Köln - Dass RB Leipzig sich alsbald in der Bundesliga zurechtfinden würde, war allen Experten klar. Dass das Team um Kapitän Dominik Kaiser aber nach zehn Spieltagen punktgleich mit dem FC Bayern München Tabellenzweiter sein würde, hatte man so wohl selbst bei RB nicht erwartet. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de lässt Kaiser den kometenhaften Aufstieg des Clubs und damit auch seine eigene Geschichte noch einmal Revue passieren, er spricht über seine Rolle als Mannschaftskapitän und über die rasche fußballerische Weiterentwicklung der Elf.

bundesliga.de: Herr Kaiser, neben Fabio Coltorti sind Sie als Einziger der aktuellen Mannschaft den gesamten Weg aus der Ober- bis in die Bundesliga mitgegangen. Wie lässt sich diese enorme Entwicklung in wenigen Sätzen noch einmal zusammenfassen?

Dominik Kaiser: Ich bin seit viereinhalb Jahren bei RB. Damals hatte Ralf Rangnick kurz zuvor die sportliche Leitung übernommen. Damit also jemand , der eine ganz klare Vorstellung davon hat, wie man mit vielen jungen, talentierten Spielern nach und nach eine gute Mannschaft entwickeln kann. Dass diese Entwicklung mit drei Aufstiegen in nur vier Jahren bis in die Bundesliga geführt hat, ist herausragend und für mich persönlich sehr schön. Ich bin stolz, dass ich meinen Teil zu dieser Erfolgsgeschichte beitragen durfte.

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bundesliga.de: Ihre Geschichte mit Ralf Rangnick begann schon vor RB, in Hoffenheim. War Rangnick der Hauptgrund dafür, dass Sie im Sommer 2012 den enormen Schritt zurück von der Bundesliga in die Vierte Liga gemacht haben?

Kaiser: Das war in der Tat eine sehr schwierige Entscheidung für mich, die für Außenstehende vielleicht unverständlich war. Ich durfte in der Vorrunde 2011/12 noch einige Spiele für 1899 machen, habe dann aber recht deutlich mitgeteilt bekommen, dass es für mich kaum Chancen auf weitere Einsätze in der Bundesliga gibt. Obwohl ich noch ein, zwei andere Angebote hatte, habe ich mich dann ganz bewusst für RB entschieden. Sicherlich auch vor dem Hintergrund, dass dort mit Ralf Rangnick und Alex Zorniger zwei Leute in der Verantwortung waren, die ich bereits kannte. Ich wollte unbedingt wieder auf dem Platz stehen und war überzeugt, dass ich mit diesen beiden Personen in der Führung bei RB meine Spielanteile bekommen würde.

Video: Mit Spaß und Teamgeist

bundesliga.de: Hätten Sie damals für möglich gehalten, mit RB in die Bundesliga zurückkehren zu können?

Kaiser: Zumindest war ich mir sicher, dass es mit RB möglich sein würde, noch einmal einen Weg in Richtung professioneller Fußball einschlagen zu können. Dass nach dem ersten Aufstieg, dem in die Dritte Liga, vieles möglich sein würde, war mir bewusst. Dass es aber so schnell gehen würde, konnte mir Ralf Rangnick damals natürlich nicht versprechen. Allerdings hatte er schon auf seinen vorherigen Stationen gezeigt, dass er es versteht, alle Möglichkeiten auszuloten, wie man eine Mannschaft und einen Verein in die Erfolgsspur bringen kann.

bundesliga.de: Von Aufstieg zu Aufstieg ist die individuelle Klasse im Kader stetig gewachsen. Sie haben sich dennoch immer durchgesetzt. Ist das von Jahr zu Jahr aber auch schwieriger geworden?

Kaiser: Auf alle Fälle. Die individuelle Qualität der Spieler, die von Jahr zu Jahr hinzugekommen sind, ist mit den Aufstiegen in höhere Spielklassen immer größer geworden. Und das Potenzial, das die Jungs ohnehin mitbringen, wird in der Zeit bei RB noch einmal weiterentwickelt. Jetzt ist der Kader noch enger zusammengerückt, und es gibt keinen, der nicht den Anspruch und auch die Chance verdient hätte, immer von Anfang an zu spielen. Deshalb ist mir klar, dass es für die Jungs, die bereits länger da sind, für Fabio Coltorti, Diego Demme, Yussuf Poulsen und natürlich auch für mich immer schwieriger wird, sich hier zu behaupten. Letztendlich profitieren wir aber davon, wachsen mit und können uns selbst noch einmal auf ein höheres Level bringen.

bundesliga.de: Aktuell wird in regionalen Medien diskutiert, dass Sie als Kapitän nicht alle Spiele von Anfang bestritten haben. Gleichzeitig scheint man aber zu übersehen, dass Sie in zehn von elf Pflichtspielen auf dem Platz standen.

Kaiser: Das ist richtig. Ich hatte neun Einsätze in der Bundesliga und einen im Pokal. Dass ich dabei nicht immer von Anfang an gespielt habe, ist für mich natürlich eine neue Situation, das möchte ich nicht leugnen. Selbstverständlich ist es mein Anspruch, dass ich mich in der Bundesliga behaupte und möglichst oft von Anfang an spiele. Mir ist aber auch bewusst, dass – gerade wenn bei uns alle fit sind – die Konkurrenz extrem groß ist. In den ersten Spielen hat jeder gezeigt, wie wichtig er für die Mannschaft sein und mit seiner jeweiligen individuellen Qualität Spiele auf unsere Seite ziehen kann. Der aktuelle Erfolg ist ohne Frage damit verbunden, dass wir als Mannschaft, die eben nicht nur aus zehn, elf vermeintlichen Stammspielern besteht, hervorragend aufgestellt sind.

bundesliga.de: Sie waren vor der Saison sicherlich überzeugt, dass diese Mannschaft in der Bundesliga würde bestehen können. Dass sie aber nach zehn Spieltagen Tabellenzweiter und punktgleich mit den Bayern ist...

