Kaiserslautern - Samstag, 6. Mai 2006: Nach einer schwierigen Saison steckt der 1. FC Kaiserslautern bis zum Hals im Abstiegskampf und empfängt im vollbesetzten Fritz-Walter-Stadion ausgerechnet den designierten Meister FC Bayern München - zu seinem vorerst letzten Bundesliga-Heimspiel.

Nur eine Woche nach dem 1:1 gegen den Rekordmeister müssen die "Roten Teufel" endgültig den Gang ins Unterhaus antreten. Was für die Pfälzer folgte, waren viele Höhen und umso mehr Tiefen, die phasenweise selbst die treuesten Fans auf die Probe stellten.

Kaum mehr als vier Jahre später sollte sich für den Traditionsclub der Kreis wieder schließen: Der FCK war zurück in der Bundesliga - und die großen Bayern kamen gleich zum ersten Heimspiel auf den Betzenberg! Selbstredend, dass die Karten für dieses "Kracherduell", das in seiner langen Historie schon für so manche Sternstunde - man denke nur an das 7:4 von 1973 - gesorgt hat, in kürzester Zeit vergriffen waren.

Die Pfalz im FCK-Fieber

Bei den Anhängern des Aufsteigers kannte die Vorfreude spätestens seit dem starken Saisonstart mit dem Sieg im DFB-Pokal sowie dem Auftakterfolg in der Bundesliga keine Grenzen mehr. Manche machten die Vorbereitung auf das "Spiel der Spiele" sogar zur Pilgerreise und wanderten mehr als 50 Kilometer durch den Pfälzer Wald zum Fritz-Walter-Stadion.

Aber auch bei den Spielern und Verantwortlichen schien die Spannung von Tag zu Tag zu steigen. Die emotionale Bandbreite, die den Verlautbarungen im Vorfeld zu entnehmen war, reichte von einem leichten "kribbeln" bis zum eher bedenklichen "brennen". Mit anderen Worten: Die Hütte war restlos voll, die Menschen in der Region heiß und hungrig auf das Duell mit dem Rekordmeister!

Bayern drückt - Lautern trifft

Die besondere Atmosphäre auf dem Betzenberg bekamen die Münchner dann bereits beim Warmmachen zu spüren. Was die abgeklärten Gäste allerdings nicht daran hindern konnte, sogleich das Kommando zu übernehmen und Kaiserslautern nahezu über 90 Minuten unter Druck zu setzen. 72 Prozent Ballbesitz standen am Ende für den "Double"-Sieger zu Buche, dazu 20:11 Torschüsse - aber eben auch 0:2 Tore.

Ein wenig erinnerte der Spielverlauf an Szenen aus einem "Asterix"-Comic: Die mächtigen bayerischen Legionen bestürmten mit aller Macht die Verteidigungslinien des winzigen Pfälzer Dörfchens - und bissen sich daran immer wieder die Zähne aus! Mit Leidenschaft und Laufbereitschaft - den Tugenden, die sich der FCK schon seit den Tagen von Fritz Walter auf die Fahnen schreibt - bot der Außenseiter der feindlichen Übermacht nach Leibeskräften die Stirn.

In 66 Sekunden ins Glück

Um den Riesen dann innerhalb von nur 66 Sekunden mit einem gezielten "Doppelschlag" auf die Nase von den Beinen zu holen - natürlich nur im übertragenen Sinne. Und das ging so: Nach einem rasanten Konter in der 36. Minute schlenzte der kleine "Asterix" alias Ivo Ilicevic die Kugel wunderschön mit links ins Kreuzeck - und auf den Rängen gab's kein Halten mehr. "Ich habe nicht viel nachgedacht, einfach draufgehalten, den Ball perfekt getroffen und dann war er halt drin", meinte der wuselige Flügelflitzer, der die linke Seite rauf- und runterrannte wie ein "Duracell-Häschen", nach dem Schlusspfiff lapidar.

Der Stadionsprecher kam im ohrenbetäubenden Jubel kaum dazu, den neuen Spielstand zu verkünden - da war schon der große "Obelix" alias Srdjan Lakic mit dem schnellen 2:0 zur Stelle. Der Betzenberg drohte zu explodieren, die Stimmung ging endgültig durch die Decke! Die TV-Kameras schwenkten über die Westtribüne, wo sich die Fans in den Armen lagen und so mancher versuchte, sich unauffällig ein Freudentränchen aus den Augen zu wischen.

"Wahnsinnsabend" für die "Roten Teufel"

Darauf hatten alle gewartet, davon hatten viele geträumt, daran hatten aber wohl die wenigsten geglaubt. Selbst für den sonst so gelassenen Marco Kurz war es ein "Wahnsinnsabend". Der Trainer hatte seine junge Mannschaft taktisch perfekt auf das Duell mit dem Meister eingestellt und dafür gesorgt, dass sich aus konzentrierter Defensivarbeit auch immer wieder Nadelstiche nach vorne entwickelten. Dazu hatten die Gastgeber auch das Glück an diesem Abend für sich gepachtet.

"Wir wussten, wir können die Bayern nur schlagen wenn alles klappt. Und heute hat alles geklappt", lautete die ebenso knappe wie treffende Analyse des 41-Jährigen, der den Erfolg dennoch einzuordnen wusste: "Der Zeitpunkt des Spiels gegen Bayern war optimal. Wenn du gegen sie eine Minimalchance hast, dann am Anfang der Saison. Deshalb waren wir nicht traurig, über die Terminierung."

Wiedersehen macht Freude

Besser kann man sich vermutlich kaum in der Bundesliga zurückmelden. Der Betzenberg hat in seiner langen Geschichte schon so manche Schlacht geschlagen, dabei kleine und große Gegner das Fürchten gelehrt, als Bühne für Dramen und "Fußball-Wunder" gedient. Seit dem vergangenen Freitag kennt diese Saga nun ein weiteres Kapitel - die Fortsetzung folgt gewiss!

Denn zum Schluss schwenkten zehntausende FCK-Fans ein Meer aus weißen Taschentüchern und stimmten dazu einen Gassenhauer der "Toten Hosen" an: "Drum sagen wir: Auf Wiederseh'n! Die Zeit mit Euch war wunderschön..." Das war jedoch nicht zwingend ironisch gemeint - immerhin dürfen die Münchner jederzeit in die Pfalz zurückkommen. Man hat dort schließlich so lange darauf gewartet!


Stefan Missy