München - 24 Jahre jung, 1,82 Meter groß, beidfüßig, kopfballstark, 66 Tore in 111 Bundesligapartie, Bundesliga-Torschützenkönig: Einen Stürmer mit solchen Werten und Daten würde jeder Bundesligist, der seinen Angriff verstärken will, wohl gerne verpflichten. Den Verlust eines solchen Stürmers dürfte allerdings sehr schmerzen und nur schwer zu kompensieren sein.

Genau vor dieser kniffligen Aufgabe steht aktuell der VfL Wolfsburg. Denn oben genannte Daten gehören zu Edin Dzeko, der die "Wölfe" in Richtung Manchester City verlassen hat. Der Bosnier kam im Sommer 2007 vom FK Teplice nach Wolfsburg, reifte unter Trainer Felix Magath nach etwa einem halben Jahr Eingewöhnungszeit zur Stammkraft im Sturmzentrum und wurde mit den Niedersachsen 2009 Deutscher Meister.

"Ein Vorwand für schlechte Leistungen ist weg"

Ein herber Verlust für den VfL - trotzt der hohen Ablösesumme! Und das nach einer verkorksten Hinrunde, die die "Wölfe" auf Platz 13 beendeten. "Natürlich ist der Abgang sportlich ein Verlust. Und natürlich besteht für uns auch ein sportliches Risiko. Das haben wir sorgfältig abgewogen. Denn Edin ist ein herausragender Spieler, einer der besten Stürmer überhaupt. Er hat das Zeug dazu, ein Weltstar zu werden. Aber dann muss er auch ganz bei der Sache sein. Und das war er zuletzt bei uns nicht", gesteht Wolfsburgs Geschäftsführer Dieter Hoeneß ein.

Aber Hoeneß sieht in dem Abgang des Top-Stürmers auch eine große Chance, nämlich die auf einen Neustart. "Das ist für uns letzten Endes auch einer der wichtigsten Gründe für den Verkauf. Wie Steve McClaren im Trainingslager feststellte, ist durch Edins Weggang in der Mannschaft auch etwas in Bewegung gekommen, es hat sich eine neue Dynamik innerhalb des Teams entwickelt."

Und weiter: "Ein Vorwand für schlechte Leistungen, hinter dem sich die Mannschaft hätte verstecken können, ist weg. Jetzt hoffe ich auf gute Ergebnisse, damit der in der Mannschaft begonnene Prozess Unterstützung erhält und dann möglichst schnell voranschreitet."

Chance für beide Seiten

Ins gleiche Horn stößt Linksverteidiger Marcel Schäfer, der Dzekos Nachfolge als Kapitän antreten könnte. "Er war für mich der beste Stürmer der Liga und gehört sicher zu den Top drei bis fünf in Europa, insofern ist es ohne Frage ein großer Verlust, der schwer zu kompensieren sein wird."

Andererseits könne der Wechsel aber auch von Vorteil sein. "Wir können es ohnehin nur auffangen, indem wir als Mannschaft funktionieren. Insofern haben wir jetzt die Möglichkeit zu beweisen, dass es auch ohne ihn geht", so Schäfer: "Ich glaube deshalb, dass dieser Wechsel nicht nur eine Chance für Edin, sondern genauso auch für uns sein kann."

Sturm-Duo Grafite/Mandzukic?

Auch für Mario Mandzukic könnte Dzekos Weggang eine Chance bedeuten. Der Sommer-Neuzugang kam in der ersten Saisonhälfte im Schatten des Bosniers noch nicht in Tritt - 13 Einsätze, kein Tor - und dürfte jetzt darauf brennen, Trainer Steve McClaren von seinen Qualitäten zu überzeugen. Schließlich ist auch Dzeko erst nach einem halben Jahr Eingewöhnungszeit in Wolfsburg durchgestartet.

Dzekos ehemaliger Sturmpartner Grafite dürfte in der Rückrunde im VfL-Angriff gesetzt sein. Der Brasilianer spielte zuletzt immer stärker auf, netzte in der Liga bereits sieben Mal ein und könnte mit Mandzukic das neue Sturm-Duo bilden.

Überraschende Statistik

Zudem dürfte den Wolfsburgern ein Blick in die Datenbank Hoffnung machen. Seit Beginn des Kalenderjahres 2008 bestritt der VfL neun Bundesligaspiele, in denen Dzeko nicht in der Startelf stand.

Die Wolfsburger Bilanz in diesen neun Partien ist beachtlich: fünf Siege, zwei Remis und zwei Niederlagen bei 18:11 Toren. In keinem dieser neun Partien blieb der VfL torlos. Damit ist die Bilanz seit 2008 ohne Dzeko in der Startelf sogar besser (im Schnitt 1,9 Punkte und 2,0 Tore pro Spiel) als mit ihm (1,7 Punkte und 1,9 Tore).

Also: Es wird schwer ohne Dzeko, aber es kann funktionieren...

Sven Becker