München - Schlitzohr, Phantom, Instinktfußballer. Wie man Theofanis Gekas auch am besten beschreibt, eins ist klar: Gekas steht für Tore. Frankfurts Toptorjäger hat der Bundesliga in dieser Saison bewiesen, dass er noch längst nicht zum "alten Eisen" gehört und liegt mit sieben Treffern auf Rang 2 der Torjägerliste, hat maßgeblichen Anteil am derzeitigen Erfolg der Eintracht. Zuletzt traf er im DFB-Pokalspiel gegen den Hamburger SV doppelt, die Eintracht gewann mit 5:2 und steht im Achtelfinale. bundesliga.de hat zehn interessante Fakten über den Hellenen-Torjäger zusammengetragen und erzählt, warum Jose Mourinho bei Gekas Unrecht hat, von ungeahnten Helferqualitäten und von seinem Alptraum als Gegenspieler.

Der olympische Segen

Gekas' Geburtsort in Griechenland ist Larissa. Im Nordosten blickt der Olymp auf die Hauptstadt Thessaliens herab. "Mit acht Jahren", erinnert er sich, begann er mit dem Kicken. Traf Klein-Theofanis genau dann ein Blitz göttlichen Ehrgeizes? Ein anderer Weg schien unmöglich: "Schule hat mir nie Spaß gemacht." Der junge Grieche begeisterte sich allerdings nicht für den Fußball im Allgemeinen, für schöne Kombinationen, für herrliche Tricks oder eisenharte Zweikämpfe. Einzig und allein ein Teilgebiet des Sports faszinierte ihn von klein auf - derjenige zu sein, der am Ende das Tor macht. "Ich habe jeden Tag trainiert und wollte immer Stürmer werden". So kam es dann auch - zuerst markierte er seine Treffer für den Zweitligisten AE Larisa, dann bei Kallithea FC aus Athen. 30 Mal ließ er es in 87 Partien klingeln. Der Topclub Panathinaikos Athen verpflichtete den Angreifer - dort wurde er prompt Torschützenkönig der ersten griechischen Liga.

Fans und Förderer

Als Torschützenkönig der griechischen Liga weckte Gekas natürlich Begehrlichkeiten. Stefan Kuntz, der schon als Trainer bei LR Ahlen von Gekas' Torriecher gehört hatte, damals aber noch nicht die finanziellen Mittel für einen Transfer hatte, lotste ihn in die Bundesliga zu Bochum. Dort schlug er voll ein - Bochums damaliger Trainer Koller nannte ihn "unsere Lebensversicherung", die den VfL auf einen sensationellen 9. Platz schoss. Michael Skibbe, damals Trainer von Leverkusen, entwickelte ein Faible für die griechische Tormaschine. Obwohl er sich bei Bayer nicht durchsetzen konnte, holte Skibbe Gekas zu Frankfurt, als sich ihm die Gelegenheit bot. Skibbe und Gekas - das passt einfach. "Skibbe war das allerwichtigste Argument für meine Entscheidung", sagt er. Skibbe vertraut Gekas - und der zahlt es ihm zurück, Tor für Tor.

"The Special One" weiß nicht alles

Von Jose Mourinho hört man, seit Özil und Khedira bei Real Madrid sind, wie wichtig Integration und vor allem sprachliche Integration heutzutage sind. Ein kniffliges Thema, wenn es um Gekas geht: Der Knipser ist kein Mann vieler Worte, besonders nicht auf Deutsch. Auch nach seinem "Doppelpack" gegen Kaiserslautern übersetzte sein Landsmann Ioannis Amanatidis seine wenigen Sätze. Wieso das so ist? Darauf hat Gekas immer klare, ehrliche Antworten. Kostprobe? "Ich bin schüchtern, lasse lieber Tore sprechen." Oder: "Ich werde nicht fürs Deutschreden bezahlt, sondern fürs Tore schießen." Dass bei ihm der Zweck seines Daseins, die Anzahl seiner Treffer, über alles geht, hat er auch schon bei seinem Intermezzo bei Hertha klar gemacht: "Ich will Hertha vor dem Abstieg retten und nicht Lehrer für Sprachunterricht werden." Gekas setzt klare Prioritäten - und hat damit Erfolg.

Das Raubtier

Gekas ist kein Stürmer moderner Gattung. Meist schleicht er nur über den Platz, lauernd, wie ein Raubtier in Deckung, den Kopf leicht hängend, auf Höhe der Abseitslinie. Je näher das Tor ist, desto besser. Edin Dzeko beispielsweise hatte in dieser Saison 337 Ballkontakte, er erarbeitet sich seine Chancen, ist immer in Bewegung. Gekas nicht - er hat aber schon zwei Treffer mehr auf dem Konto als der Bosnier. Er hört auf seinen Instinkt. Immer genau dann dort zu stehen, wo der gegnerischen Abwehr der entscheidende Fehler passieren könnte - das ist sein Spiel. Skibbe weiß das: "Gekas ist ein unglaubliches Schlitzohr. Er weiß immer, wie er zu laufen und wo er im Strafraum zu stehen hat. Damit ist er sehr wichtig für uns." Dzeko schoss in dieser Spielzeit durchschnittlich nach 67 Ballkontakten ein Tor - Gekas brauchte dafür nur 25.

