Köln - Im Grunde kann Hannover 96 sehr zufrieden sein. Bis auf einen Ausrutscher am 8. Spieltag hat die Mannschaft die gesamte Hinrunde in der ersten Tabellenhälfte verbracht. Drei Zähler fehlen aktuell nur auf einen Champions-League-Platz. Und dabei musste das Team über weite Strecken auf den wichtigsten Spieler verzichten: Lars Stindl.

Rein nüchtern betrachtet ging es mit Lars Stindl zunächst bergab. Als der Hannoveraner Kapitän nach seiner zähen Außenbandverletzung endlich wieder in der Startelf stand, holten die Niedersachsen gerade mal einen Punkt aus vier Spielen. "Ich hoffe, niemand zieht den Schluss, dass es da Zusammenhänge gibt", schmunzelte er nach dem 3:3 in Bremen am 15. Spieltag.

Neue, offensivere Rolle

Jeder Beobachter der Partie hatte aber gesehen, dass der 26-Jährige der letzte Grund für die Minikrise war. Stindl hatte mit Abstand die meisten Kilometer auf dem Platz zurückgelegt, lief dabei stets in hohem Tempo, er führte die meisten Zweikämpfe, gewann davon für einen Offensivspieler überragende 69 Prozent, verteilte die Bälle wie kein anderer in seinem Team und traf schließlich selbst noch zum 1:0 (siehe Grafik).

Kurz: Stindl, der jede Position im Mittelfeld spielen kann, ist der absolute Anführer seiner Mannschaft - und das nicht nur, weil er die Kapitänsbinde trägt. Er bestimmt Tempo und Rhythmus, ist quasi an jeder Offensivaktion beteiligt. Auch Sportdirektor Dirk Dufner weiß: "Er ist unser wichtigster und wertvollster Spieler."

Joselu profitiert extrem

Und obwohl Stindl die ersten zehn Spiele verletzungsbedingt pausieren musste, funktionierte er anschließend sofort. Dabei hat er im Team von Tayfun Korkut auch gleich eine neue Rolle gefunden. War er früher noch öfter auf der rechten Außenbahn oder im zentralen defensiven Mittelfeld zu finden, so agiert er inzwischen weit offensiver als eine Art zurückgezogene Sturmspitze. Stindl kennt diese Position noch gut aus Zeiten beim Karlsruher SC.

Als verkappter Stürmer scheint er dabei noch wertvoller zu sein: Nach sieben Einsätzen hat er bereits drei Tore und zwei Assists auf seinem Konto. Öfter hat er für Hannover noch in keiner Saison zuvor getroffen. Fast schon im Stile eines Strafraumstürmers erzielte er seine Treffer, wusste die Räume zu nutzen und stand im Strafraum oft an richtiger Stelle. Mindestens genauso wichtig sind seine Qualitäten als Ballverteiler. Und davon profitiert in erster Linie Mannschaftskollege Joselu. Mit Stindl an seiner Seite blühte der Spanier am Ende der Hinrunde regelrecht auf, traf nach längerer Flaute zuletzt fünfmal in Folge.

Gewisse Schlitzohrigkeit

Es sind aber auch die kleinen Aktionen auf dem Platz, eine gewisse Schlitzohrigkeit, die Stindl zu einem unangenehmen Gegenspieler machen und am Ende für den entscheidenden Unterschied verantwortlich sind: So zum Beispiel vor dem 1:0 gegen den FC Augsburg am 16. Spieltag, als Stindl vor einer Ecke auf der Torlinie um Alexander Manninger kreist, den FCA-Keeper und Gegenspieler Abdul Rahman Baba damit gleichermaßen irritiert und so ungehindert zum Kopfball kommt, den Salif Sané nur noch zum 1:0 abstauben muss (zum Video).

Es ist kein Geheimnis, dass der polyvalente Stindl, mit 26 Jahren im besten Fußballeralter, auch längst bei anderen Clubs Begehrlichkeiten geweckt hat. In der Rückrunde gilt die volle Konzentration aber Hannover 96. Und mit einem Lars Stindl in Topform könnte es für die Niedersachsen sogar mal wieder für Europa reichen.

Karol Herrmann

Hinweis: In der Serie "Die Verbesserer" werden Spieler vorgestellt, die mit ihren Fähigkeiten ihre Mannschaft in der Rückrunde noch stärker machen oder entscheidend nach vorne bringen können.