Nürnberg/Stuttgart - Am 22. Spieltag, beim direkten Aufeinandertreffen des VfB Stuttgart und des 1. FC Nürnberg, hat man gesehen, wie groß der Unterschied zwischen beiden Clubs ist.

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren sind es diesmal jedoch die Schwaben, die im Abstiegskampf stecken, während der FCN eine sorgenfreie Spielzeit genießt und beschwingt auftritt.

Um die Situationen beider Vereine genauer zu betrachten, eignet sich wohl niemand besser als Willi Entenmann, der insgesamt 19 Jahre in Stuttgart und Nürnberg als Spieler und Trainer tätig war. Im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de analysiert der gebürtige Schwabe die Situation der Traditionsclubs.

bundesliga.de: Der 1. FC Nürnberg sorgt in der Rückrunde bislang für viel Aufsehen. Wie beurteilen Sie die Situation des "Clubs"?

Willi Entenmann: Ich freue mich sehr, dass es beim "Club" insgesamt schon seit circa einem Jahr in die richtige Richtung geht, Ruhe eingekehrt ist und dass alle an einem Strang ziehen.

bundesliga.de: Sehen Sie darin auch die Hauptursachen oder gibt es noch andere Gründe, warum es so gut läuft?

Entenmann: Es ist eine neue Vereinsführung da, aber besonders wichtig ist, dass der FCN in Dieter Hecking einen Trainer gefunden hat, der zum Verein passt. Der "Club" ist wieder eine Einheit - alle Abteilungen, Trainergespann, Verein und das Umfeld ziehen an einem Strang. Ich glaube, dass da gerade auch große Zufriedenheit herrscht. Wenn man bedenkt, dass mit Schalke, Bremen und auch Stuttgart direkt drei große Mannschaften hinter dem FCN stehen, ist das schon toll.

bundesliga.de: In den vergangenen Jahren war es ja so, dass man mit dem 1. FC Nürnberg zumeist biederen Fußball verbunden hat, weil das Team zumeist im Abstiegskampf steckte. Am vergangenen Samstag gegen Stuttgart war das ganz anders, da hat der "Club" hervorragend gespielt. Wie sehen Sie das?

Entenmann: Die Mannschaft hat sich natürlich schon weiterentwickelt und, wie man so sagt, derzeit einen Lauf. Allerdings sollte man Stuttgart nicht undbedingt als Maß nehmen. Der VfB hat nicht so stark gespielt in dieser Partie. Dennoch muss man sagen, dass sich der "Club" dieses Ergebnis einfach verdient hat. Besonders die jungen Spieler waren gut, allen voran Julian Schieber. Bei ihm tut einem das Herz als VfBler ein bisschen weh, dass er sich jetzt beim FCN so gut entwickelt und so toll spielt. Aber er erfährt im "Club" halt die Rückendeckung, die er braucht und der Verein hat einen jungen Spieler, der in der Bundesliga für Furore sorgt.

bundesliga.de: Wo sehen Sie denn die Stärken von Julian Schieber?

Entenmann: Was ihn derzeit auszeichnet ist seine Unbekümmertheit und das Wissen darum, dass er auch spielt, wenn es mal nicht so gut läuft. Das ist die Rückendeckung, die ich angesprochen habe. Die erfährt er vom Trainer, aber auch von der Mannschaft. Das war bei Stuttgart auch damals mit Mario Gomez so. Obwohl er damals auch noch sehr jung war, hat der Trainer, die Mannschaft, das Publikum an ihn geglaubt. Und so ist das jetzt auch bei Julian Schieber in Nürnberg. In so einer Situation hat man auch das nötige Glück, die Tore zu machen. Julian hat einen großen Schritt gemacht.

bundesliga.de: Nun ist Julian Schieber, genau wie Mehmet Ekici, ja nur ausgeliehen. Sehen Sie da für die kommende Saison die Gefahr, dass mit diesen beiden Spielern wichtige Größen wegbrechen, die eventuell nicht ersetzt werden können?

