Zusammenfassung

  • Kevin-Prince Boateng hat die Anführerrolle in Frankfurt herausragend angenommen

  • Niko Kovac trifft im umgang mit seinen Spielern genau den richtigen Ton

  • Der Kroate hat Eintracht Frankfurt vom Abstiegskandidaten zu einem Bundesliga-Spitzenteam geformt

Frankfurt - Kevin-Prince Boateng schoss nicht nur das Siegtor beim erstaunlichen 2:1-Sieg von Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig, sondern gab auch nach dem Schlusspfiff die Richtung vor. Der Erfolg im Spitzenspiel katapultierte die Eintracht nach 23 Spieltagen auf Tabellenplatz 3 und Boateng erklärte selbstbewusst: „Wir stehen nicht umsonst da oben, wir haben es verdient.“

Das letzte Mal hatte die Eintracht vor 25 Jahren nach 23 Spieltagen so viele Punkte wie aktuell (39) auf dem Konto. Die Euphorie in Frankfurt steigt mit jedem Spieltag und bei sieben Punkten Vorsprung auf Tabellenrang 7 glauben auch notorische Pessimisten mittlerweile an eine Europapokalteilnahme ihres Vereins. Selbst die Teilnahme an der Champions-League wirkt nicht mehr wie eine Spinnerei, sondern wie eine realistische Chance.

Boateng lobt den Teamspirit

Am Erfolg der Eintracht haben viele Akteure Anteil, Boateng erklärt den Aufschwung so: „Das Wichtigste ist, dass wir ein Wir-Gefühl haben. Man sieht das daran, wie alle von der Bank aufspringen, wenn wir ein Tor machen und ein Spiel gewinnen. So gehört sich das, wir haben keinen Stinkstiefel in der Mannschaft, jeder probiert dem anderen zu helfen.“

Aber der 30 Jahre alte Vollblutfußballer weiß auch, wem die Mannschaft ihre erstaunlichen Leistungen vor allem zu verdanken hat. „Man weiß ja, dass Niko Kovac ein harter Trainer ist - und er lässt uns hart arbeiten“, führt Boateng aus und betont, dass ein fordernder Trainer wie Kovac genau der richtige für einen Spieler wie ihn im etwas fortgeschrittenen Fußballeralter sei. „Er pusht mich“, sagt Boateng, der die Anführerrolle angenommen hat seit seinem Wechsel vergangenen Sommer von Las Palmas. Er ist auf und neben dem Platz ein entscheidender Fixpunkt der Eintracht geworden.

Video: Frankfurt ringt Leipzig nieder

Kovac aber, der Disziplin- und Arbeitsprediger, sieht keinen Grund, nun „alles rosarot zu malen“. Er sagt: „Wir müssen weiter demütig analysieren, arbeiten und hoffentlich gewinnen.“ Am besten schon am kommenden Samstag im Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart. Es besteht kein Zweifel daran, dass Kovac das Gesicht des sportlichen Aufschwungs in Frankfurt ist. Als Kovac im März 2016 als Nachfolger von Armin Veh bei der Eintracht antrat, befand sich der Klub im Abstiegskampf. Wieder einmal.

Kovac und Boateng: Zwei Volltreffer von Hübner

In dieser Situation einem Bundesliga-Newcomer zu vertrauen, stieß nicht auf bedingungslose Zustimmung. Mittlerweile wird Sportdirektor Bruno Hübner für seine mutige Wahl von damals aber ebenso gefeiert wie für die zunächst umstrittene Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng letzten Sommer. Doch Boateng steht längst für eine Klasse auf dem Platz, die der Eintracht vorher fehlte und Kovac entwickelte diese Mannschaft nach Klassenerhalt und verlorenem Pokalfinale gegen Dortmund  in der letzten Saison nun zu einem ernstzunehmenden Spitzenteam.

Kovac, 46, erlebt nun das, wovon Trainer träumen, wenn sie einen Job antreten: Er hat es geschafft, seine Spieler, die Mannschaft, einen Verein, ja eine ganze Stadt zu elektrisieren. Wieder steht die Eintracht im Pokal-Halbfinale - und in der Liga nach dem 2:1-Sieg gegen RB Leipzig aussichtsreich im Rennen um einen Europapokalplatz. Und dem Trainer geht es nach zwei Jahren in Frankfurt so wie seiner Mannschaft: Man traut ihm mittlerweile sehr viel zu.

Niko Kovac (l.) war zum Start der Bundesliga-Karriere von Kevin-Prince Boateng (M.) noch Mitspieler. Hier bejubelt Boateng am 4.2.2006 sein erstes Bundesliga-Tor
Niko Kovac (l.) war zum Start der Bundesliga-Karriere von Kevin-Prince Boateng (M.) noch Mitspieler. Hier bejubelt Boateng am 4.2.2006 sein erstes Bundesliga-Tor © imago / Camera 4

Der Kroate hat den Umbruch im Kader mit Spielern aus 17 Nationen letzten Sommer herausragend moderiert. Leidenschaftlich und zweikampfbetont spielte die Eintracht vom Saisonstart an, mittlerweile ist auch eine spielerische Komponente hinzugekommen. Kovac, einst zugleich Wadenbeißer und Stratege unter anderem im Mittelfeld des FC Bayern und der kroatischen Nationalmannschaft, erklärt den Erfolg mit Sätzen, die ein wenig wie Kalendersprüche wirken. „Wer nicht arbeitet, wird auch nichts ernten!“ Oder: „Wer träumt, wird überholt.“ Kovac aber lebt diese Sätze und er hat es auch aufgrund seiner Art geschafft, eine Mannschaft zu formen. Und nebenbei macht er seine Spieler noch besser. Der eigentliche Rechtsverteidiger Timothy Chandler spielt auf der linken Seite eine starke Rolle, Marius Wolf ist plötzlich einer der interessantesten Box-to-Box-Spieler der Bundesliga, David Abraham einer ihrer besten Verteidiger und im Kader gibt es längst gleichrangige Alternativen für fast jede Position.

Aber der Klub dynamisiert sich mit dem umtriebigen Vorstandsduo Fredi Bobic und Axel Hellmann auch auf allen anderen Ebenen. Die Eintracht boomt, weil in allen Bereichen ehrgeizig versucht wird, sich zu verbessern. Und Niko Kovac ist dabei der unumstrittene Treiber im Sport.

Tobias Schächter