Wie von einer Zentnerlast befreit kam Kevin Kuranyi aus der Kabine - gut gelaunt, mit einem Schmunzeln auf den Lippen. "Wie geht es euch?", fragte der Nationalmannschaftsflüchtling nach dem 3:1 (2:0) von Schalke 04 im UEFA-Cup gegen Paris St. Germain in die Runde.

Und nach seinem eigenen Befinden befragt, antwortete der 26-Jährige philosophisch: "Mir geht es besser als gestern und schlechter als morgen." Sprach's und verschwand mit einem freundlichen Lächeln, aber ohne ein weiteres Wort.

Fans feiern Kuranyi

Wie groß die Erleichterung nach seinem Traumtor in den Winkel zum vorentscheidenden 2:0 (39.) war, wie schwer die Last, die von seinen Schultern fiel, wie groß die Genugtuung, als ihm beim 3:0 durch seinen Sturmpartner Halil Altintop (69.) eine geniale Vorlage mit dem Außenrist gelang, wie groß die Freude über die "Kuranyi, Kuranyi"-Rufe, die durch die Arena hallten - er sagte es nicht und beantwortete doch alle Fragen.

Die überzeugende Leistung zwölf Tage nach seiner spektakulären Flucht aus der Nationalmannschaft und dem Rauswurf durch Bundestrainer Joachim Löw war Kuranyis sportliche Antwort auf die geballte Kritik, die Anfeindungen und Schmährufe. Weitere Worte erübrigten sich eigentlich.

Lob von Rutten und Müller

Allerdings nicht für Trainer Fred Rutten und Manager Andreas Müller, die die erfolgreiche Selbsttherapie ihres Torjägers würdigten. "Kevin hat nicht nur ein Tor geschossen, sondern seine Arbeit auch fußballerisch gut gemacht", lobte der niederländische Coach seinen Mittelstürmer, der allerdings erst nach dem befreienden sechsten Saisontor aufblühte.

Dass Kuranyi sich danach immer besser ins Schalker Passspiel einfügte, seine Mitspieler in Szene setzte und ihm kaum noch Stockfehler unterliefen, war Müller sogar noch wichtiger als das Tor.

"Wir wollen sehen, dass er sich ins Spiel einbringt, dass er sich etwas zutraut, dass er die Entscheidung sucht und nicht zaudert", sagte der Manager, nachdem er genau diese Qualitäten ab der 39. Minute gesehen hatte.

"So einfach ist das!"

Dass Kuranyi vier Tage zuvor beim 1:1 in Hamburg noch ziemlich unauffällig agiert hatte, strich Müller großzügig: "Das nehme ich aus der Bewertung heraus. Viele haben schon in Hamburg mit einer Explosion gerechnet, aber er ist zu sehr Mensch, dass das auf Knopfdruck geht."

Welchen Unterschied für einen grübelnden und verunsicherten Torjäger ein Tor machen kann, durfte Kuranyis Sturmpartner Altintop aus nächster Nähe beobachten.

"In seiner Körpersprache lagen Welten zwischen Hamburg und heute", meinte der Türke, der Kuranyi nach dessen Treffer aufmunternd zugerufen hatte: "Siehst du, Junge, so einfach ist das!"