München - Am Donnerstag haben sich Borussia Dortmund (4:0 gegen Qarabag) und Bayer Leverkusen (3:0 gegen Simferopol) in den Play-Offs zur Europa League jeweils eine gute Ausgangsposition vor den Rückspielen verschafft. Am Sonntag treffen die beiden Topteams in Dortmund aufeinander.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de beurteilt der frühere Leverkusener Star Bernd Schneider die beiden Kontrahenten. Der 81-fache Nationalspieler äußert sich außerdem zu Michael Ballack, zur neuen Attraktivität der Bundesliga und nennt auch seine Titelfavoriten.

bundesliga.de: Drei Monate sind seit Ihrem Abschiedsspiel vergangen. Wie geht es Ihnen?

Bernd Schneider: Mir geht s gut. Ich habe nach wie vor Kontakt zum Fußball. Der Fußball war immer ein Lebensmittelpunkt von mir und wird es auch bleiben. Er wird mich immer mein Leben lang begleiten. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die nach ihrer Fußballerkarriere nichts mehr mit dem Fußball zu tun haben wollen.

bundesliga.de: Bei Ihrem Abschiedsspiel im Mai kam es zur ersten Kontaktaufnahme von Bayer Leverkusen mit Michael Ballack.

Schneider: So genau habe ich das damals bei meinem Abschiedsspiel nicht mitbekommen, dass da die ersten Kontakte geknüpft wurden. Aber ich freue mich darüber. Ich hoffe, dass Michael Ballack dabei helfen kann, das Level von Bayer Leverkusen anzuheben und den Verein vielleicht eine Etage höher in die Champions League zu führen. Da muss man aber erst einmal den Saisonverlauf abwarten.

bundesliga.de: Wie haben Sie seinen ersten Auftritt am Donerstag beim Europa-League-Play-Off gegen Simferopol in einem Pflichtspiel gesehen?

Schneider: Er hat jetzt nach seiner langen Verletzung immerhin 45 Minuten gespielt. Er muss erst einmal wieder vollkommen fit werden. Die Basis ist gelegt, aber es dauert sicher noch etwas, bis er bei 100 Prozent ist. Dafür braucht er Spiele. Am letzten Wochenende hat er ja bei einem Freundschaftsspiel schon 90 Minuten auf dem Platz gestanden. Michael Ballack ist ein Profi, der für sein Spiel absolut fit sein muss. Ich bin gespannt, ob er am Sonntag gegen Dortmund dabei sein wird.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie sein Verpflichtung?

Schneider: Sehr positiv. Es ist überhaupt toll, dass in den letzten Jahren Spieler wie van Bommel, Ribery, Robben, van Nistelrooy oder Raul in die Bundesliga gewechselt sind. Das hätte man sich vor Jahren nicht träumen lassen. Aber das ist auch eine Bestätigung für die Bundesliga. Die Qualität in der Bundesliga ist auf einem Topniveau. Das sieht man an den attraktiven Spielen und an den Zuschauerzahlen. Und das haben auch die Nationalspieler anderer Länder Europas mitbekommen.

bundesliga.de: Auf der einen Seite hat sich Bayer Leverkusen mit Michael Ballack verstärkt, auf der anderen einen Spieler wie Toni Kroos verloren. Wie stark schätzen Sie den Kader Ihres alten Vereins ein?

Schneider: Es ist ein bisschen ärgerlich, dass mit Toni Kroos ein Spieler mit hoher Qualität weg ist. Aber das muss man akzeptieren, er war ja nur ausgeliehen. Letztes Jahr war Renato Augusto fast die ganze Saison verletzt, jetzt ist er wieder dabei. Dazu kommt Michael Ballack. Ich glaube, dass der Kader insgesamt an Qualität dazu gewonnen hat. Er müsste gut genug sein, damit Bayer 04 mindestens in die internationalen Plätze kommt. Das muss das vorrangige Ziel sein, vielleicht ist auch mehr drin.

bundesliga.de: Kommen wir zum BVB, den Gegner von Leverkusen am kommenden Sonntag. Im Gespräch mit bundesliga.de sagte Jürgen Kohler, dass er dem BVB in dieser Saison sehr viel zutraut. Sie auch?

