Bremen - Einige Minuten vor dem Anpfiff im Weserstadion stand Jürgen Klopp ganz in sich versunken vor seiner Bank und schaute auf eine der großen Videowände. Dort flimmerten zur Hymne der Bremer "Lebenslang Grün-Weiß" Bilder aus der Zeit, als die Werder-Welt noch in Ordnung war. Bilder vom Doublegewinn im Mai 2004.

Bilder von euphorischem Jubel, von seligen Glücksgefühlen, die eine ganze Stadt teilte und in den Ausnahmezustand versetzte. Jürgen Klopp ließ die Eindrücke auf sich wirken, und es schien, als würde er sie mit dem vergleichen, was er selbst bereits nach dem Titelgewinn erlebt hatte und was ihn und seine Dortmunder Mannschaft in Kürze noch erwarten würde.

Guter Rat von Schaaf

Als Thomas Schaaf, der Bremer Coach, seinem Kollegen zur gewonnenen Meisterschaft gratulierte, da fügte er noch einen gut gemeinten Rat hinzu, der aus eigener Erfahrung herrührte: "Jürgen, ich rate euch: Macht 'ne Tour. Genießt die Zeit. Es lohnt sich. Und ihr habt's euch verdient."

Den Moment des Rausches in sich aufzusaugen, in der Gewissheit zu schwelgen, dass man eine Saison lang perfekte Arbeit verrichtet und damit eine ganze Region glücklich gemacht hat, das sollte Klopp mitnehmen und sich als Erinnerung bewahren. Es würde eine Stütze sein in schlechteren Tagen, die sicher auch kommen werden. Schaaf wusste, wovon er sprach, und er meinte es aufrichtig.

Den Druck ablassen

Aber es war nicht so, dass die Dortmunder noch gar nicht gefeiert hatten, seit sie gegen Nürnberg die siebte Vereinsmeisterschaft, die vierte seit Einführung der Bundesliga im Sommer 1963, perfekt machten. Bis zum Dienstag durfte sich die Mannschaft austoben, bevor am Mittwoch die volle Konzentration auf Werder Bremen losging.

Eigentlich, wie Mats Hummels einschränkte: "Na ja, diese Woche haben wir eigentlich nur die ersten beiden Tage gefeiert - bei manchem von uns ist aber noch ein dritter Tag hinzugekommen..." Es war nur allzu verständlich bei dieser jungen Truppe, dass sie nach einer herausragenden Saisonleistung endlich den Druck ablassen und sich selbst belohnen wollten.

"Ein paar Mal waren sie etwas unkonzentriert"

Und Werder war auch nicht ganz undankbar dafür, dass die Borussen nicht mehr mit der allerletzten Konsequenz gegen sie zu Werke gingen, und sie so mit dem 2:0-Sieg den Klassenerhalt perfekt machen konnten. Klopp hatte einen "vernünftigen" Auftritt seiner Mannschaft gesehen, die "ein richtig gutes Auswärtsspiel" gemacht hatte, das die Bremer jedoch verdient gewonnen hätten.

Und natürlich, so musste Klopp auch einschränken, hätten seine Jungs an diesem Tag nicht das beste Saisonspiel gemacht. Leichtfertig hergeschenkt hätten die Dortmunder den Sieg jedoch nicht, so hatte es auch Bremens Stürmerstar Claudio Pizarro wahrgenommen: "Es haben alle Stammspieler gespielt. Aber vielleicht waren sie vom Kopf nicht ganz so da, ein paar Mal waren sie etwas unkonzentriert."

Neue Rekorde verpasst

Dass ihnen die Niederlage im Weser-Stadion nicht schmeckte, war den Dortmundern anzusehen. Nicht nur, weil sie den Rekord der meisten Auswärtssiege in einer Saison nun nicht mehr knacken können. Und weil nach den Gegentoren Nummer 20 und 21 der bisherige Top-Wert der Bayern aus der Saison 2007/08 nur eingestellt wurde und nicht mehr verbessert werden kann. "Wir sollten das Positive ganz dick unterstreichen", sagte Torhüter Roman Weidenfeller, "das ist die Meisterschaft. Natürlich hätten wir gerne neue Rekorde aufgestellt, aber letztlich sind sie zweitrangig. Wir konnten nicht davon ausgehen, dass wir mal eben in Bremen vorbei fahren und die mit 5:0 durch die Wand schießen." Klopp fügte ein gefasstes "es ist, wie es ist" hinzu und wusste, dass diese Niederlage nicht den Weltuntergang bedeutete.

Doch dass sie sich am letzten Spieltag im heimischen Stadion definitiv anders von ihren treuen Fans verabschieden wollen: mit einem fulminanten Sieg, der einen einwöchigen Feier-Marathon nach sich ziehen würde. Das ist nun fest geplant, inklusive eines Benefizspiels zugunsten der Erdbebenopfer in Japan am 17. Mai in der Duisburger MSV-Arena und einem Freundschaftsspiel am 19. Mai in der alten Heimat von Dortmunds Robert Lewandowski gegen Lech Posen.

Zuvor würde es aber nach dem letzten Bundesligaspiel erst einmal einen Autokorso durch Dortmund geben, so wie es die Bremer damals auch gemacht hatten. Um diese Momente wirklich zu genießen, sei aber laut Hummels eines zwingend nötig: "Wir sollten jetzt zunächst mal ein ordentliches letztes Spiel gegen Frankfurt machen - wenn wir noch mal verlieren, hab ich keinen Bock mehr zu feiern."

Petra Philippsen