Darmstadt - Am Schluss sei sein Puls ganz schnell nach oben gegangen, erzählte Martin Schmidt, und er habe gedacht: "Oh, jetzt muss ich doch noch ein Unentschieden schönreden". Das musste der Trainer des 1. FSV Mainz 05 nach dem dramatischen 3:2 (2:1)- Derbysieg beim SV Darmstadt 98 aber dann doch nicht, weil Sandro Wagner in der sechsten Minute der Nachspielzeit einen Elfmeter für die Lilien in den Himmel über Darmstadt drosch.

3:2 für Mainz in Darmstadt, und dann plötzlich doch noch die Chance zum Ausgleich für die Gastgeber, weil der Mainzer Linksverteidiger Gonzalo Jara statt den Ball wegzuschlagen, im Strafraum zaubern wollte und Luca Caldirola über seinen Fuß stolperte, so den Strafstoß herausholte - und diese unterhaltsame Partie noch einmal zu einem bizarren Höhepunkt trieb. Aber Sandro Wagner nahm dieses unverhoffte Geschenk nicht an und jagte den Ball in die Wolken über dem "Bölle".

"Mit so einem Finale rechnet niemand"

So einen letzten Schuss hat ein Bundesliga-Spiel selten gesehen, und der Mainzer Manager Christian Heidel gab deshalb auch hinterher erleichtert zu Protokoll: "Das gehört von der Dramatik her zu meinen Highlights. Mit so einem Finale in der 96. Minute rechnet niemand. Ich dachte, die drei Punkte sind weg." Waren sie aber nicht und die Mainzer können nun mit zwölf Punkten nach acht Spielen ziemlich beruhigt in die Länderspielpause gehen.

Verdient war der am Ende glückliche Sieg, die Nullfünfer waren spielerisch eine Klasse besser gegen defensive Lilien, die zwar einen 0:2 Rückstand aufgeholt hatten, aber sich nach dem Ausgleich von Marco Sailer (57.)  prompt wieder ein schusseliges Gegentor durch Pablo de Blasis einhandelten (64.). Danach hätten die Gäste noch ein Tor draufsetzen müssen, scheiterten aber durch Muto (66.), Jairo (86.) und zwei Mal Malli (74., 80.) daran, dem Spiel früh die Dramatik zu nehmen.

"Die Mannschaft hat Mentalität gezeigt"

In der Abwehr standen die Rheinhessen bis zum Schlusspfiff aufmerksam, gestatteten dem Aufsteiger bis zur allerletzten Sekunde kaum eine richtige Torchance. "Wir haben die ganze Woche von Mentalität gesprochen, die wir gegen diese Mentalitätsmonster aus Darmstadt brauchen, und ich denke, die Mannschaft hat heute Mentalität gezeigt", analysierte Nullfünf-Trainer Martin Schmidt. Der Schweizer setzte personell "neue Reize, um die Mannschaft wachzurütteln". Der Schwede Pierre Bengtsson rotierte so von der Startelf auf die Tribüne, Christian Clemens auf der Bank. Dafür begann mal wieder der Spanier Jairo rechts vorne, und Gonzalo Jara zum ersten Mal in dieser Runde links hinten. "Ich habe jetzt wieder mehr Optionen", freute sich Schmidt.  Vor allem der Chilene Jara machte eine gute Partie.

Das konnte man an diesem Abend von kaum einem Darmstädter sagen, obwohl die Mannschaft nach dem frühen Rückstand (Bell, 15., und der starke Malli, 24., trafen für Mainz) durch die Tore von Marcel Heller (27.) und Sailer ausglichen. Aber insgesamt zeigte der Aufsteiger nicht die Fähigkeiten, die ihn bislang ausgezeichnet hatten. "Wir waren fahrig im Abspiel, die Abstände zwischen unseren Linien waren zu groß und wir kamen nicht in die Zweikämpfe", bemängelte 98-Kapitän Aytac Sulu. Und sein Trainer Dirk Schuster gab ehrlich zu: "Den Punkt hätten wir gerne mitgenommen, aber wir hätten ihn nicht verdient gehabt. Wir haben heute viel gelernt. Heute waren es paar Fehler zu viel und ein paar Prozent zu wenig. Das wird in der Bundesliga bestraft."

Aus Darmstadt berichtet Tobias Schächter