Entenmann: Natürlich besteht da eine gewisse Gefahr. Wichtiger ist aber, dass sich die Mannschaft und der Verein generell stabilisiert. Das ist der entscheidende Faktor. Ob der FCN jetzt am Saisonende Fünfter, Siebter oder Neunter wird, ist egal. Wichtig ist, dass die Mannschaft Stabilität bekommt, und die bekommt sie nun durch die derzeitigen Erfolge. Dass in der kommenden Saison ausgeliehene Spieler vielleicht wieder zu ihrem Verein zurück gehen, ist der Führung in Nürnberg ja bekannt. Da kann sie bereits jetzt dran arbeiten und sich nach Ersatz umschauen. Das ist nicht einfach, aber durchaus machbar. Doch der "Club" hat sehr viele junge Spieler mit Perspektive, was eine tolle Jugendarbeit seitens des FCN beweist. Das muss man auch einmal honorieren.

bundesliga.de: Darauf wollte ich jetzt zu sprechen kommen: Mit Almog Cohen und Timothy Chandler haben sich in der Partie beim VfB Stuttgart direkt zwei junge Spieler in den Vordergrund gespielt.

Entenmann: Ja, das ist sehr erfreulich. Wenn man an meine Zeit beim FCN zurück denkt, ist die Jugendarbeit immer in Frage gestellt worden, obwohl immer junge Talente da waren. Aber jetzt hat sich das in die richtige Richtung entwickelt und der "Club" wird dafür belohnt. Da steht jetzt eine Mannschaft auf dem Platz, die strukturell optimal zusammengesetzt ist. Da gibt es erfahren Spieler wie Javier Pinola, Andreas Wolf oder Torwart Raphael Schäfer. Dazwischen gibt es dann immer wieder junge Spieler. Das ist toll, wenn man die alle so spielen sieht. Da hat der Verein den richtigen Weg gefunden. Doch jetzt kommt das Aber. Aber wenn man diesen Weg geht, muss man darauf achten, dass man ihn auch richtig geht. Das hat man in Stuttgart nämlich erlebt. Da gab es viele gute junge Spieler, wie Kevin Kuranyi, Alexander Hleb, Mario Gomez. Da ginge es fast immer mal rauf, dann mal wieder runter. Das war ein stetiges Auf und Ab. Die Mechanismen sind doch so: Wenn man in einen europäischen Wettbewerb einzieht, heißt es plötzlich, dass man sich mit erfahrenen Spielern verstärken muss. Oft ist das aber so, dass es mit erfahren Spielern dann wieder einen Schritt zurück geht. In Stuttgart hat man in dieser Hinsicht zuletzt Lehrgeld zahlen müssen.

bundesliga.de: Also sehen Sie die derzeitige Situation in Stuttgart als hausgemacht an?

Entenmann: Das ist beim VfB nicht so leicht zu erklären. Wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, war immer derselbe Rhythmus da. Als Markus Babbel übernommen hatte, spielte die Mannschaft eine tolle Rückrunde. Die Hinrunde der folgenden Saison ging daneben und Christian Gross kam, spielte mit Stuttgart eine tolle Rückrunde und schaffte die Qualifikation für die Europa League. Doch auch dann gings in der Hinrunde danach, in dieser Saison, runter. Das sind Zyklen, wo man das Gefühl hat, dass man sich mit denen abfindet, weil man denkt, man kommt da wieder raus. Davor, an einen solchen Zyklus zu glauben, muss man sich hüten. Ich habe das als Spieler in Nürnberg selbst erlebt. Wir standen im Halbfinale des Europapokals und haben die vorhanden Anzeichen, dass wir in der Bundesliga nur noch sehr wenige Spiele gewonnen haben, gar nicht wahrgenommen. Auch das Umfeld nicht.

bundesliga.de: Weil der Fokus auf Europa liegt...

