Im Ruhrgebiet steigt das Derby-Fieber mit jeder Sekunde. Am Freitag duellieren sich der FC Schalke 04 und Borussia Dortmund im Kampf um den Anschluss an die Bundesliga-Tabellenspitze.

Mitten drin in der Veltins-Arena ist dann auch wieder Klaus Fischer, mit insgesamt 268 Toren zweitbester Bundesliga-Torschütze aller Zeiten. 182 dieser Treffer hat Fischer im Trikot des FC Schalke erzielt.

Im bundesliga.de-Interview erinnert sich Fischer an seine einprägsamsten Derby-Momente, erklärt die Stärke seines "Nachfolgers" Kevin Kuranyi und schätzt die Schalker Chancen im Titelrennen ein.

bundesliga.de: Herr Fischer, am Freitag kommt es wieder zum Derby zwischen dem FC Schalke und Borussia Dortmund. Elektrisiert Sie dieses Spiel auch immer wieder aufs Neue?

Klaus Fischer: Na logisch! Ich sehe jedes Heimspiel von Schalke und die Derbys gegen Dortmund sind heißer als die Spiele zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 München früher. Rundherum ist so viel los, jeden Tag wird in den Zeitungen über das Spiel geschrieben, es wird diskutiert. Selbst Spieler von außerhalb, wie unsere Brasilianer, bekommen mit, dass das Spiel etwas Besonderes ist. Außerdem geht es ja nicht nur um drei Punkte. Wir sind Dritter und Dortmund ist Fünfter, kann mit einem Sieg bis auf drei Punkte an uns heran kommen, wir können bis auf neun Punkte weg ziehen.

bundesliga.de: Gerade angesichts dieser Ausgangslage haben beide Vereine auch einen Appell an die Fans gerichtet.

Fischer: Für mich ist es ganz wichtig, dass alles ruhig bleibt, und nichts passiert, was die beiden Vereine hinterher bereuen müssen. Es wäre schlimm, wenn das Derby durch unangemessene Aktionen Schaden nehmen würde.

bundesliga.de: Welcher Derby-Moment aus Ihrer Spielerkarriere hat sich besonders eingeprägt?

Fischer: Ich war auf dem Platz eigentlich ein ruhiger Vertreter, habe in 20 Jahren nur zehn Gelbe Karten bekommen. Aber es gab in Dortmund ein Spiel, in dem haben wir 1:0 geführt, dann hat der Schiedsrichter einen klaren Elfmeter für uns nicht gegeben. In der 90. Minute hat er dann einen Strafstoß für die Dortmunder gegeben, der zum 2:1 geführt hat, obwohl ein Foul an unserem Torwart vorausging. Da bin ich leicht ausgeflippt, habe den Schiedsrichter beleidigt und hätte eigentlich Rot bekommen müssen. Hinterher habe ich mich entschuldigt. Schon damals war ein riesiger Tumult auf dem Platz.

bundesliga.de: Das war aber sicher nicht das einzige heiße Derby, dass Sie gespielt haben.

Fischer: 1977 gab es ein Derby, das immer in Erinnerung bleiben wird. Wir wurden Vize-Meister, nachdem wir am letzten Spieltag 4:2 in Dortmund gewonnen haben. Borussia Mönchengladbach hat gleichzeitig in München 2:2 gespielt. Hätte Gladbach verloren, wären wir Deutscher Meister geworden. So etwas vergisst man nicht.

bundesliga.de: Schalke spielt trotz der Niederlage zuletzt in Wolfsburg eine bärenstarke Saison. Vor allem Kevin Kuranyi blüht unter Felix Magath auf. Sie als bester Schalker Stürmer aller Zeiten müssen uns erklären: Was macht Kuranyi so stark?

Fischer: Der Kevin hat eingesehen, dass er viel arbeiten muss. Das Potenzial hat er sowieso schon gehabt: Er ist kopfballstark, laufstark und bewegt sich im Strafraum gut und geht den Bällen jetzt auch entgegen, wie man beim Tor in Wolfsburg gesehen hat. Zudem hat er jetzt das Selbstvertrauen, weil der Trainer voll hinter ihm steht. Aber ein Spieler alleine kann Spiele nicht entscheiden. Wenn keine guten Flanken kommen, ist es verdammt schwierig, Tore zu machen. Es passt innerhalb der Mannschaft einfach gut. Jefferson Farfan ist in einer guten Form und das Team ist auch in der Defensive sehr stark.

bundesliga.de: Sehen Sie noch Bereiche, wo sich Kuranyi noch verbessern kann? Oder gibt es den perfekten Stürmer nicht?

Fischer: Den perfekten Stürmer habe ich noch nie gesehen. Jeder hat seine eigenen Stärken. Für Stürmer ist zuallererst wichtig, Tore zu machen. Gerd Müller oder ich haben auch nicht immer 90 Minuten überragend gespielt. Aber wie oft hat der Gerd beispielsweise in der 90. Minute richtig gestanden und das entscheidende Tor gemacht. Solche Stürmer darf man nicht auswechseln. Auch Kevin wird nie ausgewechselt, höchstens, wenn Schalke 2:0 oder 3:0 führt. Er ist immer in der Lage in letzter Sekunde noch ein Tor zu machen. Kevin darf jetzt einfach nicht nachlassen und muss immer weiter an sich arbeiten.

bundesliga.de: Kuranyi hat bis jetzt für Schalke 65 Bundesligatore gemacht. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Vereinsrekord von 182 Treffern?

Fischer: Da müsste er noch ganz schön viele Jahre spiele, obwohl: Wenn er noch zehn Jahre bleibt und immer 20 Tore schießt, dann schafft er es locker. Und wenn ich dann noch lebe, würde ich ihm herzlich gratulieren.

bundesliga.de Vor allem würde Schalke dann in diesen zehn Jahren mindestens ein Mal Deutscher Meister werden.

Fischer: Nicht nur ein Mal, sondern öfter - wenn man einen Spieler hat, der jedes Jahr 20 Tore macht. (lacht)

bundesliga.de: Was erwarten Sie sich von Ihren Schalkern am Freitag? Werden Sie die Niederlage in Wolfsburg wegstecken können?

Fischer: Ich glaube schon. Man hat ein Spiel verloren, aber vielleicht liegt uns Wolfsburg auch einfach nicht. Wir haben diese Saison ja zwei Mal gegen Wolfsburg verloren. Das muss man abhaken, schließlich kommen noch so viele Spiele und man muss sich immer auf den nächsten Gegner konzentrieren.

bundesliga.de: Kapitän Heiko Westermann ist ins Mannschaftstraining zurückgekehrt. Kann die Mannschaft mit ihm sogar noch mal ganz nach oben angreifen?

Fischer: Rafinha ist auch wieder da, der kann über die rechte Seite auch viel Zug entwickeln. Ob es nach oben noch reicht, hängt von den nächsten Wochen ab. Wir spielen jetzt gegen Dortmund, in Frankfurt, gegen Stuttgart, in Hamburg und Leverkusen und dann gegen den FC Bayern. Dazu kommt noch das Pokal-Halbfinale. Wenn man da gut besteht, gibt es noch Möglichkeiten. Schalke 04 hat jetzt einige große Spiele vor sich. Wenn Ribery und Robben gesund bleiben, wird der FC Bayern Deutscher Meister. Fallen beide länger aus, glaube ich nicht an einen Titel von Bayern München.

bundesliga.de: Was ist ein realistisches Ziel für diese Saison?

Fischer: Mit Platz 3 wäre man mit Sicherheit zufrieden, gar keine Frage.

bundesliga.de: Wo werden Sie das Spiel am Freitag verfolgen?

Fischer: Ich bin im Stadion, wie immer.

Das Gespräch führte Matthias Becker