München - Der 18-jährige Patrick Rakovsky ist im Moment der Protagonist in seinem eigenen Fußball-Traum. Und das Beste: Noch ist er nicht aufgewacht.

Es ist wie so oft im Fußball: Ein Spieler verletzt sich, ein anderer muss für ihn einspringen. Der Pechvogel heißt in diesem Fall Raphael Schäfer und ist der Stammtorhüter des 1. FC Nürnberg.

Auf der Überholspur

Nach nur zwei Spieltagen der Saison 2011/12 verletzt er sich und erhält eine niederschmetternde Diagnose: Eine Sehnenreizung im Knie macht eine Operation erforderlich, der 32-jährige Routinier wird für längere Zeit ausfallen.

Doch die Vertretung stand derweil schon in den Startlöchern: Patrick Rakovsky, der erst im Sommer als dritter Torwart zum "Club" gewechselt war, überholte in der Saisonvorbereitung Alexander Stephan, die eigentliche Nummer zwei des FCN. Fortan saß er auf der Bank und fieberte seinem Bundesliga-Debüt entgegen.

Premiere gegen den Meister

Für Chefcoach Dieter Hecking stand sofort fest, dass während Schäfers Verletzungspause nun der gebürtige Westfale im Nürnberger Tor stehen würde. Seinen Einstand gab der Bundesliga-Neuling ausgerechnet beim Auswärtsspiel gegen den amtierenden Meister Borussia Dortmund.

Dort ließ er sich jedoch nicht den Schneid abkaufen. Er stand auf eigenen Wunsch gleich in der ersten Halbzeit vor der gefürchteten Südtribüne, mit den gröhlenden BVB-Fans im Rücken. Dazu meinte er nach dem Spiel ganz unaufgeregt: "Ich hatte unsere Fans im Blick, der Rest war mir da egal."

Mutterseelenalleine

Ziemlich abgeklärte Worte für den aktuell jüngsten Bundesliga-Schlussmann. Aber er ist halt auch einiges gewohnt: Als er fünf war, zogen seine Eltern mit dem kleinen Patrick nach Tschechien. Dort spielte er für mehrere Vereine, gewann mit der U15-Auswahl von Sparta Prag die Tschechische Meisterschaft.

2007 kehrte er alleine zurück nach Deutschland, um beim FC Schalke 04 anzuheuern. Dort wurde er vom Schalker Torwarttrainer Bernd Dreher ausgebildet. Durch dessen Schule sind unter anderem auch Christian Wetklo, Ralf Fährmann und Manuel Neuer gegangen - mittlerweile ja Bundesliga-Kollegen von Rakovsky.

Eine wichtige Entscheidung

National- und Bayern-Keeper Manuel Neuer zählt er auch zu seinen persönlichen Vorbildern. Im Interview mit "torwart.de" schwärmt er: "Für mich ist es ein Traum, irgendwann ein Stammkeeper zu sein, wie Manuel Neuer es bei Schalke war. Ich habe keine Ahnung, welche Träume ich dann haben sollte, sollte ich es irgendwann erreichen." Sein zweites Idol ist Petr Cech. In dessen Torwartschule übte er sich als Jugendlicher. "Ich mag ihn und seine Spielweise einfach", sagt er über den Keeper des FC Chelsea.

Im Sommer 2011 schließlich fasste er einen Entschluss: Für ihn sollte es keine Zukunft in Gelsenkirchen geben. "Ich hatte den Verein immer wieder um ein Gespräch gebeten, wie es denn mit mir weitergehen soll." Als ihn von den Verantwortlichen dort niemand ernst nehmen wollte, hatte er sich "dann eben anderweitig umgeschaut".

Nürnberg signalisiert Vertrauen

Rakovskys Hoffnung, beim 1. FC Nürnberg würde er als junger Spieler sowohl gefördert als auch gefordert, hat sich inzwischen bewahrheitet. In seinen ersten beiden Einsätzen machte er durchaus eine gute Figur. Bezüglich der zwei Gegentore in der Dortmund-Partie wurde er von seinem Mitspieler Philipp Wollscheid von jeglicher Schuld freigesprochen: "Patrick hat toll gespielt und konnte bei den Gegentoren nichts dafür."

Bis zur Rückkehr von Raphael Schäfer, die voraussichtlich Ende Oktober ansteht, wird er das Tor des fränkischen Traditionsvereins hüten. Trainer Dieter Hecking gab bereits grünes Licht: "Wir wollen ihn stützen und ihm Vertrauen geben."

Sabine Glinker