Kaiser: ...das habe ich in dieser Form nicht erwartet. Ich habe uns durchaus zugetraut, dass wir mit der mannschaftlichen Geschlossenheit und unserer individuellen Qualität in der Bundesliga mithalten und an einzelnen Spieltagen auch gegen Top-Gegner, wie bereits gegen Dortmund oder Gladbach, bestehen können. Dass wir aber konstant und über zehn Spieltage hinweg auf einem so hohen Niveau unser Spiel durchziehen können und noch ungeschlagen sind, ist auch für mich überraschend. Letztlich haben wir uns das mit unseren Leistungen, die bisher alle sehr ordentlich waren, aber auch verdient und erarbeitet.

bundesliga.de: Besonders beeindruckt, dass RB in vielen Spielen wie der Favorit der Partie aufgetreten ist. Hat sich da in Windeseile ein für einen Aufsteiger ungewöhnliches Selbstverständnis entwickelt?

Kaiser: Gerade in den vergangenen fünf, sechs Wochen konnten wir dank des Selbstvertrauens, das wir uns gleich zu Saisonbeginn erarbeitet haben, schon ein wenig selbstbewusster und dominanter auftreten. Wir gehen jedes Spiel mit großem Respekt vor der Liga und dem Gegner, aber auch mit einem klaren Match-Plan an, den wir wenn möglich auch immer durchziehen wollen. Im Moment ist es sicherlich nicht einfach uns zu bezwingen, wenn wir so kompakt und als Mannschaft geschlossen agieren und so erfolgshungrig bleiben. Gelingt es uns, das weiter auf den Platz zu bringen, bleiben wir auch in den kommenden Wochen ein sehr unangenehmer Gegner. Wir wissen aber ebenso gut, dass die anstehenden Aufgaben sehr schwierig werden.

bundesliga.de: Die nächste Aufgabe heißt Bayer Leverkusen. Da treffen zwei Teams aufeinander, die beide Fußball spielen können und Fußball auch ähnlich interpretieren.

Kaiser: Ich erwarte eine sehr intensive Partie, weil beide Mannschaften für hohe Geschwindigkeit und aggressives Spiel gegen den Ball stehen. Es ist richtig, dass wir in den vergangenen Wochen bei eigenem Ballbesitz sicherer geworden sind, mit immer besseren Lösungsmöglichkeiten nach vorne spielen. Leverkusen spielt nicht von ungefähr Jahr für Jahr europäisch und hat einen guten Mix gefunden aus kompromissloser Verteidigung auf der einen und einem  starken Umschaltspiel mit Spielern von enormer Qualität, die bei eigenem Ballbesitz sehr gute Lösungen finden, auf der anderen Seite. Deshalb wird es wichtig sein, dass wir zunächst einmal im Defensivverhalten so konsequent agieren wie in den vergangenen Wochen. Ich bin davon überzeugt, dass wir dann aus unserem Umschaltspiel heraus auch Chancen kreieren werden.

bundesliga.de: Die wohl schwierigste Aufgabe steht drei Tage vor Heiligabend beim FC Bayern an (>>> 16. Spieltag). Gönnt man sich schon mal einen Gedanken an dieses Highlight, oder zählt immer nur das nächste Spiel, wie es so schön heißt?

Kaiser: Selbstverständlich kennen wir alle den Spielplan und wissen, dass wir kurz vor Weihnachten in München spielen. Und es ist ohne Frage etwas ganz Besonderes, gegen den FC Bayern zu spielen, der in den vergangenen Jahren so gut wie alles gewonnen hat. Aber das ist bei uns in der Mannschaft wirklich überhaupt noch kein Thema. Letztendlich ist es für uns Fußballer einfach so, dass es nichts bringt, wenn man sich zu viele Gedanken macht, was bereits war bzw. was in ein paar Wochen oder Monaten vielleicht sein wird. Jetzt kommt erst einmal Leverkusen. Und nur darauf liegt der Fokus.

bundesliga.de: Lassen Sie uns zum Schluss dennoch einen Blick in die mittelfristige Zukunft werfen: Ihr Ex-Club Hoffenheim mischte in seiner ersten Saison auch die Bundesliga auf, war sogar Herbstmeister, konnte diese erste Saison bis heute aber nicht mehr bestätigen. Wird RB in ein paar Jahren ein regelmäßiger Europapokal-Teilnehmer oder „nur“ eine weitere Bundesliga-Mannschaft sein?

Kaiser: Das vermag ich jetzt nicht zu sagen. Nicht nur für einen Aufsteiger sind wir sehr gut in die Saison gestartet, das freut uns unheimlich. Jetzt wird es darum gehen, unseren Spielstil in den kommenden Wochen und Monaten zu verbessern und vor allem auch kontinuierlich auf den Platz zu bringen. Die Mannschaft und der Verein als solcher haben ohne Zweifel ein riesiges Potential und eine klare Philosophie, das ist sehr deutlich und spürbar - RB Leipzig ist sicher ein Verein der Zukunft. Halten wir alle gemeinsam an unserem bisherigen Weg fest, bin ich überzeugt, dass dieser Weg sehr erfolgreich sein kann und wird. Wohin er dann in ein paar Jahren aber schließlich konkret führen wird, das lässt sich heute wirklich noch nicht sagen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter.