Dortmund - Das ganze Dilemma der Dortmunder Defensive hatte sich im Derby auf Schalke schon nach zehn Minuten offenbart: Ausgerechnet Kapitän Mats Hummels, zurückgekehrt als großer Hoffnungsträger für mehr Stabilität, patzte gegen Joel Matip entscheidend. Eine Szene mit Symbolcharakter: Der BVB steckt in der Abwehr- und Ergebniskrise - und er sucht mitten in den englischen Wochen nach seiner Form.

"Wer solche Gegentore kriegt, wird im Fußball selten Spiele gewinnen." Ein simpler Satz von Jürgen Klopp, in dem nach der 1:2-Niederlage beim FC Schalke 04 aber viel Wahrheit steckt. Das Abwehrverhalten seiner Mannschaft im Derby war schon während der Partie dazu angetan, die Halsschlagader des wütenden Trainers bedrohlich anschwellen zu lassen. "Wir haben das Ding selbst hergeschenkt", meinte auch Mats Hummels - und durfte sich dabei selbst als Schalker Glücksbote fühlen.

Individuelle Abwehrfehler

Gleich zwei Mal in nur 13 Minuten hatte die BVB-Defensive bei Standardsituationen des Gegners nicht gut ausgesehen. Erst verlor Hummels bei einem Eckball den Torschützen Joel Matip komplett aus den Augen. Dann klärte Adrian Ramos den Ball ebenfalls nach einer Ecke genau in die Füße von Klaas-Jan Huntelaar, der für Eric Maxim Choupo-Moting auflegen konnte.

Wie schon in den letzten Spielen sind es immer wieder individuelle Abwehrfehler, die den BVB auf die Verliererstraße bringen. Aber auch im Kollektiv lässt die Defensive zu viel zu, wirkte gegen Schalke vor allem in der ersten Hälfte oft fahrig und konnte das bekannte Dortmunder Pressing kaum einmal effektiv auf den Rasen bringen.

Keine Frage der Einstellung

Schon elf Gegentreffer hat der BVB auf dem Konto (zur Tabelle). Es scheint, als sammele die Mannschaft dieser Tage eher Gegentore als Punkte. Was die Frage nach den Gründen aufwirft - und bei den Spielern auch in diesem Fall vor allem große Augen produziert. Dass die Borussia "einfach acht schlechte Tage" hatte, wie es Weltmeister Hummels zu Protokoll gab, genügt als Erklärung nicht wirklich.

Woran aber liegt es dann, dass der BVB in dieser Spielzeit allein in der Champions League gegen Arsenal glänzen konnte und in der Bundesliga den eigenen Ansprüchen weit hinterherhechelt? Eine Frage der Einstellung ist es auf keinen Fall, ist Mats Hummels überzeugt, der sich als einer von wenigen nach der Derbypleite überhaupt den Fragen stellte: "Das ist Schwachsinn!" Stattdessen vermuten auch die Profis vor allem fehlende Konzentration als Ursache der Aussetzer.

Auch vorne hakt's

Ein Problem, dem sich Jürgen Klopp nun ganz akut widmen muss. In der Vergangenheit konnte sich Dortmunds Trainer zumeist noch auf die Offensivpower seiner Elf verlassen, wenn es hinten nicht passte. Aber so viele Tore kann die Borussia zurzeit gar nicht schießen, wie nötig wären, um die Fehler in der Defensive auszubügeln. Zumal es auch nach vorne gewaltig hakt.

Auf Schalke verhinderte die Heimmannschaft mit aggressivem Pressing lange Zeit ein vernünftiges Kombinationsspiel der Dortmunder, denen es zudem an Entschlossenheit mangelte. Mehr Aufwand nach der Pause wurde zwar mit besseren Werten belohnt: 17:11 Torschüsse, 9:3 Ecken und 22:10 Flanken wies die Statistik nach 90 Minuten aus, was Mats Hummels dazu veranlasste, von einer "kompletten Dominanz" zu sprechen.

Vakuum im offensiven Mittelfeld

Auf das Schalker Tor aber gingen magere fünf Schüsse, dem BVB fehlte es angesichts vieler langer Bälle und einem Vakuum im offensiven Mittelfeld einfach an kreativen Ideen und zwingenden Aktionen. "Wir haben Schalke wund gelaufen und sind marschiert. Aber im Abschluss fehlte uns die Klarheit", rückte auch Klopp die Statistik ein wenig zurecht. "Die letzte Durchschlagskraft, das Tor machen zu wollen, hat gefehlt", gab Matthias Ginter zu.

Was bleibt, sind ernüchternde Zahlen: Nur ein Punkt aus den letzten drei Spielen, schon drei Niederlagen aus sechs Partien, in der Tabelle schon jetzt sieben Zähler hinter den Bayern und jetzt auch noch das Derby verloren.

"Jetzt müssen Ergebnisse her"

Die Partie in der Champions League beim RSC Anderlecht und das Heimspiel gegen den Hamburger SV will der BVB nun nutzen, um das Ruder herumzureißen und die Negativspirale zu verlassen. "Jetzt müssen Ergebnisse her. Wir werden zurückschlagen", hat Jürgen Klopp kämpferisch angekündigt. Und angefügt: "Wir gehen da zusammen durch."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte