Köln - Wenn drei Tore für sieben Punkte ausreichen, muss die Defensive einer Mannschaft ziemlich gut funktionieren. Beim FC Schalke 04 entpuppt sich die kompakte Ordnung, die Roberto Di Matteo seiner Mannschaft verordnet hat, immer deutlicher als Erfolgsmodell. Jetzt aber warten auf den neuen Tabellendritten der Liga zwei besondere Prüfsteine.

Die Spieler von Borussia Mönchengladbach bekommen wohl heute noch dicke Falten auf der Stirn, wenn sie an ihren Auftritt in der Arena auf Schalke am Wochenende zurückdenken (Spielbericht). Rund 70 Prozent Ballbesitz konnten am Ende nichts am Sieg der Gastgeber ändern, weil Gladbach gegen das Schalker Abwehrbollwerk keine Idee einfiel und man kaum einmal überhaupt in Strafraumnähe kam.

Bei Bedarf mit Fünferabwehrkette

"Aus einer sehr guten Ordnung heraus sehr wenig zulassen – genau das will der Trainer", bestätigte Joel Matip später das, was Gladbachs entnervter Mittelfeldspieler Granit Xhaka zuvor so beschrieben hatte: "Die Schalker haben mit acht Mann verteidigt und fast einen Bus vor das Tor gestellt."

Bei Ballbesitz des Gegners agiert Schalke in hinterster Linie mit einer Fünferabwehrkette, in der drei Innenverteidiger zentral abräumen. Davor steht eine Dreierreihe mit defensiven Mittelfeldspielern, bei denen vor allem Laufarbeit Trumpf ist. "Du musst richtig viel laufen. Aber das gehört halt dazu. Gerade in unserem System ist es die Grundvoraussetzung, erfolgreich zu sein", bestätigt . Der Schweizer selbst legte gegen Gladbach in 85 Minuten über 12 Kilometer zurück.

Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen werden eng gehalten, um dem Gegner wenig Platz zum Spiel zu geben. "Wir schaffen es mittlerweile, das Spielfeld sehr klein zu halten. Unsere letzte Linie steht ungefähr 20 Meter hinter den Stürmern. Damit gelingt es, unsere Gegner von unserem Tor fernzuhalten in einer Zone, die für uns nicht gefährlich ist", fasst Jan Kirchhoff das erfolgreiche Defensivkonzept zusammen.

System ist ins Blut übergegangen

Die Leihgabe des FC Bayern glänzte zuletzt gegen Gladbach als zentraler Abräumer und ist überzeugt, dass "uns dieses System stark macht." Roberto Di Matteo hat es in den letzten Wochen intensiv einstudieren lassen. Jetzt scheint es den Schalkern ins Blut übergegangen zu sein. Die Elf wirkt strukturiert, gefestigt und verfolgt auf dem Platz einen klaren Plan. Es scheint fast, als habe diese Schalker Mannschaft mit dem Defensivkonzept ihres Trainers, gepaart mit Einsatzwillen und Zusammenhalt, eine neue Identität gefunden.

Schalke definiert sich über die Abwehrleistung - das ist nicht unbedingt attraktiv, verspricht auch kein Spektakel. Aber zum einen beweist die Mannschaft dabei ihre Geschlossenheit, zum anderen ist das Modell schlicht effektiv. Der Erfolg gibt Roberto Di Matteo Recht. Zum ersten Mal in dieser Saison grüßt Schalke nach fünf Spielen ohne Niederlage und sieben Punkten zum Rückrundenstart von Platz drei der Tabelle.

Was geht in der Champions League?

Mit Spannung bleibt jetzt abzuwarten, wie sich die Schalker Abwehrkünstler bei einem Härtetest der besonderen Art machen. Auf Di Matteo und seine Spielern wartet eine Prüfung in zwei Teilen. Zunächst geht es am Samstag zu Eintracht Frankfurt. Und mit den Hessen um ihren Top-Torjäger Alex Meier (14 Treffer) wartet auf die Knappen der drittbeste Sturm der Bundesliga (38 Tore). Frankfurt ist zwar selbst extrem anfällig, steht aber zumeist für ein großes Offensivspektakel, das die Schalker ordentlich unter Druck setze dürfte (Duell-Vorschau).

Nur vier Tage später folgt der Pflicht dann die Kür – und die hat es in sich. Real Madrid und Cristiano Ronaldo geben in der Champions Legaue ihre Visitenkarte in Gelsenkirchen ab. Noch vor einem Jahr hatten die "Königlichen" den S04 im eigenen Stadion nach allen Regeln der Fußballkunst mit 1:6 zerlegt. Jetzt  blüht auf Schalke so etwas wie Hoffnung und neues Selbstvertrauen – Di Matteos Mauerfußball sei Dank.

Mit seiner defensiven Ausrichtung hat Schalkes Trainer übrigens schon einmal in der Champions League bei einem spanischen Top-Klub für Verzweiflung gesorgt. 2012 zog er dank kompakter Defensivstrategie mit dem FC Chelsea dem Starensemble des FC Barcelona den Nerv und schaltete die Katalanen im Halbfinale aus. Das Ende ist bekannt: Chelsea stand im Endspiel, schlug in München den FC Bayern und gewann die Champions League...

Dietmar Nolte