In der Saison 1930/31 verspielte Racing Santander am vorletzten Spieltag mit einem 3:4 bei Real Union Irun die große Chance, zum ersten Mal spanischer Meister zu werden. Athletic Bilbao konnte sich so am letzten Spieltag eine Niederlage gegen den gleichen Gegner leisten und gewann aufgrund des besseren Torverhältnisses den Titel.

Dennoch war der 2. Platz die beste Platzierung der "Racinguistas" in ihrer Vereinsgeschichte. Firth Nottingham hieß der gefeierte Erfolgstrainer damals.

Premiere im UEFA-Pokal

77 Jahre mussten die Racing-Fans warten, bis sie endlich wieder einen ähnlichen Coup bejubeln durften. Und wieder war ein Trainer der "Held" für die Anhänger.

Marcelo "Marcelino" Garcia Toral führte die "Verdiblancos" - die "Grün-Weißen" - zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte in den UEFA-Pokal. Viele Fans setzten diesen Erfolg mit einem Titelgewinn gleich - dem "ersten" in der 95-jährigen Vereinsgeschichte des Gründungsmitglieds der spanischen Fußball-Liga.

Riesenparty in Santander

"Das ist der gerechte Lohn für die Arbeit eines ganzen Jahres", frohlockte Marcelino nach dem entscheidenden 1:0 am letzten Spieltag gegen Osasuna, ließ seine Zukunft bei Racing aber offen: "Ich weiß nicht, ob ich gehe. Vielleicht bleibe ich noch ein Jahr."

Tausende Fans feierten nach dem Sieg in den Straßen der gut 190.000 Einwohner starken Hafenstadt und huldigten auf dem Rathausplatz ihrer Mannschaft. Mit Sprechchören flehten sie Marcelino förmlich an zu bleiben. Umsonst.

Denn für Marcelino war nach diesem Jahr Schluss. Anstatt sich im UEFA-Pokal als Trainer weitere Meriten zu verdienen, wechselte er zu Absteiger Real Saragossa.

Ein Kommen und Gehen

Für die Fans und den Club sicherlich ein schwerer Schlag, aber keine ungewohnte Situation. Denn bei wohl kaum einem anderen Verein in Spanien ist ein Kommen und Gehen von Trainern und Spielern so groß wie bei Racing Santander.

Dem Verein fehlen einfach die nötigen finanziellen Mittel, um Stars mit satten Gehältern in der Hauptstadt von Cantabria zu halten.

"Wir leben nur von den Mitgliedern, den Fernsehgeldern und den Transfererlösen. Von der Stadt, dem Land und dem Staat bekommen wir nicht einen einzigen Euro Unterstützung", erklärt Präsident Francisco Pernia.

Glück im Unglück

Kein Wunder also, dass immer wieder wichtige Spieler den Verein verlassen müssen. So hatte Racing vor der Erfolgssaison seinen Top-Stürmer Nicolas Zigic für 14 Millionen Euro nach Valencia ziehen lassen. Und zu Beginn der aktuellen Spielzeit wurde Ezequil Garay für zehn Millionen an Real Madrid abgegeben. Glücklicherweise parken die Madrilenen den Innenverteidiger diese Saison noch auf Leihbasis in Santander.

"Wenn wir die Erträge, die wir durch die Mitglieder und die Fernsehrechte einnehmen, ausbauen könnten, dann müssten wir auch nicht so viele Transfererlöse erzielen und könnten unsere Spieler besser schützen", hadert Pernia mit seinem Los.

Immer wieder 4-4-2

Aber in den vergangenen 15 Jahren schaffte Racing diesen Spagat mit Bravour. Nur ein Mal stieg das Team in dieser Zeit ab und wieder auf. Das war in den Jahren vor 1993 fast schon an der Tagesordnung. Der Begriff Fahrstuhl-Mannschaft war für die "Racinguistas" treffend. Nach Jahren der Konsolidierung glückte in der abgelaufenen Runde der 6. Platz.

An der taktischen Aufstellung des Teams hat sich in den vergangenen Jahren aber nicht so viel geändert. Der Star ist das Team. Die Ausrichtung ist zu meist defensiv eingestellt, auch wenn der neue Trainer Juan Ramon Lopez Muniz wie schon seine Vorgänger mit einem 4-4-2-System agieren lässt. Wobei eine der beiden Spitzen gerade auswärts eher dem Mittelfeld zugezählt werden darf.

Warten auf Garay

Der verlängerte Arm von Muniz auf dem Feld ist der kleine, stämmige Routinier Pedro Munitis, ein Kind der Stadt. Mit seinen Dribblings und seiner Einsatzfreude holt der ehemalige Nationalspieler (21 Spiele/zwei Tore) so manchen Freistoß heraus. Im defensiven Mittelfeld hat Eigengewächs Gonzalo "Colsa" Albendea die Fäden in der Hand.

In der Innenverteidigung hat normalerweise Garay das Sagen. Der Argentinier befindet sich nach einer Oberschenkelverletzung jedoch noch im Aufbautraining und wird gegen den FC Schalke 04 am Donnerstag (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) nicht zum Einsatz kommen.

Im Tor gehört Antonio Rodriguez Martinez, kurz "Toño", zu den besten Torhütern der Liga. Und im Angriff kommt Mohammed Tchite immer besser in Schwung. Am vergangenen Spieltag schoss der Kongolese mit belgischem Pass den FC Valencia beim 4:2 im Mestalla mit drei Toren fast im Alleingang ab.

Wehe, wenn sie singen...

In dieser Saison wartet Racing Santander, das aktuell auf Rang 16 der Primera Division steht, im heimischen Stadion aber noch auf einen Sieg. Dabei wird das kleine, aber feine Stadion "El Sardinero" regelmäßig zum Hexenkessel. Vor allem, wenn die Fans "La fuente de Cacho" anstimmen.

Das regionale Volkslied erlebte im Januar 2008 im spanischen Pokal beim Erfolg über Bilbao seine Auferstehung bei Spielen von Racing Santander. Der FC Schalke 04 wird am Donnerstag der Sangeskunst der Nordspanier lauschen dürfen.

Michael Reis