München - Der vielleicht wichtigste Neuzugang bei Bayer Leverkusen heißt: Patrick Helmes. Der 26 Jahre alte Stürmer steht zwar bereits seit zwei Jahren beim "Werksclub" unter Vertrag, verlor nach einem Kreuzbandriss aber fast eine ganze Saison. Gegen Dänemark steht der Angreifer endlich wieder im Kader der Nationalmannschaft und will auch in der Liga richtig angreifen. Denn bisher blieb seine vielversprechende Karriere unvollendet.

Seine Leistungen gingen im Jubel um den Wolfsburger 54-Tore-Meistersturm Edin Dzeko und Grafite etwas unter, aber der Weg von Patrick Helmes schien im Sommer 2009 vorgezeichnet. "Mein Ziel mit der Nationalmannschaft ist es, zukünftig immer dabei zu sein. Und bei der WM 2010 möchte ich gerne eine wichtige Rolle spielen", hatte er wenige Monate zuvor zu bundesliga.de gesagt. Tatsächlich konnte er sich mit 21 Toren in der Saison 2008/09 berechtigte Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme machen.

Erste Schritte: Über Siegen nach Köln

Die Reise nach Südafrika wäre die vorläufige Krönung einer vielversprechenden Karriere gewesen. Helmes war im Jahr 2000 zwar als 16-Jähriger vom 1. FC Köln nach Siegen weggeschickt worden, weil er den FC-Verantwortlichen körperlich zu schwach erschien. Das Talent aber war ihm von Vater Uwe, der für Duisburg und Fortuna Köln spielte, in die Wiege gelegt worden. Er war es auch, der den Sohn drängte, mit dem Fußball weiter zu machen, als Patrick in der B-Jugend in einer Krise steckte. Bei den Sportfreunden Siegen ballerte sich Patrick Helmes schließlich in der Regionalliga Süd an die Spitze der Torjägerliste, mit 21 Toren in der Saison 2004/05 - und Köln holte den verlorenen Sohn zurück.

Der Verein stieg in der Saison 2005/06 ab, aber der damals 21 Jahre alte Helmes schoss in seiner Debütsaison vier Tore in 13 Spielen. Das erste davon ausgerechnet gegen seinen späteren Verein Bayer Leverkusen, das zweite bei einem Spiel in Nürnberg, das Köln mit 1:2 velor. Kurios: Beide "Club"-Tore schoss Stefan Kießling, der Jahre später Helmes Sturmpartner bei Bayer werden sollte.

Aufstieg und Länderspieldebüt

Nach dem Abstieg mit Köln erzielte Helmes 14 Treffer in 19 Spielen in der 2. Bundesliga. Allein an den ersten fünf Spieltagen gelangen ihm sieben Tore. Dann kam zum ersten Mal in seiner Karriere eine Verletzung dazwischen. Er brach sich das Bein, der FC musste bis zum 21. Spieltag auf seinen Top-Stürmer verzichten. Immerhin feierte Helmes als Zweitligaspieler in dieser Saison sein Debüt in der Nationalelf, gegen Dänemark, den Länderspielgegner vom Mittwoch. Aus dem Kader für die EURO 2008 wurde Helmes aber kurz vor der Abreise gestrichen.

Der Stürmer machte dennoch einfach da weiter, wo er aufgehört hatte. Kein Wunder, dass Köln der Aufstieg erst 2007/08 gelang, als Helmes gesund blieb und den Club mit 17 Toren in 33 Spielen in die Bundesliga schoss. Zusammen mit Milivoje Novakovic bildete er damals den Traumsturm der 2. Bundesliga.

