Köln - Nach gefühlt zwei Fußball-Leben beim SV Werder Bremen, zunächst als Spieler, dann als Trainer, hat Thomas Schaaf nach einem Jahr Pause in diesem Sommer eine neue Herausforderung angenommen.

Eintracht Frankfurt hat sich der 53 Jahre alte Fußball-Lehrer ausgesucht, sicher nicht die leichteste Aufgabe. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, die die beiden Partner zusammengeführt hat. Es hat einige Zeit gedauert, ehe die Eintracht-Verantwortlichen ihren Wunschkandidaten vom Reiz des neuen Arbeitsplatzes überzeugen konnten.

Eintracht besser und erfolgreicher

Genau einhundert Tage sind nun seit Thomas Schaafs Amtsantritt in der Mainmetropole vergangen und die Zwischenbilanz fällt ausgesprochen positiv aus. Die Eintracht spielt besser und erfolgreicher, als es der Trainer zu diesem frühen Zeitpunkt selbst erwartet hatte. Schaaf fühlt sich in Frankfurt sichtlich wohl, hat sich der neuen Aufgabe mit Haut und Haaren verschrieben. Und der Club ist froh, dass es gelungen ist, ihn zu verpflichten. "Die einhundert Tagend sind eine Erfolgsgeschichte", sagt der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen.

Es waren keine einfachen Voraussetzungen, die Schaaf bei der Eintracht angetroffen hat. Viele Leistungsträger haben den Club verlassen, der Umbruch im Sommer fiel deutlich umfangreicher aus als geplant und erwartet. Die letzten Bausteine für die neue Mannschaft konnten erst kurz vor dem Saisonstart hinzugefügt werden.

Dass die Eintracht nach sieben Spieltagen erst ein einziges Mal den Platz als Verlierer verlassen hat und nach den jüngsten Siegen in Hamburg und gegen Köln auf Tabellenplatz fünf geführt wird, ist deshalb durchaus eine der positiven Überraschungen dieser Saison. Die Erfolge und die gute Platzierung seien "hilfreich" bei seinem Projekt mit der neuen Eintracht, gibt Schaaf zu, "für die Spieler sind die Bestätigungen besonders wichtig."

Schaafs Erfolge in den letzten 100 Tagen

Tag 4

Thomas Schaaf absolviert die erste Trainingseinheit mit seiner neuen Mannschaft.

Tag 41

Die Eintracht besiegt bei der Saisoneröffnung in der Commerzbank-Arena vor 50.000 Fans Inter Mailand.

Tag 46

1. Runde DFB-Pokal: Bei Viktoria 1889 Berlin gewinnen die Frankfurter mit 2:0.

Tag 54

Eintracht Frankfurt holt am ersten Spieltag den ersten Saisonsieg: 1:0 gegen den SC Freiburg.

Tag 90

Den zweiten Saison-Dreier holt die SGE beim HSV. Mit 2:1 besiegen die Hessen die Hanseaten.

Tag 96

Platz 5 in der Tabelle heißt es für die Eintracht nach dem 3:2-Sieg über den 1. FC Köln.

Neuaufbau als Chance

Dass gerade beim spielenden Personal kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist, hat viele Beobachter rund um die Eintracht irritiert, den neuen Trainer nicht. Er hat den kompletten Neuaufbau als Chance gesehen und ist die Aufgabe mit viel Fleiß und noch mehr Freude angegangen. Durch die vielen Abgänge bekam er die Möglichkeit zu einem relativ späten Zeitpunkt selbst noch Einfluss zu nehmen bei Neuverpflichtungen. "Es macht mir Tag für Tag Spaß mit dieser Mannschaft zu arbeiten", sagt er voller Überzeugung, "die Spieler ziehen mit, nehmen die Ideen auf, sind bereit, sich auf Neues einzulassen."

