Karl-Heinz Riedle spielte zwischen 1993 und 1997 sehr erfolgreich für Borussia Dortmund
Karl-Heinz Riedle spielte zwischen 1993 und 1997 sehr erfolgreich für Borussia Dortmund

"Ein völlig anderer Druck"

München - Karl-Heinz Riedle kann auf eine bewegte Spielerkarriere zurückblicken. Er spielte in der Premier League, der Serie A und natürlich der Bundesliga. In letzterer war er lange Jahre für Borussia Dortmund aktiv, gewann mit dem Verein 1997 nach der Champions League auch den Weltpokal. Im Finale der "Königsklasse" brachte er den BVB gleich in der ersten Halbzeit mit zwei Toren in Führung, leitete somit den 3:1-Erfolg über Juventus Turin ein.

Noch im selben Jahr wechselte er nach England zum FC Liverpool. Das Ende seiner Karriere feierte Riedle 2001 beim FC Fulham. Als Kenner des deutschen und englischen Fußballs hat er einen besonderen Blick auf die Situation in der Champions League vor Beginn der Gruppenphase. Auf bundesliga.de spricht er über die Aussichten der deutschen Mannschaften in der "Königsklasse".

bundesliga.de: Herr Riedle, der FC Bayern befindet sich in der Top-Gruppe? Wie ist dort die Kräfteverteilung?

Karl-Heinz Riedle: Beim FC Bayern ist klar, dass es nicht ganz einfach wird, wenn man sich die Gruppe anschaut. Auch Neapel hat eine Top-Mannschaft, man darf sie nicht unterschätzen. Ich denke trotzdem, dass Bayern und Manchester City die Favoriten sind, das hat man zuletzt gesehen. Villarreal ist sicher eine gute Mannschaft, aber die haben gegen Barcelona auch vier, fünf Tore bekommen, bei denen sie keine Chance hatten. Ich denke, Bayern muss sich da nicht verstecken. Die Gruppe wird schwer, aber für die Bayern ist die Aufgabe trotz alledem sicher lösbar.

bundesliga.de: Werden die Bayern gegen Villareal dominieren?

Riedle: Auswärtsspiele sind immer schwierig. Besonders in Spanien. Villarreal hat ein heißblütiges Publikum. Aber ich habe das Spiel gegen Barcelona gesehen, das war ganz schwach von Villarreal. Wollen wir hoffen, dass Bayern einen guten Tag erwischt. Also ich erwarte zumindest ein Unentschieden für Bayern. Insgesamt denke ich, dass Bayern und Dortmund die besten Chancen haben.

bundesliga.de: Manchester City, ein weiterer Gegner der Bayern, hat mal wieder auf dem Transfermarkt zugeschlagen. Was halten Sie vom aktuellen Kader?

Riedle: Mit dem Kader müssen sie in dieser Saison auf jeden Fall eine Rolle spielen. Wahrscheinlich könnten sie sogar in dieser Saison Meister in der Premier League werden. Die Mannschaft ist zweifellos mit die Beste, die Europa zu bieten hat.

bundesliga.de: Was denken Sie über die anderen Gruppen mit deutscher Beteiligung?

Riedle: Leverkusen ist bestimmt nicht die stärkste Mannschaft, auch das hat man in dieser Saison bereits gesehen. Für den Club wird es nicht einfach. Valencia hat auch eine super Mannschaft. Für Genk wird es eher darum gehen, um den 2. Platz zu kämpfen. Für Dortmund ist es seit langer Zeit wieder die erste Champions-League-Teilnahme. Der BVB hat eine junge Mannschaft. Sie ist auch nicht so perfekt in die Saison gestartet. Auch das wird nicht einfach, aber wenn die Spieler wieder im Rhythmus sind, können auch sie die Gruppenphase überstehen.

bundesliga.de: Bayer Leverkusen spielt zum Auftakt gegen den FC Chelsea. Wie wird sich die "Werkself" schlagen?