Diese Treffer waren aber zugleich Helmes Abschiedsgeschenk. Im Sommer 2008 wechselte der gebürtige Kölner wenige Kilometer rheinabwärts zum Erzrivalen aus Leverkusen - und galt mit besagten 21 Toren als sicherer WM-Fahrer. "Ich schaue mal kurz, was der Torwart macht und in welcher Ecke ich den Ball platzieren kann", erklärte er damals seinen Stil im "Focus", "aber wenn irgendwo ein Ball liegt, versuche ich ihn eben zu versenken". Und der ehemalige Topstümer Fredi Bobic lobte auf bundesliga.de: "Was mir am meisten imponiert, ist sein Abschluss, der oft auch risikoreich ist. Er nutzt beinahe jede Situation zum direkten Weg aufs Tor und zum direkten Abschluss."

Dem Urlaubskick folgt der Karriereknick

Dann kam der 12. Juni 2009. Einem Urlaubskick folgte der Karriereknick: Helmes Kreuzband riss, für den Leverkusener begann daraufhin ein Wettlauf mit der Zeit. "Die WM im Sommer 2010 bleibt mein Ziel. Ich setze auf die Rückrunde", sagte er. Doch Helmes sollte den Kampf verlieren. Der beidfüßige Mittelstürmer stand zur Rückrunde zwar wieder im Kader von Jupp Heynckes, war aber noch lange nicht der alte Torjäger. Er konnte weder Kießling noch den Schweizer Eren Derdiyok (21) aus der Startelf verdrängen, die beide gut miteinander harmonierten.

Helmes gelangen nur zwei Tore, eines am 25. Spieltag und eines am 34. - zu wenig für Südafrika. "Die Ärzte haben gleich gesagt, dass ich nach einem halben Jahr Pause noch mal genau so lange brauchen würde, um wieder in Top-Form zu kommen. Das wollte ich erst nicht glauben, aber es fehlten tatsächlich überall ein paar Prozent", sagte Helmes dem "kicker" in der Rückschau.

Fit, gut gelaunt, selbstbewusst

Jetzt aber ist Helmes wieder voll da. Und der Stürmer kündigt Großes an. "Ich bin stärker als vor meiner Verletzung", sagte er der "Rheinischen Post" und legte im "kicker" nach: "Für die Bank bin ich zu gut." In der Tat konnte Helmes die komplette Vorbereitung mitmachen. So hatte die Pause doch noch ihr Gutes, denn die Konkurrenten Kießling und Derdiyok weilten wochenlang bei der Weltmeisterschaft. "Für mein Knie und meine Kopf war es wohl gut, dass es so gekommen ist", erklärte Helmes im "Kölner Stadt-Anzeiger".

Der Angreifer ist mit zwölf Toren der erfolgreichste Testspiel-Schütze Leverkusens. Glaubt man Coach Heynckes, ist Helmes fit wie lange nicht mehr, gut gelaunt und selbstbewusst. Er kann wieder lachen und macht, was er am Besten kann: Aus allen Lagen Tore schießen.

Erstes Spiel im Europapokal

Ulf Kirsten, die Sturm-Legende unterm Bayer-Kreuz, adelte seinen Nachfolger jedenfalls schon 2009. "Er steht einfach richtig und überlegt nicht lange. Patrick entscheidet blitzschnell und schießt sofort", schwärmte er in der "Bild". Helmes will jetzt allen beweisen, dass sich daran nichts geändert hat. Schließlich gibt es da noch Kirstens Saisonrekord. Der liegt bei 22 Toren in einer Spielzeit - nur eines mehr, als Helmes in seiner bislang besten Saison gelang. Wieder einmal ist Helmes ein Versprechen auf die Zukunft. Bleibt er von Verletzungen verschont, stehen die Chancen gut, dass er dieses Versprechen endlich einlösen kann.

Außerdem wartet auf ihn eine Premiere. Wenn Bayer Leverkusen am 19. August in die Play-offs der Europa League eingreift, steht er aller Voraussicht nach in der Startelf. Merkwürdig, aber wahr: Helmes ist 26 Jahre alt, seit fünf Jahren Profi und wohl einer der besten deutschen Stürmer. Ein internationales Pflichtspiel für seinen Verein aber hat er noch nie bestritten.

Peter Seiffert