Gelsenkirchen - Er war in der vergangenen Saison ein deutliches Spiegelbild Schalker Befindlichkeit. In der Hinrunde noch einer der besten Torschützen der Liga, gelang Eric Maxim Choupo-Moting in der zweiten Halbserie nur noch ein einziger Treffer. Jetzt aber ist der Nationalspieler wieder da, beim Schalker Sieg in Bremen war er einer der besten auf dem Platz.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Choupo-Moting über die Beziehung zwischen Club und Fans, über die Verarbeitung der vergangenen Saison und über die Gründe für den gelungenen Saisonstart der "Knappen".

bundesliga.de: Herr Choupo-Moting, noch vor kurzem schien auf Schalke die Liebesbeziehung zwischen Fans und Verein stark belastet, nun aber haben sich alle wieder lieb. Wie geht man um mit diesen Wirrungen der Gefühle?

Eric Maxim Choupo-Moting: Ich denke, dass der Fußball heute ein so großes Spektakel ist, dass auch die Emotionen und damit die Ausschläge nach oben und unten immer größer werden. Unsere vergangene Saison war ein gutes Beispiel dafür, wie es aussieht, wenn es nicht läuft. Schalke ist ein ganz besonderer Verein mit besonderen Emotionen. Da wird das Umfeld schon mal etwas schneller unruhig. Aber wer schon längere Zeit Profi ist, weiß, dass das dazu gehört, dass man damit umgehen können muss und dass sich die Dinge schnell wieder ändern können. Wir sind erfolgreich gestartet und spielen wieder attraktiven Fußball. Das muss unser primäres Ziel sein. Denn so bekommen wir die Fans dauerhaft wieder auf unsere Seite.

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bundesliga.de: Nimmt man eine Saison wie die vergangene mit in die Sommerpause, oder muss ein Profi das an sich abperlen lassen?

Choupo-Moting: Zu große Selbstzweifel würden kaum helfen. Es steht zwar außer Frage, dass man auch aus schlechten Zeiten lernen und etwas für sich mitnehmen kann. Aber wie gesagt - als Profi weiß man, wie schnell sich die Dinge ändern können. Ich jedenfalls habe die vergangene Saison nicht mit in die Sommerpause genommen, sondern war mir immer sicher, dass jetzt bessere Zeiten kommen und wir besseren Fußball spielen werden. Wir haben einen neuen Trainer mit neuen Strukturen, der ganz bewusst nicht auf die Vergangenheit eingegangen ist, weil das nicht seine, sondern die Arbeit eines anderen war. Wir konzentrieren uns ausschließlich darauf, was wir gemeinsam vorhaben. Das scheint uns gut zu tun.

bundesliga.de: Tatsächlich hat man das Gefühl, dass wieder eine echte Mannschaft auf dem Platz steht, die nach dem Spiel sogar gemeinsam getanzt hat...

Choupo-Moting: Daran hat der Trainer einen großen Anteil. Gerade das Tanzen nach dem Spiel zeigt, dass wir eine homogene Gemeinschaft bilden. Wir verstehen uns alle gut und haben Spaß miteinander. Nur so kann man gemeinsam Gas geben und Erfolg haben. Bereits im Trainingslager wurde die Grundlage gelegt, jetzt folgen die buchstäblichen Resultate. Sicherlich werden Phasen kommen, in denen es einmal nicht so gut läuft. Dann kommt es darauf an, dass wir zusammenstehen, immer in dem Bewusstsein, bereits gezeigt zu haben, dass wir es können. So wird sich der Erfolg schnell wieder einstellen.

bundesliga.de: André Breitenreiter scheint vom ersten Tag an den richtigen Ton getroffen zu haben. Wie kann ein Trainer die Spieler unmittelbar auf seine Seite ziehen?

Choupo-Moting: Es ist die gesamte Art und Weise, wie der Trainer mit uns spricht. Er hat sehr deutlich angesprochen, was wir verbessern müssen, etwa dass wir als Mannschaft kompakter agieren müssen und eine bessere physische Verfassung benötigen. Bei aller Deutlichkeit zeigt er aber auch immer wieder eine gewisse Lockerheit. So hat er im Trainingslager schon mal eine Belohnung in Aussicht gestellt, wenn er besonders zufrieden war mit unserer Leistung. Da gab es auch mal einen freien Nachmittag. Kurzum: Herr Breitenreiter ist authentisch, und dass er zu seinem Wort steht, stachelt unseren Ehrgeiz umso mehr an - gerade in den Trainingseinheiten, die vielleicht nicht so angenehm sind.

