Köln - Vor zwei Jahren wurde Norbert Elgert vom DFB als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Der A-Jugendtrainer des FC Schalke 04 gehörte schon damals zu den herausragenden Jugendtrainern und das ein Jahr bevor Deutschland in Brasilien Weltmeister wurde. Im WM-Kader 2014 standen mit Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes und Julian Draxler gleich vier Spieler, deren Karriere Elgert maßgeblich förderte. In diesem Sommer gewann der 58-Jährige mit der A-Jugend der Knappen zum dritten Mal die deutsche Meisterschaft.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Norbert Elgert über die Jugendarbeit, die Vorbereitung auf das Profidasein und die Bundesliga sowie Parallelen und Unterschiede zwischen dem Junioren- und Profifußball.

bundesliga.de: Herr Elgert, beim FC Schalke 04 ist die Durchlässigkeit für Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bis hoch zu den Profis am größten. In der letzten Saison setzte Schalke neun frühere Juniorenspieler bei den Profis ein, weitaus mehr als jeder andere Bundesligist. Wie stolz macht Sie das?

Norbert Elgert: Unser Verein hat allen Grund, darauf stolz zu sein. Ich bin sicher nicht ganz unbeteiligt. Aber stolz machen mich eher andere Dinge. Das Primärziel unserer Ausbildung ist immer, Spieler nach oben zu bringen. Wir machen unsere Aufgabe alle gemeinsam ganz gut.

bundesliga.de: Ihre Bescheidenheit ehrt Sie. Aber Schalke hat nicht nur viele Spieler zu den Profis hochgezogen, sondern aktuell nach 2006 und 2012 auch erneut die A-Jugendmeisterschaft gewonnen. Was macht Schalke besser als andere Clubs?

Elgert: Das weiß ich nicht, ich kann andere Vereine nicht beurteilen. Es ist definitiv so, dass in den Leistungszentren in Deutschland allgemein und nicht nur bei uns hervorragend ausgebildet wird. Bei uns sind sehr viele Spieler hochgekommen, aber das muss auch nicht so bleiben. Wir werden uns aber ganz sicher entsprechend engagieren, um auch weiterhin unabhängig von Titeln zur Spitze zu gehören.

"Es geht darum, Spiele zu gewinnen"

bundesliga.de: Wo liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit? Wollen Sie in erster Linie Spieler zu Profis machen oder mit den Junioren Titel gewinnen?

Elgert: Es gehört alles zusammen. Es geht im Profisport darum, Spiele zu gewinnen. Die Spieler müssen lernen, alles dafür zu tun. Du gewinnst ein Spiel im Training, im Prozess der Vorbereitung auf ein Spiel. Wer im Training alles dafür tut, sich zu verbessern, wer gut arbeitet und die entsprechend guten Trainer hat, wird den einen oder anderen Titel gewinnen. Das lehnen wir natürlich nicht ab, das macht unheimlich viel Spaß. Das entwickelt die Spieler auch weiter. Aber du kannst auch in einem Endspiel verlieren, dadurch hast du dich aber nicht geringer entwickelt. Man lernt durch Erfolge und durch Misserfolge. Priorität haben die Ausbildung und das Entwickeln. Aber wir wollen auch in der A-Jugend-Bundesliga und in Europa eine gute Rolle spielen. Den Anspruch haben wir schon.

bundesliga.de: Wenn einige "Ihrer" Jungs jetzt mit den Profis ins Trainingslager fahren. Rufen die Sie noch gelegentlich an oder reißt der Kontakt dann ab?

Elgert: Sobald die Spieler nicht mehr bei mir sind, habe ich meine Hauptaufgabe getan. Ich stehe ihnen aber immer mit Rat oder unterstützend zur Seite, wenn das gewünscht wird. Aber nicht nur den Jungs, die es in den Profikader geschafft haben, auch die anderen. Ich bin immer für meine ehemaligen Spieler da, egal, ob sie in der Oberliga spielen oder es in die Nationalmannschaft geschafft haben. Sonst wäre mir das zu elitär. Ich mache keine Unterschiede.

bundesliga.de: Können Sie als Trainer erahnen, welcher von Ihren Spielern den Sprung schafft und welcher nicht?

Elgert: Man kann schon etwas sehen, aber ich gehöre nicht zu denen, die glauben, die Fußballweisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Es kommen viele Dinge zusammen. Es gibt Talente, denen es an Einstellung mangelt. Es gibt Spieler, die eine Topeinstellung haben, es aber an Talent mangelt. Talent bringt dich an die Tür zum Profifußball, Charakter und Einstellung bringen dich hindurch. Man kann ahnen, wer es packt, aber das würde ich nie öffentlich tun. Der Hype um die Spieler ist eh schon viel zu groß. Es bringt nichts, das weiter zu pushen, weil sich Spieler dann vom Trainer ungerecht behandelt fühlen. Endgültig zu sagen, der wird mal Profi oder sogar Weltmeister, das würde ich mich nicht trauen.

"Kein Zufall, dass unsere Spieler bei den Profis Fuß fassen"

bundesliga.de: Worin liegt die größte Herausforderung beim Sprung vom Junioren- zum Profispieler? Ist es vor allem die noch fehlende körperliche Robustheit?

Elgert: Auch im Juniorenfußball wird auf dem allerhöchsten Level trainiert. Das tun wir auch. Aber eins ist klar: Der Körper ist mit 17, 18 oder 19 Jahren noch nicht hundertprozentig ausgereift. Auch das Spieltempo ist höher, die Spiel- und Handlungsschnelligkeit, die mentale Geschwindigkeit. All das können wir nicht simulieren. Wir können die Spieler aber maximal auf alles, was sie im Profibereich erwartet, vorbereiten - auf Technik, Taktik, Athletik, mentale Stärke und Teamfähigkeit. Es gibt Untersuchungen, was im Profibereich anders ist: Das ist die Anzahl und Häufigkeit der Sprints. Die Laufstrecke ist gleich. Ansonsten ist vor allem die Geschicklichkeit im Zweikampf gefragt, weil man in der Bundesliga auf Spieler trifft, die sehr erfahren sind und auch wissen, ihren Körper gezielter und geschickter in den entsprechenden Situationen einzusetzen. Daran muss man sich gewöhnen. Aber man darf auch nicht den U19-Fußball unterschätzen. Der ist auch schon sehr körperlich und vom Tempo verdammt hoch. Es ist definitiv kein Zufall, dass unsere Spieler schnell bei den Profis Fuß fassen.

bundesliga.de: Wie intensiv verfolgen Sie den weiteren Weg Ihrer Spieler bei den Profis? Haben Sie sich auch schon die Vorbereitung auf die neue Saison angeschaut?

Elgert: Nein, dafür habe ich zu viel tun mit meiner eigenen Aufgabe, auf die ich mich zu 100 Prozent fokussiere. Ich bilde mich permanent fort und weiter. Genau wie meine Spieler will ich jeden Tag besser werden. Trotzdem sind wir auf dem gleichen Gelände, so dass ich mir auch einmal ein Training der Profis anschaue.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski