Köln - Der Weltmeister ist zurück! Die DFB-Elf bestreitet am Sonntag ihr erstes Pflichtspiel als beste Fußball-Mannschaft der Welt. In der EM-Qualifikation treffen die Jungs von Joachim Löw im Signal Iduna Park in Dortmund auf Schottland. Und obwohl die Favoritenrolle auf dem Papier klar scheint, plagen den Bundestrainer ein paar altbekannte Probleme.

Den Start in die neue Länderspielsaison hatten sich Ersatz-Kapitän Manuel Neuer und Co. mit Sicherheit anders vorgestellt. In der Neuauflage des WM-Finals gegen Argentinien setzte es eine auch in der Höhe verdiente 2:4-Niederlage. Die ’Gauchos’ haben Jogis Mannen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Spätestens jetzt dürfte auch dem Letzten klar geworden sein, dass man wieder im Alltag angekommen ist. Die WM-Euphorie taugte maximal dazu, die offenen Baustellen zu kaschieren, sie aber nicht zu schließen.

Viele offene Fragen für Jogi Löw

Vor dem so wichtigen Punktspiel gegen die ’Bravehearts’ muss sich Löw einige Fragen stellen. Zum Beispiel wer auf den Außenpositionen in der Viererkette ran darf. Die beiden Dortmunder Kevin Großkreutz und Erik Durm erwischten gegen Argentinien einen gebrauchten Tag. Zumindest Letzterer darf aufgrund mangelnder Alternativen aber trotzdem auf einen Startplatz hoffen. Für Großkreutz wird wohl Stuttgarts Youngster Antonio Rüdiger beginnen. In der Zentrale dürfte der zuletzt angeschlagene Jerome Boateng Matthias Ginter ersetzen. Der Innenverteidiger des FC Bayern hat seine überragende Form aus dem WM-Finale in die neue Saison gerettet und bewies auf Schalke, dass er der Rolle des Abwehrchefs gewachsen ist.

Doch nicht nur hinten drückte am vergangenen Mittwoch der Schuh. Mario Gomez erarbeitete sich in Düsseldorf eine Vielzahl an guten Möglichkeiten, nutzen konnte er jedoch keine und wurde prompt vom Publikum ausgepfiffen. Die schwache Chancenverwertung  war dem Bundestrainer auch schon während der Endrunde in Brasilien ein Dorn im Auge. Durch den Rücktritt von Miroslav Klose sind die Sorgen in vorderster Reihe nicht weniger geworden.

"Es haben einige wichtige Spieler gefehlt"

„Wir haben den einen oder anderen Fehler gemacht, aber das ist zu verzeihen, denn es haben wichtige Spieler verletzt gefehlt“, winkte Löw verständnisvoll ab und war direkt beim nächsten großen Problem angekommen: Mit Bastian Schweinsteiger, Mats Hummels, Sami Khedira, Mesut Özil sowie Julian Draxler (Zerrung) fehlen gleich fünf potenzielle Stammkräfte verletzt. Hinzu kommen Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm, die allesamt ihre Karriere im DFB-Dress beendet haben.

Doch es war nicht alles schlecht gegen Argentinien. Als Gewinner des Abends sind Christoph Kramer und Marco Reus zu nennen. Der Gladbacher überzeugte wieder einmal mit enormer Laufbereitschaft, aggressivem Pressing und forschen Vorstößen. Auch WM-Pechvogel Reus zeigte, was ihn zu einem der besten Spieler der vergangenen Bundesliga-Saison gemacht hat: Tempo, Spielintelligenz, taktische Flexibilität und Torgefahr.

Ebenfalls Werbung in eigener Sache machte Mario Götze. Dem Mittelfeldmann war anzumerken, dass er sich im Kreise der Nationalelf derzeit offenbar wohler fühlt als beim FC Bayern. Rochierte viel im Mittelfeld, harmonierte super mit Kumpel Reus und erzielte zudem das Tor zum 2:4. In den ersten Bundesligaspielen hingegen gab er nur einen Torschuss ab und bekam absolut kein Tempo in sein Spiel.

Überraschende Bilanz gegen Schottland

Gegen Schottland wird die DFB-Elf jedoch eine Menge Tempo brauchen - und einen langen Geduldsfaden. Die Spiele gegen die Briten waren stets hart umkämpft, oft mit überraschendem Ausgang. Von 15 Aufeinandertreffen gewann die deutsche Auswahl sechs, fünf Spiele endeten Remis bei vier Niederlagen. Die Tordifferenz ist bei 21:20 ebenfalls nahezu ausgeglichen. Das letzte Match am 10. September 2003 endete mit 2:1 für Deutschland.

Die 'Bravehearts' wollen der erwartet unangenehme Gegner sein und dem Weltmeister endgültig den Wind aus den Segeln nehmen. Coach Gordon Strachan weiß jedoch, dass die Schlappe gegen Argentinien nicht als Gradmesser dienen kann. "Wir werden auf ein komplett anderes Team treffen. Das ist ein Pflichtspiel, und die Deutschen werden lebendig, wenn es um ein Pflichtspiel geht. Wenn die Deutschen müssen, dann gehen sie ganz anders zu Werke.“

"Müssen beweisen, dass wir noch hungrig sind"

Vor allem das 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien hat mächtig Eindruck hinterlassen. Deshalb will Strachan seine Mannschaft so akribisch wie möglich auf das Spiel vorbereiten, "damit so etwas nicht passiert. Aber garantieren kann ich es nicht."

Trotz aller Tiefstapelei des Gegners ist man beim Gastgeber gewarnt und gelobt Besserung. “Wir sind uns alle einig, dass wir eine Schippe drauflegen müssen“, so Marco Reus. Sein Coach brachte es anschließend auf den Punkt: "Wir müssen als Weltmeister beweisen, dass wir noch hungrig sind."

Voraussichtliche Aufstellung:

Neuer – Rüdiger (Großkreutz), Höwedes, Boateng, Durm – Kramer, Kroos – Müller, Reus, Schürrle – Götze (Gomez)

Von Thomas Ziemann