"Breitenreiter ist authentisch"

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bundesliga.de: Gab es auch den gegenteiligen Fall, also eine Bestrafung?

Choupo-Moting: An eine solche Maßnahme im Trainingslager kann ich mich nicht erinnern. Aber selbstverständlich spricht er es deutlich an, wenn er mit dem Training einmal nicht so zufrieden ist. Waren wir im Trainingslager läuferisch an einem Tag nicht so gut drauf, wussten wir, dass wir am nächsten Tag besonders hart arbeiten müssen.

bundesliga.de: Was ist - "außer" dem Trainer - noch anders in dieser Saison?

Choupo-Moting: Wir alle wissen, dass das vergangene Jahr unbefriedigend und sehr anstrengend war. Alle haben begriffen, dass jeder Gas geben muss, wenn wir wieder Erfolg haben wollen. Auf diesem Niveau reicht es nicht, ein, zwei gute, individuelle Aktionen zu haben, um ein Spiel entscheiden zu können. In der vergangenen Saison konnte uns ein vermeintlicher Underdog schon mal dominieren. Das aber darf Schalke 04 und damit uns einfach nicht passieren. Zudem sehnt sich im Unterbewusstsein wohl jeder danach endlich wieder mehr Spaß an der Arbeit zu haben. Jeder achtet ganz besonders darauf, wie er sich mit seinen Mitspielern auseinandersetzt.

"Die Darmstädter werden 110 Prozent abrufen"

bundesliga.de: Keine Frage, Schalke ist ein Club mit berechtigten Ambitionen. Macht das eine Saison ohne Champions League zu einer verlorenen für den Club?

Choupo-Moting: Nein. Eine verlorene Saison ist es auf gar keinen Fall. Denn der wichtigste Wettbewerb bleibt ohnehin immer die Bundesliga. Und auch die Europa League-Teilnahme empfinde ich als sehr positiv. Deutschland international zu vertreten ist immer schön. Was die Champions League betrifft: Die Teams, die in dieser Saison dort spielen, haben es sich in der vergangenen redlich verdient. Einige andere Teams in der Bundesliga haben einen Schritt nach vorne gemacht, so dass es schwieriger wird sich zu qualifizieren. Wer nicht konstant gut spielt, wird es am Ende schwer haben. Das muss man verinnerlichen.

bundesliga.de: Wie nachhaltig ist die neue Schalker Stärke schon?

Choupo-Moting: Ich glaube, dass es zu früh ist, das seriös bewerten zu können. Wie gesagt, einen kleinen Dämpfer kann es immer mal geben. Alleine die Tatsache aber, dass wir im Team eine sehr gute Atmosphäre und in den bisherigen Spielen nicht nur gewonnen, sondern die Gegner zu großen Teilen dominiert haben, werte ich als sehr gutes Zeichen. Selbst Außenstehende und Unparteiische haben gesagt „Alle Achtung, das ist ein ganz anderes Schalke als in der vergangenen Saison!“. Ja, ich habe ein sehr gutes Gefühl. Denn gerade der Saisonstart ist wichtig in der Bundesliga.

bundesliga.de: Am Samstag kommt mit Darmstadt 98 ein Aufsteiger in die Veltins-Arena (Samstag, ab 15:00 Uhr im Liveticker). Hilft es, dass Ihr Trainer noch wissen dürfte, mit welcher Euphorie ein Aufsteiger gerade zu Saisonbeginn zu Werke geht?

Choupo-Moting: Das kann definitiv helfen! Und ich denke, dass er uns das mit auf den Weg geben wird. Die Darmstädter werden 110 Prozent abrufen. Für diese Jungs ist gerade am Anfang jedes Spiel etwas ganz Besonderes und sie werden ihr letztes Hemd für jedes Erfolgserlebnis geben. Aber wir spielen zu Hause, wir sind Schalke 04. Das müssen wir den Gegner spüren lassen. Wir müssen diesem Spiel unseren Stempel auf drücken, das muss unser Anspruch sein. Aber wir unterschätzen niemanden. Ich habe großen Respekt vor der Leistung von Darmstadt. Wer über eine Saison hinweg in der 2. Bundesliga so konstant auftritt, dass er am Ende aufsteigt, hat ohne Frage eine große Leistung vollbracht.

Das Gespräch führte Andreas Kötter