München - Vergangenen Samstag ist die Entscheidung gefallen: Die Meisterschale geht an Borussia Dortmund, damit also nach dem "schwarz-gelben" Triumph im Jahr 2011 zum zweiten Mal in Folge. In den letzten Jahren war dieses Kunststück dem FC Bayern München vorbehalten.

Die Zeit, als die Titelverteidigung einem anderen Team als dem Rekordmeister aus dem Süden der Republik gelang, liegt schon ein Weilchen zurück. Zuletzt glückte das ebenfalls dem BVB, und zwar 1995 und 1996.

Genau wie heute Jürgen Klopp stand vor gut 15 Jahren auch in beiden Meisterspielzeiten der selbe Trainer an der Seitenlinie der Dortmunder. Mitte der 90er Jahre hieß der Vater des Erfolges Ottmar Hitzfeld.

Der Meistermacher von damals spricht bei bundesliga.de über die Souveränität des BVB in der laufenden Saison, die Leistungsexplosion Robert Lewandowskis und den Neuzugang Marco Reus.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, haben Sie Borussia Dortmund die Titelverteidigung zugetraut?

Ottmar Hitzfeld: Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Denn der FC Bayern ist nach jeder Saison ohne Meisterschaft ganz besonders motiviert, diese Scharte auszuwetzen. Die Münchner haben sich dafür personell ja auch erheblich verstärkt. Von daher ist die Leistung der Dortmunder in dieser Saison noch höher einzuschätzen als in der Vorsaison.

bundesliga.de: Hat die Borussia in dieser Spielzeit noch einmal zugelegt oder waren die Bayern einfach schwächer?

Hitzfeld: Der FC Bayern hat auch eine gute Saison gespielt. Aber das hat nicht gereicht, denn das Jahr des BVB war einfach überragend. Die Dortmunder waren einfach konstanter als ihr Rivale. Und das, obwohl sie schlecht in die Saison gestartet sind. Aber die Borussia hat die Lehren aus den Niederlagen zu Beginn gezogen.

bundesliga.de: Was hat sich danach geändert?

Hitzfeld: Die Dortmunder sind zum risikofreudigen Fußball zurückgekehrt. Sie haben wieder mehr Lauffreude entwickelt und hatten dadurch mehr Zug zum Tor. Diese offensive Spielweise war dann entscheidend für die beeindruckende Siegesserie - bei der sie auch die Bayern zwei Mal geschlagen haben.

bundesliga.de: Hat Sie die Art und Weise, wie die Borussen in diesen Partien aufgetreten sind, überrascht?

Hitzfeld: Nein, die Dortmunder haben fast jedem Gegner ihre Spielweise aufgedrückt. Das war schon sehr auffällig. Ob in der Offensive oder der Defensive - sie verfügen über ein riesiges Potenzial.

bundesliga.de: War es ein Vorteil, dass Dortmund früh aus der Champions League ausgeschieden ist und somit eine Belastung weniger hatte?

Hitzfeld: Sicherlich haben die Bayern in der Champions League mehr Kräfte gelassen. Und die Dortmunder hätten vielleicht das ein oder andere Mal in der Bundesliga auch nicht mehr so zulegen können, wenn sie länger dabei gewesen wären. Aber das darf in keinem Fall die Leistung schmälern, die der BVB gezeigt hat.

bundesliga.de: Zumal die Dortmunder ja auch mit vielen Verletzungssorgen zu kämpfen hatten.

Hitzfeld: Das war auch ein entscheidender Punkt, der mich etwas überrascht hat. Egal, wer beim BVB ausgefallen ist - es ist immer ein anderer Spieler eingesprungen und hat die Sache noch besser gemacht. Das beste Beispiel ist Robert Lewandowski , der in dieser Saison eine wahre Leistungsexplosion erlebt hat. Insgesamt war Dortmund in der Breite in dieser Saison noch besser aufgestellt.

bundesliga.de: Und mit Marco Reus ist ein weiterer Hochkaräter im Anflug. Kann es da zu Unruhe kommen, wenn sich der ein oder andere Star auf der Ersatzbank wiederfindet?

Hitzfeld: Da sehe ich keine Probleme. Denn Trainer Jürgen Klopp hat in dieser Saison immer wieder auf den Positionen gewechselt - und das hat offensichtlich auch sehr gut funktioniert.

bundesliga.de: Müssen nun auch Erfolge in der Champions League her?

Hitzfeld: Ja, das denke ich schon. Borussia Dortmund muss sich nun international beweisen und Ergebnisse für den deutschen Fußball bringen. Denn sie haben die Bewährungsprobe in der Bundesliga mit Bravour bestanden. Ich bin sehr gespannt, wie sie das in der kommenden Saison lösen.

bundesliga.de: Borussia Dortmund stand vor wenigen Jahren noch finanziell im Abseits und dominiert jetzt die Bundesliga. Gilt da auch ein Sonderlob den Funktionären?

Hitzfeld: Es ist beispielhaft, wie die Dortmunder Führung mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc die finanzielle Situation in den Griff bekommen und wieder auf ein gesundes Fundament gestellt hat. Zusammen mit Trainer Jürgen Klopp wird verantwortlich gewirtschaftet. Darauf lässt sich aufbauen und die Borussia darf positiv in die Zukunft blicken.

Das Gespräch führte Michael Reis