Hamburg - Rodolfo Esteban Cardoso ist DER Argentinier der Bundesliga-Historie. Er bestritt von 1989 bis 2004 insgesamt 220 Bundesligaspiele (47 Tore) sowie 111 Begegnungen der 2. Bundesliga (13 Tore) für den FC 08 Homburg, SC Freiburg, SV Werder Bremen und Hamburger SV. Seit 2009 ist er als Trainer für die Geschicke der zweiten Mannschaft des HSV verantwortlich.

Auch wenn Deutschland für den ehemaligen Spielmacher schon mehr als bloß eine Wahlheimat geworden ist, drückt er Argentinien für das Freundschaftsspiel am Mittwoch gegen das DFB-Team die Daumen. "Ich würde mich natürlich freuen, wenn mein Land auch mal wieder gegen Deutschland gewinnt", sagte Cardoso im Interview mit bundesliga.de.

Der 43-Jährige stellt zudem Trainer Alejandro Sabella vor, beschreibt das Problem des argentinischen Fußballs und wagt einen Blick voraus auf mögliche taktische Ausrichtungen.

bundesliga.de: Herr Cardoso, Argentinien gegen Deutschland - Ihr Heimatland spielt gegen Ihre Wahlheimat. Was ruft das für Gefühle in Ihnen hervor?

Rodolfo Cardoso: Ich freue mich immer wieder auf diese Partie. Dieses Duell ist ein Klassiker, nicht nur wegen der WM-Endspiele. Es treten viele Weltklassespieler gegeneinander an und das verspricht einen guten Fußball. Aber leider ist der Zeitpunkt dieser Begegnung nicht ganz optimal, da sich die meisten Profis mitten in der Vorbereitung auf die neue Saison befinden.

bundesliga.de: Welche Verbindung haben Sie noch zur "Albiceleste"?

Cardoso: Ich kenne das Trainergespann um Alejandro Sabella. Mit den Co-Trainern habe ich in der Jugend schon zusammengespielt.

bundesliga.de: Und wie ist Trainer Alejandro Sabella? Er ist in Deutschland ja fast gänzlich unbekannt.

Cardoso: Alejandro Sabella hat sich während seiner aktiven Zeit in Argentinien einen hervorragenden Ruf als Spielmacher erarbeitet. Einige Jahre spielte er sogar in England. Ich habe ihn zu meiner Zeit in der Nationalmannschaft kennengelernt. Er war ja lange Jahre Co-Trainer des damaligen Nationaltrainers Daniel Passarella. Später hat er mich sogar mal in der Bundesliga beobachtet, als ich bei Werder Bremen unter Vertrag stand. Mit Estudiantes de la Plata kam für Sabella der Durchbruch als hauptverantwortlicher Trainer. Sein großes Plus: Er ist ein Arbeiter. Starallüren hat er nicht. Und genau so einen Typ braucht Argentinien jetzt. Ob das zum Erfolg reicht, werden wir sehen.

bundesliga.de: Aber mit Sabella sind große Erfolg für den argentinischen Fußball wieder möglich?

Cardoso: Das glaube ich schon. Er tut dem argentinischen Fußball sehr gut. Die Mannschaft hat ja auch genügend Potenzial. Sabella muss es nur schaffen, eine Mannschaft mit Kontinuität aufzubauen. Denn die hat gefehlt.

bundesliga.de: Wo vor allem ?

Cardoso: In der Abwehr hatten wir in der Vergangenheit immer mit Verletzungssorgen zu kämpfen. Während wir in der Offensive sehr gut besetzt sind, fehlten uns in der Defensive ein wenig die Alternativen. Aber mit Ezequiel Garay und Federico Fernandez hat Sabella in der Innenverteidigung jetzt zwei junge Spieler gefunden, denen vielleicht die Zukunft gehört.

bundesliga.de: Aber ist der Schlüssel zum Erfolg bei Argentinien mit den vielen Top-Stars wie Messi oder Aguero nicht eh alleine in der Offensive zu suchen?

Cardoso: Nein, das geht nicht alleine. Sabella ist taktisch aber sehr clever. Er horcht genau in die Mannschaft hinein. Sicherlich werden ein paar Top-Stars auf der Ersatzbank landen, das geht gar nicht anders. Aber der Trainer wird schon die richtige Mischung finden.

bundesliga.de: Lionel Messi bekommt aber einen Freibrief, oder?

Cardoso: Was viele nicht sehen: Messi ist ein sehr mannschaftsdienlicher Spieler. Natürlich braucht er seine Freiheiten. Aber die nutzt er ja auch aus. Wichtig ist, dass er mit der Mannschaft Spaß hat. Das drückt sich dann in seinem Spiel auf dem Platz aus. Und momentan hat er mit Argentinien eine Menge Spaß.

bundesliga.de: Mit Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger fehlen gleich drei namhafte Größen im deutschen Team. Ein Vorteil für Argentinien?

Cardoso: Das Fehlen von Schweinsteiger und Lahm sehe ich nicht als absolute Schwächung. Schließlich sind mit Toni Kroos und Sami Khedira immer noch zwei Weltklassespieler im Zentrum. Und Linksverteidiger Marcel Schmelzer hat sich bei Dortmund auch schon bewiesen. Wir dürfen nicht vergessen, dass das deutsche Spiel nicht nur von einem Einzelnen abhängig ist.

bundesliga.de: Deutschland hat Argentinien aber ein wenig den Rang abgelaufen. Woran liegt das?

Cardoso: Der Vorteil der deutschen Mannschaft ist, dass sie schon über Jahre mit dem Stamm zusammen trainieren und spielen kann. Das ist bei Argentinien nicht der Fall. Immer wieder mussten die Kader durchgetauscht werden. Das ist dieses Zeichen mangelnder Kontinuität. Das DFB-Team versteht sich auf dem Platz dagegen ja schon fast blind.

bundesliga.de: Was erwarten Sie sich von dem Spiel am Mittwoch?

Cardoso: Ich erwarte einfach nur ein tolles Fußball-Spiel. Egal, mit welcher taktischen Ausrichtung die beiden Mannschaften zu Werke gehen. Auch wenn einigen Spielern vielleicht noch die nötige Spritzigkeit fehlen wird. Und dann würde ich mich natürlich freuen, wenn mein Land auch mal wieder gegen Deutschland gewinnt.

Das Gespräch führte Michael Reis