Dies alles lebt Thomas Schaaf vor. Von der ersten Stunde an hat er sich mit seinem neuen Arbeitgeber identifiziert. Die Brille mit dem rot-schwarzen Gestell, die er bei seiner offiziellen Vorstellung getragen hat, war da wohl nur ein Zufall. Andere Dinge nicht. Schaaf ist morgens einer der ersten, der das Trainingsgelände betritt und einer der letzten, der geht. Schon ganz bald hat er sich im Nachwuchsleistungszentrum vorgestellt, das in Frankfurt am anderen Ende der Stadt liegt. Das alles war in Frankfurt bei manchem Vorgänger nicht immer so.

Auf Bremen und Werder wird er nicht mehr gerne angesprochen, "auch wenn dies natürlich ein Teil meines Lebens ist und immer in meinem Herzen bleiben wird." Doch nun sei er Trainer in Frankfurt, "das ist ein neuer Job, den ich so gut wie möglich machen möchte." Und dabei keine Kompromisse eingehen will. Der zwar in Mannheim geborene, aber als "Bremer" wahrgenommene Schaaf hat sich für Frankfurt geöffnet, ist mit der Familie in die hessische Metropole gezogen, hat sich ein Haus mitten in der Stadt gesucht, direkt am Puls der Menschen dieser Stadt.

Schaaf ist idealer Nachfolger von Veh

Die haben mit einem feinen Gespür für die Situation dem neuen Mann auf der Kommandobrücke große Herzlichkeit entgegengebracht. "Man hat mich hier mit offenen Armen aufgenommen", sagt er, "wir fühlen uns rundherum wohl." Die Stadt lernt er erst nach und nach kennen. "Das Zentrum mit dem Römer haben wir uns angeschaut, im Tigerpalast waren wir eingeladen, zu viel mehr hat die Zeit noch nicht gereicht", sagt er. Der Vertrag von Thomas Schaaf läuft zunächst bis zum 30. Juni 2016, genug Zeit also die neue Heimat dann auch im Detail zu erkunden.

Den Frankfurtern gilt er längst als der ideale Nachfolger des beliebten Armin Veh, der nach drei erfolgreichen Jahren nach Stuttgart abgewandert ist. Dem "Nordlicht" Schaaf trauen sie zu, das Schiff auch dann auf Kurs zu halten, wenn es einmal in hohe See geraten sollte. "Wir haben uns bei seiner Verpflichtung ja etwas gedacht", sagt Eintracht-Chef Bruchhagen, "ein erfahrener Trainer genießt gerade in Krisenzeiten viel mehr Schutz als ein junger."

Frankfurt nach sieben Spieltagen

  • 2013/14 hieß es Platz 13 nach sieben Spieltagen – 2014/15 Platz 5

  • 2014/15 gab nur eine Niederlage an den ersten sieben Spieltagen, vergangene Saison drei

  • 2014/15 gab es für Frankfurt zwei Heimsiege (ein Remis, eine Niederlage) nach sieben Spieltagen, 2013/14 keinen Heimsieg in drei Spielen

  • Thomas Schaaf hat ein glückliches Händchen bei den Einwechslungen: 2014/15 fielen bereits zwei Joker-Tore – 2013/14 gab es keins

  • 2014/15 wurden deutlich weniger Torschüsse zugelassen (83), vergangene Saison waren es 94 an den ersten sieben Spieltagen

Noch ist von einer heraufziehenden Krise bei der Eintracht nichts zu sehen. Sie scheint weit entfernt. Thomas Schaaf lässt sich davon nicht blenden. "Wir müssen noch ganz viel arbeiten", sagt er, "wir können nämlich noch viel besser spielen". Zu viele Ballverluste haben dem Team das Leben zuletzt trotz der Erfolge schwer gemacht, die Passsicherheit fehlt in vielen Fällen, auch die neue Spielweise mit wenigen Kurzpässen, dafür aber schnellen Angriffen ist noch nicht allen in Fleisch und Blut übergegangen. "Wir haben aber schon viele Schritte nach vorne gemacht", sagt er, das Potential der Frankfurter Mannschaft sei "noch lange nicht ausgeschöpft". Das ist so etwas wie ein Versprechen für die nächsten hundert Tage. 

Peppi Schmitt