Riedle: Chelsea ist über die letzten Jahre hinweg gewachsen und eigentlich auch sehr erfahren, was die Champions League betrifft. Mit ihrer aktuellen Mannschaft sind sie auf jeden Fall Favorit gegen Leverkusen.

bundesliga.de: Welche Rolle wird Michael Ballack beim Aufeinandertreffen spielen?

Riedle: Im Moment hat er bei Bayer Leverkusen keine Spitzenrolle inne. Der Club wäre gut beraten, auf seine Erfahrung - vor allem aus der Champions League - zurückzugreifen. Ich würde ihm wünschen, dass er wieder seinen Platz in der Mannschaft bekommt und dass er noch einmal zeigen kann, was er draufhat.

bundesliga.de: Was ist für Dortmund gegen Arsenal London drin?

Riedle: Arsenal ist in der Premier League sehr schwach in die Saison gestartet. Der Club hat ein paar richtige Packungen bekommen, gegen Manchester beispielsweise (2:8, Anm. d. Red.). Das war schon ziemlich heftig. Auch die Transfers, die sie zuletzt getätigt haben, werden sie nicht retten. Per Mertesacker ist sicher kein schlechter Spieler, aber ob er ihnen tatsächlich weiterhelfen kann... Ich sehe Dortmund jedenfalls klar im Vorteil.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten der jungen Spieler in den deutschen Vereinen?

Riedle: Man wird sehen, ob die Jugendlichen in der Champions League bestehen können. Das ist einfach eine andere Nummer als die Bundesliga. Es ist für die Dortmunder Mannschaft das erste Mal, dass sie auf internationalem Parkett vorspielt. Wenn man sich die Gegner anschaut, stellt man fest: Das sind Mannschaften, die schon jahrelang international dabei sind und dementsprechend Erfahrung haben. Es ist ein völlig anderer Druck, der auf der Mannschaft lastet. Das Abschneiden wird man erst nachher beurteilen können. Erfahrung und Top-Spieler aus dem Ausland sind sicher nicht verkehrt, müssen aber nicht unbedingt zum Erfolg führen.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Bundesliga im Vergleich mit anderen europäischen Ligen positioniert?

Riedle: Deutschland ist sehr gut, das bestätigt auch das Ranking. Aber in der Champions League geht es gegen die ganz großen Mannschaften. Dort sind wir sicher nicht favorisiert. Dem FC Bayern hingegen traue ich zu, dass er bestimmt bis ins Viertel- oder Halbfinale vordringen wird.

bundesliga.de: Inwiefern spiegelt sich die steigende Attraktivität der Bundesliga auch in der Wettbewerbsfähigkeit auf europäischer Ebene wider?

Riedle: Die Bundesliga ist sicher sehr attraktiv. Das sieht man auch daran, dass der ein oder andere Topstar wieder dorthin zurückgekehrt ist. Oder daran, dass Robben und Ribery sich wohlfühlen. Es wird schließlich auch gutes Geld gezahlt. Allerdings sind wir aufgrund struktureller Aspekte nicht in der Lage, mit den Gehältern der englischen oder italienischen Liga mitzuhalten. Das ist aber auch nicht schlecht und in jedem Fall sicherer.

bundesliga.de: Wer wird die Champions League in dieser Saison gewinnen?

Riedle: Es sind immer die gleichen Namen, die in diesem Zusammenhang fallen. Ich denke trotzdem, dass es in diesem Fall eine Verteidigung geben wird und dass Barcelona gewinnt. So wie die Mannschaft im Moment spielt, ist sie das Maß aller Dinge.

bundesliga.de: Wie lange müssen die Fans in Deutschland noch auf einen Champions-League-Sieg eines deutschen Vereins warten?

Riedle: Vielleicht gibt es ja tatsächlich eine Überraschung in diesem Jahr. In Jahren oder Lichtjahren würde ich das aber nicht beziffern. Man wird sehen.

Das Gespräch führte Sabine Glinker