Schneider: Den BVB kann ich noch nicht richtig einschätzen. Man sollte ihn nicht nach dem 4:0-Sieg gegen Qarabag beurteilen. Man muss zwar auch erst einmal einen kleinen Gegner, der vielleicht Drittliga-Niveau hatte, mit 4:0 schlagen. Sie haben das auch gut gemacht und auch spielerisch einige gute Aktionen gehabt. Aber in der Bundesliga geht es in den oberern Regionen jedes Jahr enger zu. Da tummeln sich viele starke Mannschaften. Die Borussia ist noch eine sehr junge Mannschaft, die sich auch erst an den neuen Rhythmus durch die internationalen Spiele gewöhnen muss. Wichtig wird sein, einen guten Start hinzulegen und konstant zu spielen. Ich freue mich auf das Spiel, weil da zwei spielstarke Mannschaften aufeinander treffen. Aber für mich ist Dortmund kein Meisterschaftskandidat.

bundesliga.de: Was halten Sie von Dortmunds Trainer Jürgen Klopp?

Schneider: Ich halte Jürgen Klopp für einen absolut guten Trainer. Es ist imponierend, was er aus den Möglichkeiten gemacht hat. Er leistet in Dortmund sehr gute Arbeit.

bundesliga.de: Dortmund ist für Sie kein Titelanwärter. Ist Bayer 04 schon titelreif?

Schneider: Schon eher als Dortmund. Aber auch Bayer hat eine sehr junge Mannschaft. In der vergangenen Saison hat Bayer schon lange auf Platz eins gestanden, dann aber in der Schlussphase in den beiden entscheidenden Heimspielen gegen Bayern und Schalke nicht gewinnen können. Hätten sie eins davon gewonnen, wäre die Meisterschaft vielleicht anders entschieden worden. Aber das zeichnet eben die besondere Qualität von Bayern München aus. Selbst nach schweren englischen Wochen und Champions-League-Spielen wie in Manchester ist die Mannschaft auf den Punkt topkonzentriert und dann auch verdient Meister geworden.

bundesliga.de: Werden die Bayern ihren Titel verteidigen?

Schneider: Es kann auch in dieser Saison wieder sein, dass die Bayern am Anfang etwas schwächeln und sich andere Mannschaften ein Punktepolster schaffen. Ich denke da vor allem an Clubs wie den HSV oder Wolfsburg, die international nicht vertreten sind. Dann wird es ein Hauen und Stechen geben, dann kann es lange spannend bleiben. Favorit bleiben die Bayern, da muss man ja nur die Spielernamen durchgehen. Sie haben die stärkste Mannschaft und sind in den wichtigen Spielen immer da. Bei Werder Bremen muss man abwarten, wie sie den Abgang von Mesut Özil verkraften. Ansonsten können auch Schalke, der HSV oder Leverkusen um den Titel mitspielen.

bundesliga.de: Abschließend noch einmal zurück zum Topspiel am Sonntag: Wie waren Ihre eigenen Erfahrungen in Dortmund? Erinnern Sie sich an ein besonderes Spiel?

Schneider: Ich habe mich immer auf die Spiele in Dortmund gefreut. Wir haben da viele gute Partien abgeliefert. Besonders gerne erinnere ich mich an ein Spiel aus der Saison 2000/01, als wir 3:1 beim BVB gewonnen haben. Ich habe da ein frühes Tor gegen Jens Lehmann geschossen, das zum Tor des Monats gewählt wurde. Dortmund hat vielleicht nicht das schönste Stadion der Bundesliga, aber die 80.000 Zuschauer verbreiten die beste Atmosphäre.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski