Eitel Sonnenschein in Berlin! Gemeint ist nicht die Wetterlage über der deutschen Hauptstadt, sondern die Tatsache, dass Hertha BSC nach dem 24. Spieltag mit vier Punkten Vorsprung die Bundesliga-Tabelle anführt. Die Hertha ist "in", die Euphorie in der Stadt steigt und steigt.

Trainer Lucien Favre hätte also guten Grund, sich entspannt zurück zu lehnen und die aktuelle Situation zu genießen. Doch Stillstand bedeutet Rückschritt, im Profifußball genauso wie in der sonstigen Wirtschaft. Daher sorgt Favre bereits für die Zukunft vor.

"Favre passt hervorragend zur Hertha"

Geholt wurde der Schweizer von Dieter Hoeneß. Dem Manager imponierte, wie Favre Ende 2001 mit seiner damaligen Mannschaft Servette Genf die Berliner durch einen 3:0-Auswärtssieg im Olympiastadion aus dem UEFA-Pokal warf.

Danach ließ Hoeneß den Coach nicht mehr aus den Augen. "Lucien Favre ist ein Trainer, dessen erfolgreiche Karriere wir schon lange mit großer Aufmerksamkeit verfolgt haben. Er passt sowohl sportlich als auch menschlich hervorragend zu Hertha BSC und nach Berlin", sagte Hoeneß bei Favres Vorstellung im Sommer 2007.

Denn Favre unterstützt zu 100 Prozent die Philosophie des Vereins, das riesige Jugendpotenzial der Großstadt zu nutzen. "Hoeneß hat immer darauf geachtet, dass die Profitrainer, die in den letzten Jahren bei Hertha BSC gearbeitet haben, eine hohe Affinität zu jungen Spielern mitbringen", erklärt Frank Vogel, Koordinator der Jugend- und Amateurabteilung der Berliner, im Gespräch mit bundesliga.de.

Augenmerk auf A- und B-Jugend

Und Favre zeigte gleich bei seinem Amtsantritt, wie wichtig ihm die Nachwuchsarbeit ist. Zunächst ließ er sich DVDs von den Junioren-Bundesliga-Teams der A- und B-Jugend geben. Im Saisonverlauf wurden dann insgesamt vier Trainingsspiele veranstaltet, bei denen die besten Nachwuchskicker im Alter zwischen 16 und 18 Jahren gegeneinander antraten.

Prominente Zaungäste dabei: Die komplette Profiriege mit Favre, Co-Trainer Harald Gämperle, Manager Hoeneß und Michael Preetz (Leiter der Lizenzspielerabteilung). Die Leistungen überzeugten den Chefcoach, so dass er bereits in der abgelaufenen Spielzeit insgesamt zehn Jugendspieler an den Profikader heranschnuppern ließ, etwa in den Länderspielpausen oder bei größeren Verletzungslücken.

Vier Nachwuchskicker im Profikader

Favre scheut sich also nicht, die Spieler schon in jungen Jahren an die Hand zu nehmen. Vor der aktuellen Saison berief der Schweizer aufgrund der gesammelten Eindrücke mit Lennart Hartmann und Shervin Radjabali-Fardi zwei Spieler aus der B-Jugend direkt in den Profikader. "Ein Novum, obwohl wir in der Vergangenheit ja schon einige Talente mit hoher Qualität im Verein hatten", sagt Vogel in Anspielung auf Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah oder Patrick Ebert.

Hartmann kam am 1. Spieltag als Einwechselspieler zum Einsatz und verdiente sich als 17-Jähriger den Titel als jüngster Hertha-Bundesligaspieler aller Zeiten. Mit den beiden A-Jugendlichen Sascha Bigalke und Florian Riedel holte Favre also insgesamt vier eigene Nachwuchsspieler zu den Profis.

Die Stars von morgen warten schon

"Man wird nie alle elf Spieler aus dem eigenen Jugendbereich in der Bundesliga-Elf aufbieten können, aber punktuell sind dort immer - quasi im Hinterkopf - Plätze frei gehalten", freut sich Vogel über die Durchlässigkeit, "da sich unser Profibereich ernsthaft mit unseren Jugendspielern beschäftigt".

Vorgaben in punkto System oder Taktikschulung gibt es dabei von Favre nicht, bis auf eine Ausnahme: Der Schweizer fordert polyvalente Spieler, Flexibilität ist Trumpf. Die Nachwuchsakteure lernen daher, auch auf angrenzenden Positionen zu spielen, also statt nur links hinten in der Abwehrkette auch mal im linken Mittelfeld oder statt auf der Außenbahn auch mal im Halbfeld. Dadurch ergibt sich im Profi-Spielbetrieb eine größere Variation, um - je nach Spielverlauf - beispielsweise von Viererkette auf Dreierkette zu wechseln oder umgekehrt.

Die Stars von heute heißen Andrey Voronin, Josip Simunic, Arne Friedrich oder Marko Pantelic. Doch die Stars von morgen stehen dank der guten Nachwuchsarbeit bereits in den Startlöchern.

Denis Huber