Mehr Spannung geht kaum noch: Wolfsburg, Bayern, Berlin und Stuttgart gehen mit etwa gleich guten Chancen auf die Jagd nach der Meisterschale. Außenseiterchancen bleiben dem BVB und dem HSV. Es sieht so aus, als ob die Frage nach dem Deutschen Meister wieder mal erst am letzten Spieltag beantwortet wird.

Maurizio Gaudino hat die Erfahrung eines nervenaufreibenden Mehrkampfs um den Titel in der Saison 1991/92 gemacht. Punktgleich gingen Eintracht Frankfurt, der VfB Stuttgart und Borussia Dortmund in den letzten Spieltag, der VfB setzte sich mit seinem Mittelfeld-Regisseur Gaudino denkbar knapp durch.

"Wenn Stuttgart jetzt am Mittwoch in Schalke gewinnt, dann stehen ihre Titelchancen bei rund 70 Prozent", sieht der fünfmalige Nationalspieler gute Aussichten für seinen ehemaligen Club. Im Interview mit bundesliga.de sagt Gaudino auch, warum es der Gejagte an der Tabellenspitze so schwer hat.

bundesliga.de: Herr Gaudino, am letzten Spieltag treffen die Bayern auf Stuttgart. Erleben wir dann ein echtes Endspiel um die Deutsche Meisterschaft?

Maurizio Gaudino: Ich wünsche es mir! Es gibt auf jeden Fall ein Finalspiel, denn es geht ja zumindest auch um die direkte Qualifikation zur Champions League oder um den dritten Platz. Die Teilnahme an der Champions League ist ja so wichtig für den VfB, um die Mannschaft in der nächsten Saison zusammenzuhalten.

bundesliga.de: Wer hätte gedacht, dass Stuttgart noch so weit vorne rankommt?

Gaudino: Das ist wirklich sensationell. Im Moment sehe ich die Chancen auf den Titel bei etwa 30 Prozent. Wenn Stuttgart jetzt am Mittwoch in Schalke gewinnt, dann stehen ihre Titelchancen bei rund 70 Prozent. Denn ich denke, dass das Heimspiel gegen Cottbus am vorletzten Spieltag gewonnen wird und dann fällt die Entscheidung am Ende in München.

bundesliga.de: Warum ist es offensichtlich immer schwerer, die Tabellenführung zu verteidigen als sie zu erobern?

Gaudino: Wer an der Spitze steht, ist derjenige, der etwas zu verteidigen und etwas zu verlieren hat. Damit kommen unerfahrene Spieler schlechter zurecht, denen flattern eher die Nerven. Die fangen an, über alles Mögliche nachzudenken. Und wenn deshalb in einem Spiel drei, vier Spieler nicht ihre hundertprozentige Leistung abrufen können, dann hat man schon verloren.

bundesliga.de: Trifft das aktuell auch auf Wolfsburg zu?

Gaudino: Bestimmt, auch wenn Wolfsburg Samstag in Stuttgart klar unter Wert verloren hat. Das Spiel hätte auch 4:4 ausgehen können. Wolfsburg hatte viele Chancen zum 2:2 auszugleichen, aber die Tore hat nur Gomez gemacht. Dann kommt sicherlich negativ dazu, dass der Wechsel von Felix Magath zu Schalke jetzt schon bekannt wurde.

bundesliga.de: Wolfsburg könnte Dienstag also die Führung an die Bayern verlieren.

Gaudino: Auf jeden Fall wird es sehr schwer für Wolfsburg gegen Dortmund. Der BVB hat einen Lauf und nichts zu verlieren. Wenn sie gewinnen, schnuppern die Dortmunder vielleicht sogar noch an der Champions League. Die Bayern kennen diesen Druck, die Spieler sind reifer und erfahrener und können mit Druck besser umgehen.

Das Gespräch führte Stefan Kusche