Entenmann: Ja. Wir haben immer gedacht, dass es toll ist, dass wir so weit gekommen sind und dass wir eine gute Mannschaft haben. Niemand hat geglaubt, dass wir gefährdet sind. Wenn man noch 15 Spiele hat und man hinterher hängt, dann glaubt man, dass man das noch schafft. Doch dann laufen einem plötzlich die Spiele weg. Dann steht man da, fünf Spieltage vor Schluss, und muss eigentlich jedes Spiel gewinnen. Dass der VfB in diese Lage kommt, wünsche ich natürlich nicht. Aber wenn man sich die Sache anschaut, ist die Lage sehr ernst.

bundesliga.de: Wie stellt sich die Situation in Stuttgart denn dar?

Entenmann: Was schwierig ist, ist die Tatsache, dass bereits der dritte Trainer da ist. Jeder Trainer arbeitet anders und hat eine andere Vorstellung davon, Fußball zu spielen. Da brauchen auch die Spieler immer ihre Zeit, um sich darauf einzustellen. Dann kommt die Verunsicherung dazu, die da ist, auch wenn man nach außen hin ein anderes Bild projiziert. Die Mannschaft braucht einfach ein Erfolgserlebnis.

bundesliga.de: So ein Erfolgserlebnis, dachte man, hätte ja das Spiel in Mönchengladbach sein können, das man nach 0:2-Rückstand noch mit 3:2 gewonnen hatte.

Entenmann: Lassen Sie mich mal den 1. FC Köln als Beispiel nehmen. Die haben sich die letzten Erfolge jeweils über 90 Minuten verdient. Beim VfB war es in Gladbach so, dass die erste Halbzeit nicht gut war. Durch bestimmte Umstände hatte die Mannschaft dann das Glück, dieses Spiel noch zu gewinnen. Auch beim Sieg gegen Mainz hatte man Glück, da war der FSV eigentlich die bessere Mannschaft. Derzeit ist es beim VfB so, dass die Spieler eine Blockade haben und die Leistung, die sie zu bringen im Stande sind, nicht abrufen können. Da haben Bruno Labbadia und Fredi Bobic dann auch recht wenn sie sagen, dass in dieser Situation nur Ergebnisse helfen. Nach dem Sieg in Gladbach hatte ich gedacht: Das kann so ein wichtiges Ergebnis gewesen sein. Doch dann kommt mit dem 1. FC Nürnberg eine Mannschaft, die frech und unbekümmert auftritt und alles wieder wegwischt. Die Mannschaft braucht ein gutes Spiel, in dem sie über 90 Minuten zeigt, dass sie das bessere Team ist und den Sieg verdient hat.

bundesliga.de: Wie fällt Ihre Prognose aus?

Entenmann: Ich bin immer schon Realist gewesen und deshalb kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass der VfB mit dieser Mannschaft, mit diesem Hintergrund als einer der großen Vereine in Deutschland, dass der diesen Weg nehmen und absteigen muss. Das kann ich mir nicht vorstellen. Von daher hoffe ich immer, dass sie mal in eine kleine Serie kommen. Da reichen ja schon nur zwei Spiele, die du gewinnst und schon bist du aus dem Gröbsten raus. Der Abstand ist ja nicht groß. Als mich Arie Haan damals nach Stuttgart geholt hat, war die Situation viel schlimmer. Und wir haben es tatsächlich geschafft, weil du plötzlich Erfolgserlebnisse gehabt hattest.

bundesliga.de: Und wie stehen Ihrer Meinung nach die Möglichkeiten für den 1. FC Nürnberg? Die Champions League ist sicherlich zu hoch gegriffen, aber Platz 5 ist nur fünf Zähler entfernt.

Entenmann: Ich finde es sehr gut, dass Dieter Hecking und die gesamte Vereinsführung in dieser Hinsicht eine sehr defensive Linie fahren und nach wie vor darauf bedacht sind, den Klassenerhalt schnellstmöglich zu sichern. In den vergangenen beiden Jahren steckte der "Club" ja immer in der Relegation, ein Mal um den Aufstieg, dann um den Abstieg. Dass diese Spiele nicht immer nach Wunsch verlaufen, ist klar. Daher finde ich es gut, dass der FCN weiter von Spiel zu Spiel denkt. Wenn dann mal 40, 45 Punkte eingefahren sind, kann man weiter schauen, was noch machbar sein könnte und sich zwangsweise neue Ziele setzen.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig