Mit einer jungen Elf zurück nach Europa - dem BVB ist das Kunststück gelungen. Bei bundesliga.de spricht Sportdirektor Michael Zorc im ersten Teil des großen Interviews über Talente, Vollgasfußball und Reifeprozesse.

Mit dem 5. Tabellenplatz hat der BVB die Qualifikation für die Europa League perfekt gemacht. Und das mit einem Etatansatz, der bei der Konkurrenz zum Teil deutlich höher ausfiel.

Warum der BVB trotzdem erfolgreich war, welche Rolle Jürgen Klopp dabei spielt und welches Ziel schon jetzt für die neue Saison feststeht, darüber spricht Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc bei bundesliga.de.

bundesliga.de: Michael Zorc, war das Ihre vielleicht schönste Bundesligasaison, seit Sie beim BVB als Sportdirektor tätig sind?

Michael Zorc: Wir hatten auch schon 2002 ein sehr erfolgreiches Jahr mit der Deutschen Meisterschaft und dem Einzug ins UEFA-Cup-Finale. Aber es ist jetzt eine sehr positive Fortsetzung der Arbeit, die wir gemeinsam mit Jürgen Klopp vor zwei Jahren begonnen haben. Es ist eine Entwicklung zu sehen. Die Mannschaft hat die Erwartungen, die wir und das Umfeld in sie gesetzt haben, mehr als erfüllt. Wir können ein sehr positives Fazit ziehen - und so war es sicher eine Saison, die richtig Spaß gemacht hat.

bundesliga.de: Wenn Ihnen vorher jemand Platz 5 angeboten hätte, hätten Sie sicher direkt unterschrieben.

Zorc: Jeder Verantwortliche hier hätte das direkt unterschrieben. Weil wir natürlich wissen, wie groß die Konkurrenz ist um die wenigen begehrten Europapokal-Plätze in der Liga.

bundesliga.de: Am Ende hat es für die Champions League nicht ganz gereicht, obwohl die Chance da war. Bleibt ein bisschen Wehmut zurück?

Zorc: Nein, überhaupt nicht. Man muss das schon alles realistisch einordnen. Wir hatten gegen Ende der Saison - wie schon zuvor - mit großen personellen Problemen zu kämpfen. Wir mussten zuletzt ohne defensiven Mittelfeldspieler auflaufen, weil beide Sechser ausgefallen sind. Vorne hat mit Zidan in der Endphase ein wichtiger Kreativspieler gefehlt. Unter diesen Aspekten ist der 5. Platz absolut in Ordnung.

bundesliga.de: Zu Saisonbeginn war dieser 5. Platz noch nicht abzusehen. Der BVB ist sehr schlecht in die Spielzeit gestartet. Hat Sie das damals ein wenig nervös gemacht?

Zorc: Nein, wir sind eigentlich alle sehr ruhig geblieben und waren recht sicher, dass sich das drehen wird. Der schlechte Start hing auch ein wenig mit dem Spielplan zusammen. Wir haben im ersten Drittel der Hinrunde unter anderem gegen Bayern und Schalke gespielt - also die beiden Ersten der Tabelle. Wir waren noch nicht richtig in der Spur und hatten noch nicht die optimale Verfassung. Wir sind erst Mitte der Hinrunde in Tritt gekommen - aber dann richtig! Mit dem ersten Tor von Barrios und dem Auswärtssieg in Gladbach hat die Mannschaft den Schalter umgelegt.

bundesliga.de: Wann waren Sie denn sicher, dass in dieser Saison ein Platz in der Spitzengruppe für den BVB möglich ist?

Zorc: So etwas muss sich entwickeln im Laufe der Saison. Darum geben wir auch vorher bewusst kein Saisonziel aus. Vom Budget her rangieren wir im Mittelfeld, da kann man nicht automatisch einen Platz unter den besten Mannschaften anpeilen. Und ich kann mich noch erinnern, wie manch einer der so genannten Experten die Nase gerümpft hat, weil wir einen Barrios aus Chile und einen Großkreutz aus Ahlen geholt haben. Aber dann sieht man, wie sich die Spieler entwickeln. Und dann bekommt man im Laufe der Saison ein Gefühl für das, was möglich ist.

bundesliga.de: Wenn man das Erfolgsgeheimnis dieser Saison auf einen Nenner bringen wollte, ist es mit der Formel vom Vollgasfußball treffend beschrieben?

Zorc: Es gibt nie einen Nenner für Erfolg oder Misserfolg. Aber es war zu sehen, dass die Mannschaft mit sehr viel Begeisterung und großer Bereitschaft an die Aufgabe herangegangen ist. Dazu hat sich fußballerisch bei uns sehr viel entwickelt. Das kann man zum Beispiel an Nuri Sahin festmachen, aber auch an Mats Hummels, Marcel Schmelzer oder Kevin Großkreutz, der jetzt auch noch ein beeindruckendes Debüt in der Nationalmannschaft gefeiert hat. Dazu kam mit Lucas Barrios ein Stürmer, der weiß, wo das Tor steht.

bundesliga.de: Jürgen Klopp hat gepredigt, die Mannschaft müsse immer mehr investieren, mehr laufen und mehr machen als der Gegner. War das der Weg zum Erfolg?

