigerjahren, war allerdings nicht Borussia Dortmund der gefährlichste Gegenspieler des FC Bayern, sondern der Namensvetter aus Mönchengladbach. Die Dortmunder kickten seinerzeit sogar vier Jahre in der 2. Bundesliga.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit rund 15 Jahren prägen der FCB und der BVB die Bundesliga. Am Samstag gastiert der Tabellenführer beim Titelverteidiger. Satte 13 Punkte beträgt der Vorsprung der Westfalen auf den Liga-Dritten. Paul Breitner hegt dennoch ein vage Hoffnung, dass die Bayern vielleicht doch noch ins Titelrennen eingreifen könnten, wie er im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de verriet.

bundesliga.de: Herr Breitner, von Bayern-Präsident Uli Hoeneß war dieser Tage zu lesen, dass er einen klaren Bayern-Sieg gegen Dortmund mit zwei Toren Vorsprung erwartet. Wird er recht behalten?

Paul Breitner: Auf eine solche Frage lautet meine Antwort seit jeher, dass mir das Ergebnis egal ist, so lange der FC Bayern gewinnt. Ob das jetzt 8:7 oder 1:0 ausgeht, war mir schon als Profi egal. Die Hauptsache ist, dass Bayern gewinnt. Außerdem tippe ich nie.

bundesliga.de: Glauben Sie denn, dass der FC Bayern im Falle eines Sieges die Meisterschaft noch einmal spannend machen kann?

Breitner: Da habe ich zwei Möglichkeiten. Die eine ist die, dass ich beim FC Bayern gelernt und verinnerlicht habe, dass es immer eine Möglichkeit gibt, so lange es rechnerisch noch geht. Das haben wir in der Vergangenheit schon so oft erlebt. Da bin ich für jede Überraschung offen. In der Saison 1980/81 lagen wir einmal scheinbar aussichtslos hinter dem HSV zurück und haben die Sache doch noch gedreht. Eine Mannschaft kann immer in ein Loch fallen, das man nicht erwartet hat. Als Fan des FC Bayern bin ich aber nicht objektiv sondern subjektiv. Da klammere ich mich an den allerletzten Strohhalm. Aus neutraler Sicht, und das ist die zweite Möglichkeit, kann man schon Richtung Dortmund gratulieren. Bei dem Vorsprung ist der Käse, objektiv gesehen, gegessen.

bundesliga.de: Wie schlägt man Borussia Dortmund?

Breitner: Indem man seine Normalform abruft und so souverän gewinnt wie am letzten Wochenende in Mainz. Wenn der FC Bayern in Normalform spielt, ist er einfach die beste Mannschaft der Bundesliga.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf?

Breitner: Unter den 35 bis 40 Millionen Fußball-interessierten Menschen im Lande gibt es sicherlich niemanden, der den Verlauf so erwartet hätte, wie er bisher eingetreten ist. Selbst ein BVB-Fan hätte das nicht erwartet.

bundesliga.de: Ein Bayern-Fan sicher auch nicht.

Breitner: Stimmt. Auch die Bayern haben nicht damit gerechnet, dass bei ihnen solche Verletzungsprobleme gerade in der Hinrunde aber auch noch zu Beginn der Rückrunde auftreten. Wir müssen feststellen, dass die Saison nicht in unserem Sinne gelaufen ist.

bundesliga.de: Was zeichnet die Dortmunder aus?

Breitner: Sie zeichnet aus, dass sie einen erfrischenden, attraktiven Fußball spielen und von einer Wolke auf die nächste Wolke schweben und auf einer Euphoriewelle schwimmen. Sie haben die Situation ausgenutzt und genießen das. Ich sehe das ganz positiv. Ich habe noch keine Situation gesehen, in der sie von ihrer Taktik abgewichen sind, ganz egal, ob zuhause oder auswärts, oder gesehen, dass sie auch bei einem 0:1-Rückstand anders auftreten. Das ist für die Bundesliga sehr positiv. Ich zolle meinen absoluten Respekt vor dem, was sich dort entwickelt hat.

bundesliga.de: Für viele ist Dortmunds Trainer Jürgen Klopp der Vater des Erfolges. Für Sie auch?

Breitner: Das ist mir zu einfach. Die Entwicklung von Borussia Dortmund ist nicht das Ergebnis der Arbeit und der Verdienst einer Person. Sicher steht Jürgen Klopp im Mittelpunkt und marschiert vorne weg. Aber dahinter steckt noch eine Gruppe von weiteren Verantwortlichen, die einen guten Job erledigen.

bundesliga.de: Wie Klopp in Dortmund setzt auch Louis van Gaal in München verstärkt auf die Jugend. Letzte Saison baute er Spieler wie Holger Badstuber und Thomas Müller ein, jetzt ersetzt Thomas Kraft im Tor Jörg Butt. Mark van Bommel hat den FC Bayern verlassen. Vollzieht van Gaal den Umbruch nicht vielleicht eine Spur zu radikal?

Breitner: Zu der Frage werde ich mich nicht in der Öffentlichkeit äußern, sondern nur intern.

bundesliga.de: Dann fragen wir andersherum. Wie positiv ist es, dass van Gaal Spieler aus den eigenen Reihen hervorbringt?

Breitner: Es ist immer positiv, wenn ein Trainer die eigenen Möglichkeiten des Vereins nutzt. Und der FC Bayern hat eine vorbildliche Jugendarbeit wie auch der VfB Stuttgart oder Borussia Dortmund. Wenn aus diesen sehr erfolgreichen Jugendmannschaften Spieler hochkommen, ist das positiv. Mir ist es damals ja genauso gegangen, als ich mit 18 Jahren zusammen mit Uli Hoeneß zu den Profis aufrücken konnte.

bundesliga.de: Zu ihrer aktiven Zeit waren Bayern München und Borussia Dortmund nicht auf Augenhöhe. Können Sie sich dennoch an ein besonderes Spiel gegen Dortmund erinnern? Sie haben ja bei dem legendären 11:1 im Jahre 1971 mitgespielt.

Breitner: Und dabei ist mir sogar eines der beiden Kopfballtore meiner Karriere gelungen.

bundesliga.de: Tatsächlich? Und wann gelang Ihnen das andere?

Breitner: Ich glaube 1979 gegen Eintracht Frankfurt in München. Aber zurück zu Ihrer Frage. Ich kann mich noch an ein Spiel gegen Dortmund erinnern, bei dem ich einen amüsanten Wortwechsel mit dem Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder hatte. Noch einer Ecke für uns fingen wir uns einen Konter ein und rannten alle zurück. Der Ball war schon in unserem Strafraum. Ich lief neben Ahlenfelder, der dann aus 70 Metern Entfernung einen Elfmeter für Dortmund pfiff. Da habe ich ihm zugerufen: "Sind Sie wahnsinnig? Wie können Sie aus 70 Metern einen Elfmeter pfeifen? Das ist ja unglaublich, was Sie für einen Scheiß pfeifen." Ahlenfelder dreht sich zu mir um: "Und Sie haben in den letzten fünf Minuten drei Fehlpässe gespielt. Also wer baut hier Scheiß?" Darauf ich: "Okay, dann pfeifen Sie halt den Elfmeter." Der Strafstoß ging rein, wir verloren 0:1. Heute könnte man sich solche Wortgefechte mit den Schiedsrichtern leider nicht mehr leisten.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski