Leipzig - "Testspiele sind nicht im Sinne eines Trainers", erklärte Joachim Löw nach dem souveränen, aber wenig glanzvollen 2:0 über Israel. "Ich will Wettkämpfe."

Und die soll er bekommen. Schon am Montag geht es ins Teamquartier nach Danzig. Dort muss der Bundestrainer seiner Mannschaft bis zum Auftaktspiel gegen Portugal den letzten Feinschliff verpassen. Trotz der Leistungssteigerung im Vergleich zum 3:5 in der Schweiz gibt es noch drei große Baustellen. Das Israel-Spiel gebe für die Arbeit daran laut Löw "Rückenwind", doch einige Sorgen bleiben.

Lahm: links oder rechts?



Die deutsche Stammelf scheint alles andere als in Stein gemeißelt. Nachdem auch die Bayern-Spieler zur Mannschaft gestoßen waren, schenkte Löw gegen Israel gleich sieben Münchnern sein Vertrauen. Besonders in der Defensive wird dabei der Konkurrenzkampf härter: Nur Kapitän Philipp Lahm und Torwart Manuel Neuer sind gesetzt.

Nachdem Dortmunds Linksverteidiger Marcel Schmelzer gegen die Schweiz nicht überzeugen hatte können, spielte Allzweckwaffe Lahm gegen Israel wieder auf links. Aber wer verteidigt dann rechts? Benedikt Höwedes musste gegen Israel seinen Platz für Jerome Boateng räumen. Doch der Schalker hofft noch: "Ich glaube nicht, dass der Trainer seine Elf schon hundertprozentig gefunden hat."

Ebenfalls sehr eng geht es beim Rennen um die Plätze in der Innenverteidgung zu. Außen vor war am Donnerstag Dortmunds Mats Hummels. "Ich sag' nix, ich hab' ja nicht gespielt", erklärte dieser nach dem Spiel knapp. Im Defensiv-Zentrum hatte Löw auf das Duo Badstuber/Mertesacker gesetzt. Der Münchner liegt im Kampf "zwei aus drei" wohl ein bisschen vor Double-Sieger Hummels und dem Mann von Arsenal. "Merte", der dringend Spielpraxis braucht, scheint nach seiner langwierigen Verletzung immerhin langsam in Tritt zu kommen. Für Außen- und Innenverteidiger gilt aber gleichermaßen, dass sie gegen die harmlosen Israelis kaum gefordert wurden.

Holger Badstuber gab im Interview allerdings offen zu, dass noch ein bisschen Arbeit vor Team und Trainerstab steht: "Wir haben einen Trainer, der auch noch die Kleinigkeiten sieht und die Feinabstimmung in den nächsten Trainingseinheiten in Polen perfektionieren will. Das werden wir natürlich annehmen, so dass wir topfit und eingespielt in das Turnier starten."

"Wir werden beide unbedingt benötigen"



Die zweite Baustelle ist das Sturmzentrum. Zwar traf Mario Gomez gegen Israel, agierte bis zu seiner Auswechslung für Miroslav Klose insgesamt aber zu wenig zwingend. In den 25 Spielminuten, die sein Konkurrent bekam, ließ dieser einmal mehr seine Klasse als mitspielender Stürmer aufblitzen.

Der Wahl-Römer hat offensichtlich seine Verletzungsprobleme überwunden und scheint weiterhin im Vorteil zu sein. Löw indes versucht, beide bei Laune zu halten: "Es ist gut für die Mannschaft, dass sie weiß, dass Miro und Mario immer Tore machen können - egal, wer spielt", erklärte der 52-Jährige: "Das ist sehr wichtig, denn wir werden beide unbedingt benötigen, wenn wir etwas erreichen wollen."

Schweinsteigers malade Wade



Löws dritte Baustelle befindet sich im Zentrum des Platzes: Im deutschen 4-2-3-1-System spräche eigentlich alles für eine Doppel-Sechs aus Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger. Internationale Erfahrung, Eingespieltheit und die zuletzt wenig überzeugenden Auftritte von Toni Kroos und Mario Götze auf dieser Position. Wenn da bloß Schweinsteigers malade Wade nicht wäre. Seitdem der deutsche Vize-Kapitän früh im verloren Champions-League-Finale einen Schlag auf den Unterschenkel erhielt, laboriert er an einem hartnäckigen Bluterguss und muss nun einen Trainingsrückstand wettmachen.

"Bastian hat überhaupt keine Probleme mehr, keine Schmerzen. Er wird weiter behandelt, wir gehen aber davon aus, dass er am Montag erstmals wieder mit der Mannschaft trainieren kann", sagte Mannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt der Münchner "tz". Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit. Und vorsorglich stellte Löw klar, dass alle Spieler, die in Lwiw gegen Portugal auflaufen, "schmerzfrei und in einer guten Verfassung" sein müssen. Daher darf sich selbst Ilkay Gündogan, der erst in letzter Minute auf den EM-Zug aufsprang, auf der "Sechs" noch Außenseiterchancen ausrechnen. Zumal Löw den Dortmunder zuletzt mit dem "jungen Schweinsteiger" verglich.

Der erste Teil der Vorbereitung ist abgeschlossen, die Spieler haben erstmals seit Sardinien ein Wochenende frei, bevor es dann nach Polen geht. Unter dem Strich steht für das deutsche Team: Die Stimmung ist gut, die Abstimmung wird besser - aber einige Fragezeichen bleiben. Oder wie Jocahim Löw resümierte: "Ich bin weder in Sorge, noch kann ich mich zurücklehnen."

Aus Leipzig berichtet André Anchuelo