Madrid - Als der Ball nach dem letzten Elfmeter von Bastian Schweinsteiger das Tornetz spannte, da gab es für die Spieler und Betreuer des FC Bayern kein Halten mehr. Noch einmal wurden ungeahnte Kräfte freigesetzt, um in vollem Sprint möglichst schnell die Eckfahne zum kollektiven Jubeln zu erreichen.

Dass den Münchenern zuvor in 120 Minuten gegen Real Madrid alles abverlangt wurde und ein jeder an die Grenzen der Belastbarkeit gehen musste, war vergessen.

"Wir sind zwar alle tot, aber überglücklich. Seitdem feststand, dass das Finale in München ist, hatten wir alle ein Ziel: Dahin zu kommen", meinte "Siegtor"-Schütze Schweinsteiger.

Lahm: "Eine beeindruckende Leistung



Die Art und Weise, wie der FC Bayern das Ticket fürs Endspiel "dahoam" in der Allianz Arena gelöst hat, war schon beeindruckend. Bis auf die Anfangsphase, in der die Hausherren schnell mit 2:0 in Führung gingen, hatten die Gäste das Geschehen auf dem Rasen im Stadion Santiago Bernabeu eigentlich jederzeit im Griff.

"Das war einfach eine beeindruckende Leistung. Wir haben gezeigt, dass wir als Team gegen einen Top-Gegner vor 80.000 frenetischen Fans bestehen können. Und das nach dem frühen Doppelschlag. Danach hätten wir die Partie auch schon früher entscheiden können", analysierte Kapitän Philipp Lahm im bundesliga.de-Interview.

Dass Arjen Robben und Mario Gomez beste Chancen ungenutzt ließen, war Stürmer Gomez nach so einem Sieg jedoch "scheißegal".

Moral gezeigt



Dabei hätte nach Cristiano Ronaldos zweitem Treffer in der 14. Minute wohl keiner mehr einen Pfifferling auf die Bayern gesetzt. Aber der Rekordmeister zeigte Moral, kämpfte und hat nun dank eines Kraftaktes als erster Club seit der Gründung der Champions League 1992 die Chance, den Pokal vor heimischem Publikum zu gewinnen.

"Das war eine magische Nacht. In der ersten Viertelstunde hatten wir große Schwierigkeiten. Dann haben wir über weite Strecken überragenden Fußball geboten. Ich freue mich besonders für meine Spieler und die Verantwortlichen im Club", erklärte Erfolgs-Trainer Jupp Heynckes.

Aufbauarbeit wird der 66-Jährige in den kommenden Tagen aber wohl besonders bei drei Spielern betreiben müssen. Denn David Alaba, Luis Gustavo und Holger Badstuber sahen jeweils ihre dritte Gelbe Karte im laufenden Wettbewerb und sind deshalb im Finale nicht mit dabei.

Drei Unglücksraben



"Es ist einfach nur schade, dass auf beiden Seiten Spieler gelb-gesperrt fehlen werden. Denn in meinen Augen hat ein Endspiel in der Champions League auch die besten Spieler auf dem Platz verdient. Aber wir können es nicht ändern, aber wir werden damit umgehen", stellte Lahm fest.

Auf dem Platz ließen sich die drei Unglücksraben aber nichts von dem Nackenschlag anmerken. Badstuber schimpfte zwar minutenlang vor sich hin, war am Ende aber auch einer der ersten, der sich das Trikot vom Leibe streifte und seine Freude voller Inbrunst in den Madrider Nachthimmel schrie.

Alaba, gerade 19 Jahre jung, zeigte nach seinem unglücklichen Handspiel, das zum Strafstoß in der sechsten Minute führte, keinerlei Anzeichen von Nervosität. Im Gegenteil: Der Österreicher war es, der im Elfmeterschießen als erster Schütze ran musste.

Neuer: "War in einer anderen Welt"



"Der Trainer und der Co-Trainer haben mich gefragt, ob ich den ersten Elfer schieße. Da habe ich gesagt: Passt, schieße ich halt den ersten. Und ich bin Gott sehr dankbar, dass er mir die Kraft gegeben hat, dass ich dann auch verwandeln konnte", sagte Alaba zu bundesliga.de.

"Göttlichen" Beistand schien auch Torhüter Manuel Neuer zu haben, der hintereinander die Elfmeter von Ronaldo und Kaka entschärfte. " Es war ja klar, dass ich mindestens einen Ball halten muss. Ich war total fokussiert, war in einer anderen Welt. So genau weiß ich deshalb auch gar nicht mehr, was da passiert ist. Denn ich habe mich nur auf den Ball konzentriert", schilderte Neuer mehr oder minder präzise seine Glanztaten.

Ein Sonderlob von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ("Ich liebe Neuer") war dem Nationaltorhüter gewiss. Auch die Fans im Stadion und die Teilnehmer am obligatorischen Fest-Bankett nach dem Spiel im Teamhotel Westin Palace feierten Neuer mit Sprechchören und stehenden Ovationen.

Finale gegen Chelsea



Im Finale am 19. Mai werden die Münchner noch einmal an ihre Grenzen gehen müssen. Denn auch wenn der FC Bayern gegen den FC Chelsea schon alleine aufgrund des "Heimspiels" als leicht favorisiert gilt, drücken Spieler und Verantwortliche auf die Euphoriebremse.

"In einem Finale stehen die Chancen immer 50:50 - egal welche Teams aufeinandertreffen. Es ist ein K.o.-Spiel und da kann immer viel passieren. Deshalb müssen wir auch da hochkonzentriert zu Werke gehen", forderte Neuer (hier geht's zum Interview).

Bleibt nur zu hoffen, dass es am 19. Mai in der Allianz Arena dann wieder die Spieler des FC Bayern sind, die über den Rasen rennen, springen und tanzen.

Aus Madrid berichtet Michael Reis