Gekas, ein Synonym für Effizienz

Auf die Qualität der Ballkontakte kommt es also an. Bei Stürmern im Besonderen natürlich die Abschlüsse. Nur 17 Mal zielte Gekas in dieser Spielzeit auf den gegnerischen Kasten - bei sieben Toren bedeutet das, dass fast jeder zweite Schuss drin war. Zum Vergleich: Dzekos Quote liegt etwa bei sechs. Die Effizienz des "Schlitzohrs" Gekas ist beeindruckend. Sein jetziger Sturm-Kollege Amanatidis sagte einmal über ihn: "Er kann nicht köpfen, ist nicht sehr robust und hat keinen guten Schuss." Scheinbar kann Gekas nicht all zu viel - außer eben, Tore machen. Und die macht er. Von Skibbe wird er sogar mit den ganz Großen seiner Zunft verglichen. "Er ist einer der wenigen Stürmer seiner Art. Ich finde, dass er in seinem Bewegungsapparat und seiner Schlitzohrigkeit, ein wenig Gerd Müller ähnelt."

Rekorde, Rekorde, Rekorde

Kein Wunder, dass sich die Tormaschine auch in einige Rekordlisten eingetragen hat. Am dritten Spieltag, beim 4:0-Sieg der Eintracht in Gladbach, stieg er in einen elitären Kreis auf. Nach seinem "Doppelpack" hat er in der Bundesliga bereits für vier verschiedene Vereine zweimal in einem Spiel getroffen - das schafften in der langen Geschichte von Deutschlands Eliteklasse erst 16 andere. Einen anderen Rekord hält der 30-Jährige allerdings ganz allein: Als einzigem Griechen gelang es ihm bis jetzt, außerhalb der Heimat Torschützenkönig zu werden. Das war in seiner Debütsaison mit Bochum. Bis jetzt ist europaweit kein Grieche in Sicht, der außerhalb Griechenlands Torschützenkönig werden könnte - bis auf Gekas selbst natürlich, der aktuell schon wieder ganz weit vorne liegt.

"Eiskalter Vollstrecker" mit festem Ritual

Theofanis Gekas, der Knipser, die Spürnase. Eintracht-Kollege Maik Franz sagt: "Er ist ein Schlitzohr mit Riecher." Er steht einfach immer richtig. Er weiß genau, was er wann machen muss, um am Ende zu jubeln. Oder hat er einfach nur Glück? Wie so viele Fußballer ist der Familienvater auch ein wenig abergläubisch, sodass ihm Fortuna ab und zu zulächeln möge. "Ich rasiere mich vor jedem Spiel. Immer zwei Stunden vor dem Anpfiff. Das ist mein Ritual." Und als ob das noch nicht genug wäre und ihn die Glücksgöttin auch nicht verwechselt, trägt er etwas, dass ihn unverkennbar als denjenigen kennzeichnet der die Entscheidung herbeiführt. Gekas' Tätowierung auf dem rechten Unterarm, die chinesische Schriftzeichen zeigt, bedeutet nichts anderes als "Eiskalter Vollstrecker."

Gekas der Helfer

108 Bundesligaspiele hat Gekas auf dem Buckel. Ganze 46 Mal netzte er dabei ein, fast jedes zweite Spiel also. Schaut man aber auf eine andere Statistik, wird es mau. Lediglich acht Mal legte er einem Mitspieler einen Treffer auf. Bei Leverkusen wurde ihm oft vorgeworfen, nicht mannschaftsdienlich zu spielen. Der Fluch eines jeden Stürmers, insbesondere von "Phantomen" wie Gekas: Wer nicht trifft, ist angreifbar. Gekas' Lösungsansatz sind natürlich Tore - Gibt es also keine Hoffnung für Gekas' zukünftige Sturmpartner? "Ich helfe meiner Frau Vasso auch im Haushalt wenn ich frei habe, das ist für mich selbstverständlich." Gekas, der Helfer. Einen Assist-Rekord wird er wahrscheinlich nicht mehr aufstellen - es sei denn, die Eintracht verpflichtet Vasso Gekas.

"König Otto"

Auch Griechenlands ehemaliger Nationaltrainer Otto Rehhagel konnte nicht umhin, sich auf die Knipserfähigkeiten von Gekas zu verlassen. In 52 Spielen netzte er 20 Mal ein und liegt in der ewigen Torschützenliste seines Heimatlandes auf Rang 5. Rehhagel baute auf Gekas und der zeigte sich beeindruckt von Trainer-Fuchs Rehhagel. "Für mich ist er der beste Trainer, den ich kennengelernt habe. Er ist nach Griechenland gekommen, als Griechenland im Fussball ein Niemandsland war." Nach Rehhagels Aus nach der WM machte auch Gekas bald Schluss im Natioalteam - ähnlich wie viele seiner Weggefährten, nicht zuletzt Amanatidis. Griechenlands neuer Trainer Fernando Santos setzt auf die Jugend. Jetzt konzentriert er sich voll auf die Eintracht und ist sich sicher: "Die Nationalmannschaft ohne Rehhagel wird es wieder schwer haben."

Ringelreihen

Wer im Strafraum richtig stehen will, wer im entscheidenden Moment zum Ball will, muss sich durchsetzten können. Innenverteidiger gehen häufig bis an die Grenze des Erlaubten, um die Angreifer von der Gefahrenzone fernzuhalten. Kein Problem für Gekas, der bis zu seinem 15. Geburtstag auch als Ringer aktiv war. Aus dieser Zeit stammen seine Robustheit und Koordination - mit hartem Körperkontakt kennt sich Gekas also bestens aus und weiß sich durchzusetzen. Gekas hat Champions League gespielt, war bei der WM dabei und kennt die härtesten Knochen des Geschäfts. Auf die Frage, wer sein unangenehmster Gegenspieler sei, mit wem er also nicht unbedingt gerne "ringt" - da kann er ein Kompliment an einen Kollegen zurückgeben. "Maik Franz. Ich bin froh, dass wir jetzt zusammen in einer Mannschaft spielen."


Christoph Gschoßmann