"Hans Meyer zu beschreiben ist einerseits sehr schwer, andererseits sehr einfach", sagt Jörg Stiel über den neuen Trainer von Borussia Mönchengladbach.

Der Schweizer, der zwischen 2001 und 2004 Leistungsträger und Publikumsliebling bei den "Fohlen" und während dieser Zeit knapp zwei Jahre unter Meyer aktiv war, hat eine hohe Meinung von dem 65-jährigen Fußballlehrer.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der ehemalige Torwart Stiel über den Menschen und Trainer Meyer und erklärt, warum er genau der Richtige für die Borussia ist. Außerdem nennt er Gründe für Meyers manchmal gewöhnungsbedürftigen Umgang mit Journalisten.

bundesliga.de: Herr Stiel, wie haben Sie von dem Trainerwechsel bei Borussia Mönchengladbach hin zu Hans Meyer erfahren?

Jörg Stiel: Sportdirektor Max Eberl ist ein Freund von mir, und ab und zu reden wir zusammen. Spätestens nach der Niederlage gegen Köln (1:2, Anm.d.Red.) - denn du musst in Gladbach zwei Dinge tun, nämlich Köln und Bayern schlagen - war mit klar, dass Jos Luhukay gehen muss. Und dann war der Gedankensprung zu Hans Meyer nicht sehr weit. Einige ehemalige Profis wie Eberl, Steffen Korell (Teammanager, Anm.d.Red.), Arie van Lent und eben auch ich sind alle sehr geprägt worden von der Zusammenarbeit mit ihm. Da er frei war, musst du nur eins und eins zusammenzählen, die zwei war dann Hans Meyer.

bundesliga.de: Sie haben schon angesprochen, dass Sie knapp zwei Jahre unter Meyer aktiv waren. Standen Sie danach regelmäßig mit ihm in Kontakt, auch heute noch?

Stiel: Wir hatten und haben regelmäßig Kontakt. Gestern habe ich zuletzt mit ihm telefoniert. Während unserer gemeinsamen Zeit und auch danach hat sich ein persönliches Verhältnis entwickelt. Wir haben nicht nur zusammen gearbeitet, sondern sind darüber hinaus auf menschlicher Basis sehr gut miteinander ausgekommen.

bundesliga.de: Dann kennen Sie ihn natürlich sehr gut. Der Trainer Meyer kommt in den Medien oft etwas knorrig rüber und ist bekannt für seinen trockenen Humor. Wie beschreiben Sie ihn, was sind seine Charakterzüge?

Stiel: Hans Meyer zu beschreiben ist einerseits sehr schwer, andererseits sehr einfach. Er ist von seiner Fachkompetenz her unbestritten, absolut überragend. Er hat Strukturen und aufgrund seiner hohen menschlichen Qualitäten ist er in der Lage, seine Vorstellungen an die Mannschaft weiterzugeben. Er bringt grundsätzlich immer Ordnung, aber nicht im Sinne von Drill oder Strafen. Jeder weiß, was er auf dem Spielfeld zu tun oder zu lassen hat. Über Fußball kannst du immer mit ihm reden, auch wenn er das mit mir damals nicht getan hat. Er hat gesagt: Stiel, du bist ein Fußball-Blinder. Sein Spielsystem, dieses offensive Verteidigen im 4-3-3-System, das nur mit einer klaren Aufgabenverteilung funktioniert, beherrscht er wie kein Anderer in der Liga. Du hast natürlich viele Fachleute, aber oft ist es ein Problem, wie du dein Wissen weitergibst. Mit seiner Lebenserfahrung und Menschenkenntnis weiß er genau, wie er die Leute zu nehmen hat und seine Ideen vermitteln kann. Das ist seine große Stärke.

bundesliga.de: Das war jetzt eine ganz schöne "Lobhudelei". Hat Meyer überhaupt auch Schwächen?

Stiel: Die Journalisten beschweren sich ja immer mal wieder über ihn, teilweise vielleicht auch, weil sie seinen Humor nicht verstehen. Das Verhältnis mit den Medien habe ich während meiner Karriere immer als ein gegenseitiges Geben und Nehmen verstanden: Die eine Seite will ihre Zeitung verkaufen, ich als Spieler kann mir das zu Nutze machen, indem ich mich sehr gut darstelle und verkaufe. Das Verhältnis muss natürlich von Respekt und Achtung geprägt sein. Er verfügt sicherlich über einen Humor, den nicht jeder versteht. Aber er verlangt, dass sich Journalisten Gedanken über das Geschäft Fußball machen und ihre Fragen daran orientieren. Was er hasst, ist fachliche Inkompetenz. Dann wird er ziemlich komisch. Es geht ihm um Differenzierung, um einen Ausblick über Sieg und Niederlage hinaus. Das Spiel gegen Karlsruhe war nicht berauschend, aber eben erfolgreich. So ist es in der Bundesliga. Hans sieht das anders und bewertet nicht nur die Ergebnisse. Er hat mir am Telefon gesagt: Wir haben schlecht gespielt. Diese Differenzierung jenseits von Schwarz und Weiß fehlt ihm manchmal einfach. Wenn du das beherzigst, weißt du auch wie du mit Hans Meyer umgehen musst. Jetzt habe ich aber immer noch keine Schwäche genannt, oder? (lacht)

bundesliga.de: Anscheinend ist das eine etwas kniffligere Aufgabe…

Stiel: Als ich aus der Schweiz nach Gladbach und zu Hans Meyer gekommen bin, habe ich gedacht: Jetzt fängt die knallharte Bundesliga an. Der Verein ist aber zu dieser Zeit noch familiärer geführt worden als ich es kannte, und die Mannschaft hat charakterlich funktioniert. Ich war nicht mehr ganz jung, mir musste man nicht alles haarklein erklären. Ich habe ehrlich an diese knapp zweijährige Zusammenarbeit mit ihm keine negative Erinnerung. Es war eine wunderbare Zeit, in der ich jeden Morgen mit Spaß zum Training gefahren bin, obwohl wir eine schwierige Situation hatten. Bei Hans hattest du immer das Gefühl, er hat alles im Griff. Das gibt dir auch als Spieler ein gutes Gefühl. Ich kann wirklich nichts Negatives über Hans Meyer sagen, es tut mir leid.

bundesliga.de: Also ist das Bild des "harten Hundes" nicht richtig?

Stiel: Jeder Spieler hat immer die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Die Initiative muss allerdings von ihm selbst ausgehen. Ich kann nicht verstehen, dass Fußballer sich beschweren, der Trainer müsse mit ihnen reden. Ich sage: Geh doch hin und frag ihn selbst. So ein Zusammenspiel verlangt Hans Meyer, auch in seinem Trainingsaufbau. Jeder muss sich aus den Einheiten das rausholen, was er für die Spiele braucht. Wer bei Meyer ein Unterhaltungsprogramm wie von einer Eventagentur erwartet, ist falsch. Für seine Motivation ist jeder eigenverantwortlich. Wenn der aktuelle Kader das begreift, wird er viel Spaß mit Hans Meyer haben, und es wird sich relativ schnell Erfolg einstellen. Davon bin ich hundertprozentig überzeugt.

Das Gespräch führte Tim Tonner

Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews mit Jörg Stiel!