Zorc: Das sind ganz wichtige Faktoren, die bei uns eine große Rolle spielen. Wir müssen so eben auch gewisse Dinge kompensieren. Als besonders junger Mannschaft fehlen uns Erfahrungswerte, wie man ein Spiel beruhigen kann oder wie man einen Vorsprung auch mal souveräner über die Zeit bringt. Wir haben oft geführt, die Spiele aber am Ende nicht gewonnen. Da haben wir ein paar Punkte liegen lassen. Das ist ein Reifeprozess, der jetzt noch einsetzen muss. Aber gerade deshalb ist die Bereitschaft und der Wille ein sehr hohes Gut für uns - aber zugleich auch die Hausaufgabe, die die Spieler einfach erledigen müssen.

bundesliga.de: Sind Sie deshalb auch so stolz auf Rang 5, weil sie den Weg bei einem deutlich niedrigeren Etat als die Konkurrenz in Hamburg, Wolfsburg oder Hoffenheim mit einer so jungen Mannschaft gehen?

Zorc: Wir können nur diesen Weg gehen, weil wir eben die Lücke zum Etat der Clubs um uns herum irgendwie ausgleichen müssen. Darum setzen wir auf junge, entwicklungsfähige Spieler. Zugleich bietet sich talentierten Spielern in Deutschland auch eine große Chance, bei Borussia Dortmund zu spielen. Bei uns ist es keine Phrase, dass wir auf junge Spieler setzen - wir praktizieren es, was man Woche für Woche am Aufstellungsbogen ablesen kann.

bundesliga.de: Und das kann man machen, weil man Jürgen Klopp als Trainer hat?

Zorc: Jürgen ist einer, der diesen Weg zu 100 Prozent mitgeht, extrem gut mit jungen Spielern arbeiten und sie auch weiterentwickeln kann. Er erkennt sehr schnell, wo das Potenzial ist und wo man ansetzen muss. Es ist kein Zufall, dass die jungen Spieler bei uns die größten Sprünge gemacht haben. Sie bringen ohne Zweifel großes Talent mit. Aber ihre Entwicklung ist eben auch das Ergebnis des täglichen Trainings.

bundesliga.de: Ist dieses Niveau zu halten oder in der neuen Saison sogar noch zu steigern?

Zorc: Es ist unser Ziel, diese Leistung noch zu steigern. Diese Möglichkeit sehe ich auch in allen Fällen. Oft ist nach so einem großen Sprung aber gerade das zweite Jahr ein sehr schwieriges. Darauf müssen und werden wir uns einstellen, zumal wir in der neuen Saison in der Europa League hoffentlich die Gruppenphase erreichen und dann auch eine Mehrfachbelastung haben.

bundesliga.de: Hätten Sie gedacht, dass ein Spieler wie Marcel Schmelzer einem gestandenen Profi wie Dede den Rang ablaufen kann?

Zorc: Das konnte sich vor eineinhalb Jahren wohl kaum jemand vorstellen. Marcel hat einen Riesensprung gemacht. Und er hat Woche für Woche auf dem Platz unter Beweis gestellt, dass er aufgrund seiner Leistung und nicht wegen seiner blonden Locken spielen darf.

bundesliga.de: Die jungen Spieler sind ein Erfolgsfaktor, ein Torjäger wie Lucas Barrios mit seinen 19 Saisontoren ist ein anderer. Mit seiner Verpflichtung haben Sie offenbar alles richtig gemacht.

Zorc: Jemanden aus der chilenischen Liga zu holen, der in der Bundesliga so durchstartet und auf Anhieb 19 Tore macht, ist natürlich ein Traum. Das kann man nicht anders sagen. Wir freuen uns, dass wir mit unseren Verpflichtungen generell ganz gut gelegen haben. Das ist auch ein Beleg dafür, dass wir im gesamten Verein mit unserem Scouting gute Arbeit gemacht haben.

bundesliga.de: Auf der anderen Seite musste der BVB fast die gesamte Saison auf den verletzten Sebastian Kehl verzichten. Ist gerade auch vor diesem Hintergrund die Qualifikation für die Europa League so hoch zu bewerten?

Zorc: Das meinte ich zu Beginn unseres Gespräches, als ich unsere personellen Probleme ansprach. Den Ausfall von Kehl konnten wir noch gut mit Sven Bender ausgleichen, der sich auch als junger Spieler hervorragend eingefügt hat. Zum Ende hin ist dann die gesamte Mittelfeldachse weggebrochen. Nuri Sahin war die einzige Konstante in der gesamten Saison. Aber Sebastian hat in den vier Spielen, die er bestritten hat, bewiesen, wie wichtig er für uns ist. Ich hoffe, dass er jetzt fit wird und dann in der neuen Saison für uns eine wertvolle Neuverpflichtung ist.

bundesliga.de: Kehl war immer auch als Führungsspieler anerkannt, der auf und neben dem Platz die Richtung angibt. Hat dieses Vakuum aus Ihrer Sicht jemand füllen können?

Zorc: Das hat die Mannschaft auf mehrere Schultern verteilt. Ein großes Stück davon hat Nuri Sahin auf seine Schultern geladen. Aber zum Beispiel auch Roman Weidenfeller ist als Führungsspieler gereift und hat sich sehr gut eingebracht.

bundesliga.de: Unter dem Strich hat der BVB in dieser Saison ziemlich viel richtig gemacht. Schmerzen da nur die beiden Derbypleiten gegen Schalke?

Zorc: Das stimmt, das stört in der sonst so positiven Gesamtbetrachtung. Das ist auch eine richtige Herausforderung für die nächste Saison (lacht). Man muss sich ja auch neue Ziele setzen - und eines kennen wir damit schon!

Das Gespräch führte Dietmar Nolte