München - Nein, behauptet Uli Hoeneß, er sei "kein großer Romantiker". Und schon gar nicht, wenn es um runde Geburtstage geht. Klar, er hat in diesen Tagen häufig zurückgeblickt, wenn einer wie er 60 Jahre alt wird, dann bleibt es nicht aus, dass er darum gebeten wird.

Aber im Grunde, sagt Hoeneß, habe er auch jetzt, da er als Präsident nicht mehr unmittelbar in das Tagesgeschäft des FC Bayern München eingebunden ist, "nicht viel Zeit, um zurückzublicken - und ich will das auch gar nicht".

"Was ich alles erlebt habe..."

Hoeneß lebt in der Gegenwart, und mit mindestens einem Auge hat er auch stets die Zukunft im Blick. Wahrscheinlich war er deshalb schon immer - oder meistens jedenfalls - seiner Zeit voraus. Im Alter von 27 Jahren ist der Metzgersohn aus Ulm 1979 Manager beim FC Bayern geworden. Auf diese Idee, sagt er heute, "wäre ich zwangsläufig gekommen". Der Rest ist Geschichte, ist ein so pralles Leben, dass seine Autobiografie "mindestens zehn Bände" umfassen müsste, sagt Hoeneß, "wenn ich erzählen würde, was ich alles erlebt habe: Das ist unglaublich."

Hoeneß wird keine Autobiografie schreiben, hat er versprochen. Vielleicht auch deshalb, "weil ich dann noch weiter auswandern müsste", und nicht nur bis nach Australien. Dabei ist er ja nie einer Konfrontation aus dem Weg gegangen, und manchmal, räumt er ein, "bin ich übers Ziel hinausgeschossen". Allerdings gehört Hoeneß zu den Menschen, die sich erstens auch entschuldigen können und zweitens nicht nachtragend sind. Nur mit "ein, zwei, drei Leuten" werde er wohl nicht mehr warm werden.

Ein Mann der Gegensätze

Der öffentliche Uli Hoeneß hat über Jahrzehnte hinweg polarisiert wie wohl kein Zweiter im deutschen Fußball. Er war die "Abteilung Attacke", ging gerne auf Konfrontationskurs, wenn jemand seiner Meinung nach Blödsinn erzählt oder gemacht hat. Vor allem, wenn es um den FC Bayern geht.

Hoeneß war aber immer ein Mann der Gegensätze. Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen der ehemalige FCB-Manager ohne großes Aufhebens auch menschliche Größe zeigte, Verantwortung übernahm, gescheiterten Weggefährten, vom Schicksal schwer getroffenen ehemaligen Spielern oder auch heruntergewirtschafteten Clubs zur Seite sprang.

Hoeneß hatte immer eine klare Meinung, er vertritt sie, stets mit großer Entschlossenheit, oft folgt er dabei seinem Bauchgefühl. Und vor allem hat er Rückgrat, steht zu dem, was er sagt und tut. "Habe ich so nie gesagt" - nie gehört von Hoeneß. Als Präsident wirkt er mittlerweile etwas präsidialer. Er äußert sich, in Talkshows, bei Podiumsdiskussionen, häufiger auch zu Themen, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Aber Hoeneß, ein Mann mit gesundem Menschenverstand, hat immer etwas zu sagen.

Schon immer zielstrebig

Halbe Sachen hat Hoeneß nie gemacht. Schon als Kind nicht, als er sich bei den Eltern zielstrebig Pfennig um Pfennig erarbeitete, um einen 34 Mark teuren Fußball zu kaufen, mit dem er dann der Chef auf dem Bolzplatz war. Nicht minder beharrlich machte er den FC Bayern zum sportlichen und wirtschaftlichen Primus in Deutschland. Als er anfing, hatten die Münchner 7,5 Millionen Mark Schulden, Hoeneß hatte aber schon ein Jahr zuvor als Spieler einen Sponsorendeal an Land (Magirus-Deutz) gezogen, die Vertragsunterschrift erfolgte auf einem Bierdeckel.

Hoeneß hatte Visionen - und setzte sie um. Er entdeckte unter anderem das Merchandising, wie der Handel mit allerlei Fanartikeln neudeutsch heißt. Für den FC Bayern und damit für die Bundesliga. Er eröffnete Fanshops, einen davon in einem riesigen Einkaufszentrum in Oberhausen, um "die Dortmunder und die Schalker zu ärgern". Das Merchandising allein brachte dem FC Bayern in der abgelaufenen Saison knapp 44 Millionen Euro ein, und auf dem von Hoeneß gerne zitierten Festgeldkonto liegen etwa 130 Millionen Euro.

Überlebender eines Flugzeugabsturzes

Glück hatte Hoeneß am 17. Februar 1982, als er als einziger von vier Insassen einen Flugzeugabsturz überlebte. Eine Zeitlang hat er diesen Tag als zweiten Geburtstag gefeiert, es dann aber sein lassen, weil er nicht einen Tag feiern wollte, an dem drei andere Menschen starben. Sein Leben hat er, obwohl geplant, nach diesem Ereignis nicht verändert: "Nach einem halben Jahr war es wie immer." Und schon eine Woche nach dem Absturz hatte er wieder in einem Flugzeug gesessen.

Einmal aber, da ging selbst der selbstbewusste Kraftmeier beinahe in die Knie. Das war 2000, die Daum-Affäre. "Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich weiß nicht mehr weiter", sagt Hoeneß, "ich hatte nicht einen Gegner, nicht zwei, sondern die ganze Welt. Ich hatte das total unterschätzt, ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ich habe die Situation nicht im Griff." Was ihn am Ende rettete, war die "wahnsinnige" Entscheidung von Daum, sich einer Haarprobe zu unterziehen: "Da hatte ich Glück, dass er das gemacht hat."

Hoeneß denkt nicht ans Aufhören

In einem Alter, in dem andere an Rente denken, will Hoeneß erst mal nicht kürzertreten. "Ich genieße mein Leben in vollen Zügen", sagt er, das Beispiel "von vielen Freunden, die zwischen 60 und 70 sind, die Top-Manager waren und die nichts mehr machen", sieht er als Warnsignal: "Deren Alterungsprozess ist dramatisch." Also macht er weiter. In den kommenden fünf Jahren will er den FC Bayern so aufstellen, dass es auch mal ohne ihn weitergehen könnte, selbst wenn er weiß, dass zumindest sein Charisma nicht zu ersetzen ist.

Seine persönlichen Ziele klingen bescheiden. "Ich glaube", sagt Hoeneß, "dass es das Wichtigste ist, sagen zu können: Man ist zufrieden. Immer höher, immer schneller, immer weiter - das geht nicht." Fast scheint es, als sei der junggebliebene Uli Hoeneß ein wenig altersmilde geworden.