München/Berlin - Die Vorzeichen für die deutsche Nationalmannschaft standen vor dem Qualifikationsspiel zur EURO 2012 gegen die Türkei eher schlecht. Der Auftritt vor heimischer Kulisse drohte durch die Vielzahl türkischer Anhänger zum Auswärtsspiel zu geraten und die WM-Fahrer zeigten zuletzt in der Bundesliga nur mäßige Leistungen. Doch das DFB-Team hatte lediglich in der ersten Halbzeit Mühe mit den Gästen. Am Ende war das 3:0 auch in der Höhe absolut verdient.

"Ich bin sehr zufrieden, denn es war ein schwieriges Spiel für meine Mannschaft. Sie stand schon unter Druck, denn es war ja fast ein Auswärtsspiel. Aber die Mannschaft hat einen unglaublichen Willen, viel Lauffreude und Einsatz gezeigt. Wir haben klar und verdient gewonnen", analysierte Bundestrainer Joachim Löw.

Löw, der nach der WM 2006 das Amt von Jürgen Klinsmann übernommen hatte, feierte damit den 42. Erfolg in seinem 60. Länderspiel. Bei je neun Unentschieden und neun Niederlagen beläuft sich das Torverhältnis zudem auf 147:44 - eine beeindruckende Bilanz.

Kroos ein guter Schweinsteiger-Vertreter

Dabei hatte der 50-Jährige unter der Woche eine Hiobsbotschaft zu verkraften. Mit Bastian Schweinsteiger musste sein Schlüsselspieler verletzt absagen. Schweinsteigers Mannschaftkollegen beim FC Bayern, Toni Kroos, fiel die Aufgabe zu, die entstandene Lücke zu füllen.

Und wie sich Kroos in seinem vierten Einsatz in der Startelf ins Spiel kämpfte, war zu Recht ein Sonderlob seines Trainers wert: "Das war keine einfache Situation. Toni Kroos ist noch jung und hat bei uns noch nicht so häufig von Beginn an gespielt. Im Laufe der Partie hat er sich immer besser bewegt. In der zweiten Halbzeit war er dann sehr, sehr präsent."

Klose trifft und trifft und trifft ...

Doch nicht nur Kroos glänzte auf dem Rasen des Olympiastadions. Auch - oder vor allem - die anderen Bayern-Spieler waren im DFB-Dress kaum wiederzuerkennen. Allen voran Miroslav Klose. Während er beim FC Bayern seit gut einem halben Jahr auf einen Bundesliga-Treffer wartet, schoss er in seinem 104. Länderspiel seine Tore 56 und 57.

"Ich frage mich auch jedes Mal, warum es hier klappt. Beim 1:0 habe ich das Glück, dass mir der Ball vom Pfosten an den Kopf springt. Beim FC Bayern wäre der rechts oder links an mir vorbei geflogen. Aber das ist Fußball", suchte Klose nach einer Erklärung.

Löw nahm seine Kicker in Schutz. "Nach so einer intensiven WM und der kurzen Vorbereitungsphase finden die Spieler nicht sofort den Rhythmus und deshalb mangelt es noch an der gewissen Konstanz. Meine Spieler sind aber extrem erfolgsbesessen und zielorientiert. Und das rufen sie in so einem Spiel auch ab", sagte er.

Maximalausbeute erreicht

Das gesteckte Ziel, die Maximalausbeute von neun Punkten aus drei Spielen, hat die deutsche Mannschaft auf jeden Fall erreicht. "Das war ein perfekter Start. Mehr geht nicht", befand Philipp Lahm.

Der Kapitän vergaß dabei aber nicht, schon einmal den Blick auf die kommende Partie zu lenken. "Der Sieg gegen die Türkei war nichts wert, wenn wir am Dienstag nicht gewinnen. Und wir werden in Kasachstan nachlegen", versprach er.

Auf eine so lautstarke Unterstützung der deutschen Fans wie gegen die Türkei müssen Klose, Lahm und Co. in der weit entfernten Astana Arena in Kasachstans Hauptstadt Astana wohl verzichten. Die Partie gegen die Türkei war aber sicherlich das schwierigere "Auswärtsspiel".

Michael Reis