Augsburg - Thomas Tuchel wehrte sich, nur widerwillig kamen ihm die Worte über die Lippen. "Ich mache das nicht so gerne", sagte der Trainer von Borussia Dortmund. "Das ist, als wenn Sie sich in der 70. oder 80. Minute zurücklehnen und denken, es kann nichts mehr passieren. Aber es kann immer etwas passieren." Ein Fazit seines ersten halben Jahres beim BVB wollte nach dem Erreichen des Viertelfinals im DFB-Pokal noch nicht ziehen, schließlich soll am Samstag beim 1.FC Köln noch der krönende Abschluss einer überaus erfolgreichen Hinrunde folgen.

Das Spiel in der Domstadt ist für die Dortmunder zugleich der Schlusspunkt eines aufreibenden, hoch emotionalen Jahres. Zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison belegte der BVB den Relegationsplatz und  überwinterte schließlich als Vorletzter. Nun kann mit einem Sieg in Köln die zweitbeste Hinrunde der Clubgeschichte perfekt gemacht werden.

"Einfach gemacht!"

Dazwischen lag mit Jürgen Klopps Entscheidung, den Club nach sieben Jahren im Sommer zu verlassen, der emotionale Abschied des langjährigen Trainers. Mit großem Ehrgeiz und großer Akribie trat Thomas Tuchel die Nachfolge von Klopp an, ohne zu wissen, wo die Reise mit dem BVB hingeht. Nach dem 2:0-Sieg beim FC Augsburg wurde der 42-Jährige gefragt, ob er es sich so vorgestellt habe, dass es so gut läuft. "Keine Ahnung", entgegnete Tuchel, "wir haben uns gar nichts vorgestellt. Wir haben uns auch nicht vorgestellt, wie schlecht es im schlimmsten Fall laufen kann. Wir haben einfach gemacht!"

Diese Einstellung hat sich ausgezahlt. Mit aktuell 38 Punkten und einer Tordifferenz von +35 ist der BVB zum jetzigen Zeitpunkt der beste Tabellenzweite der Bundesliga-Historie, mit 46 Toren ist die Offensive um Toptorjäger Pierre-Emerick Aubameyang die beste der Bundesliga. "Wir haben sogar mehr Tore als Bayern München geschossen", sagte Dortmunds Sportlicher Leiter Michael Zorc. Dennoch blickt der BVB in der Bundesliga in erster Linie in den Rückspiegel. Trotz aktuell fünf Punkten Rückstand auf Herbstmeister Bayern und schon neun Punkten Vorsprung auf den Tabellendritten Hertha BSC hat die Absicherung des Champions-League-Platzes Priorität.

Starke Einheit

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Diese gewisse Demut führt dazu, dass neben den zahlreichen Galavorstellungen in der Hinrunde, auch hart erarbeitete Erfolge, wie der jüngste Sieg im Pokal in Augsburg entsprechend eingeordnet werden. "Der Sieg ist wirklich sehr wertvoll und gibt uns ein besonderes Gefühl, weil wir es auf diese Weise geschafft haben", sagte Tuchel.

Eine große Stärke ist der Zusammenhalt im Team, eindrucksvoll demonstriert am vergangenen Wochenende. Als Mats Hummels mit einem Treffer beim 4:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt der Befreiungsschlag aus einer persönlich schwierigen Phase gelang, wurde der Kapitän anschließend von allen Mitspielern gefeiert. Leistungssprünge Einzelner, wie etwa bei den Leistungsträgern Henrikh Mkhitaryan und Matthias Ginter oder zuletzt auch Gonzalo Castro sind weitere Puzzleteile des Dortmunder Erfolgs. "Es spielen Leute zusammen, die lange nicht gespielt haben oder noch nie zusammen gespielt haben", sagte Marcel Schmelzer. "Kompliment an jeden Einzelnen aus der Mannschaft, dass wir in der Hinrunde so gut abgeschnitten haben."

Noch ein Mal alle Kräfte mobilisieren

Nach dem Einzug in die K.o.-Phase der Europa League sicherte der BVB in Augsburg auch das Überwintern im DFB-Pokal. "Wir stehen sehr gut da, denn wir sind in allen Wettbewerben noch dabei", sagte Torhüter Roman Bürki, der erstmals seit dem 9. Spieltag der Bundesliga wieder zu null spielte. Als ob er sich mit seinem Trainer abgesprochen hätte, verzichtete auch der Schweizer darauf, vor dem letzten Hinrundenspiel ein persönliches Fazit zu ziehen. "Das mache ich nach dem letzten Spiel, jetzt denke ich noch nicht daran, was war", sagte der 25-Jährige.

Seine Gedanken kreisten daher schon um die besagte Partie am Samstag. "Wir werden noch mal alle Kräfte mobilisieren, um ein gutes Ergebnis zu erzielen und unseren Fans, die uns immer toll unterstützen, ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk zu bereiten", sagte Bürki.  Auch Tuchel will den "tollen Weg", auf den sich der BVB begeben hat, weiter fortsetzen: "Das Resümee wird, wenn es überhaupt Sinn macht, nach dem Spiel in Köln gezogen." Die Leistung seines Teams auf dem Platz ist ihm wichtiger, getreu des Prinzips: "Einfach machen!"

Aus Augsburg berichtet Maximilian Lotz