Dortmund - Nach dem Pokalsieg ist vor dem Revierderby: Die Spieler von Borussia Dortmund gehen das große Duell gegen Schalke am Samstag mit viel Selbstkritik an. Thomas Tuchel sieht indes in dem kraftraubenden Elfmeterkrimi gegen Union Berlin sogar etwas Positives. Und ein Borusse freut sich ganz besonders auf den Ruhrpott-Klassiker.

>>> Alle Infos zum Derby im Matchcenter

Satte 120 Spielminuten plus anschließendem Elfmeterschießen mussten die BVB-Fans bangen und zittern, bis der 4:1-Erfolg über Union Berlin und der Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals perfekt war. Als die Anhänger Roman Weidenfeller und Co. fast um Mitternacht enthusiastisch feierten, entlud sich endlich auch die ganze Vorfreude auf das nächste Spiel, das eine ganze Region elektrisiert: "Wer nicht hüpft, der ist ein Schalker" skandierte die Südtribüne – und das ganze Stadion wippte mit.

"Elfmeterkiller" Weidenfeller

Man könnte meinen, der BVB ginge nicht mit den besten Voraussetzungen in die Mutter aller Derbys. Seit drei Bundesligaspielen wartet die Tuchel-Elf auf einen Sieg, zu schwankend waren zuletzt die Leistungen. Auch die Partie gegen Union war über weite Strecken nicht wirklich souverän, so dass am Ende "Elfmeterkiller" Weidenfeller mit zwei gehaltenen Strafstößen den Sieg retten musste. Und doch hatte gerade dieser Shootout vor der Südtribüne etwas von einem Schulterschluss, von einem emotionalen Ruck auf und neben dem Platz. "Sie helfen uns mehr als dass sie uns schaden", bewertete Thomas Tuchel die Extraminuten durchaus positiv. "Es war eine gute Lektion und eine gute Erfahrung, zu sehen, dass es sich immer lohnt, zu kämpfen und alles füreinander zu tun. Und nicht aufzuhören – egal, wie viele Dinge dir misslingen."

Exklusives Video: Aubameyang über das anstehende Derby

Der Trainer schwört Mannschaft und Anhänger auf einen großen Kampf gegen den ungeliebten Revierrivalen ein: "Dass wir uns auch am Samstagabend noch einmal körperlich komplett verausgaben müssen, um das Ergebnis zu erzielen, das wir uns alle wünschen, ist ganz klar." Und Tuchel appelliert an den Teamgeist. Die Botschaft ist klar: Angesichts vieler Ausfälle und mit den vielen hochtalentierten, aber blutjungen Spielern im Kader geht es nur gemeinsam. Dass Kampf, Willen und Zusammenhalt allein gegen die wiedererstarkten Schalker nicht reichen wird, weiß Tuchel ebenso wie seine Profis. Matthias Ginter richtete nach dem Sieg über Union noch in der Nacht einen Appell an die Mannschaft: "Wir müssen uns schnellstens wieder auf unsere Tugenden besinnen. Wir müssen unsere Abläufe und unsere Spielzüge so wie zu Beginn der Saison wieder auf den Platz bekommen. Einfacher spielen, nicht so verschnörkelt und nicht so kompliziert. Einfach spielen, alle zusammen – dann wird es im Derby auch besser laufen."

"Das ist das A und O!"

Pokalheld Weidenfeller, der im Derby wieder zugunsten von Roman Bürki auf die Bank rücken wird, nahm vor allem die Durchschlagskraft in der Offensive ins Visier: "Wir waren gegen die Berliner fahrlässig mit unseren Möglichkeiten und haben es nicht gut ausgespielt. Wir müssen unsere Chancen einfach besser verwerten." Mario Götze, dieses Mal neben Ginter und Ousmane Dembélé einer der drei treffsicheren und damit nervenstarken Elfmeterschützen, stieß ins gleiche Horn: "Wir müssen lernen, dass wir unsere Möglichkeiten viel, viel besser ausspielen. Das ist das A und O!"

Ob Thomas Tuchel bei diesem Versuch am Samstag auch personell wieder etwas mehr aus dem Vollen schöpfen kann, steht noch in den Sternen. Bei Raphael Guerreiro und André Schürrle besteht Hoffnung auf ein Comeback; die Entscheidung wird aber erst kurzfristig fallen. Auf jeden Fall mit dabei sein will und soll Pierre-Emerick Aubameyang, der mit seinen vier Treffern in sechs Derbys als ausgewiesener Schalke-Spezialist gilt. Bei ihm geht Tuchel "fest davon aus, dass er spielen kann. Wobei ich gestehen muss, dass es eher eine Hoffnung ist als eine Feststellung."

"Wird mal wieder Zeit"

Sollte der Top-Torjäger der Borussia doch passen, müsste im Zweifelsfall ein anderer Fachmann in Sachen Schalke in die Bresche springen. Ausgerechnet Ginter, im wahren Leben Defensivspezialist ohne ausgeprägten Torjägerinstinkt, hat sich gegen die Blauen in den letzten Duellen zur schwarz-gelben Geheimwaffe entwickelt. In der vergangenen Saison traf er sowohl auf Schalke als auch im heimischen Stadion – und das bei überhaupt nur drei Treffern für den BVB. Kein Wunder, dass sich Ginter auf das Derby am Samstag mit einem Augenzwinkern ganz besonders freut: "Ich habe mein vorletztes Tor gegen Schalke geschossen, ich habe mein letztes Tor gegen Schalke geschossen – also wird es jetzt mal wieder Zeit!"

 

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte