Stuttgart - Der VfB Stuttgart: Mitten in Abstiegskampf, es geht um alles. Dennoch herrscht im und um den Verein jede Menge Zuversicht. So viel, dass Sportdirektor Robin Dutt auf die Bremse treten muss.

Trinken. Trinken. Trinken. Die unter Hochspannung stehenden Profis des VfB Stuttgart haben jede Menge Durst. Kein Wunder. Schließlich scheucht sie der Stuttgarter Konditionstrainer Chima Onyeike, ein bulliger Koloss aus Holland, bei 30 Grad Außentemperatur seit geraumer Zeit über den Trainingsplatz auf dem VfB-Gelände. Es ist das erste Training dieser Woche und es ist das erste Training nach dem lebenswichtigen Erfolg gegen Mainz und vor dem nächsten Abstiegsfinale gegen den Hamburger SV am kommenden Samstag (ab 15:00 Uhr im Liveticker).

Selbstvertrauen eingeimpft

Die Spieler schwitzen und man spürt, wie sie alle, egal ob Stamm- oder Ergänzungsspieler, nur eines wollen: den Verbleib in der Bundesliga. Die Stuttgarter Verantwortlichen haben es geschafft, die so lange kriselnde und verunsicherte Mannschaft auf den Punkt fit zu kriegen und ihr das jetzt so wichtige Selbstvertrauen einzuimpfen. Alle Akteure ziehen an einem Strang, auch wenn zu Wochenstart die Leistungsträger Daniel Didavi, Serey Dié und Antonio Rüdiger aus dem normalen Betrieb genommen wurden und individuell trainierten. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Die Einheit auf dem Rasen funktioniert, aber – fast noch wichtiger – auch außerhalb des grünen Rechtecks hat sich die Stimmung längst gedreht. "Wir glauben wieder an unseren VfB", sagt ein älterer Mann am Rande des Trainings. "Die Offensive funktioniert und wir schießen wieder Tore, deswegen gewinnen wir auch gegen den HSV", ist er sich sicher. Viel Optimismus also, aber, und wen wundert das im Existenzkampf der Bundesliga, auch ein wenig Angst. "Ein Abstieg wäre fürchterlich", macht sich ein anderer Zaungast Sorgen. "Deswegen sind wir alle auch nervös."

Furcht vor dem sportlichen Supergau

Es ist ein Spagat der Emotionen, in dem sich der VfB vor den beiden so immens bedeutenden letzten Spielen der Saison befindet. Viel Hoffnung, aber auch die Furcht vor dem sportlichen Supergau. In diesem Spannungsfeld bewegt sich seit Wochen ein Mann, der dafür zuständig ist, zumindest nach außen die Ruhe zu bewahren: Robin Dutt. Der Sportdirektor begreift sich selbst als denjenigen, der nun die "Emotionen zu kanalisieren" hat. Deswegen ist er es auch, der fest an die Rettung glaubt, aber auch den Mahner gibt.  

"Es ist keine unmögliche Erwartungshaltung, gegen den Hamburger SV gewinnen zu wollen", verbreitet Dutt Zuversicht. "Wir glauben an den Klassenerhalt, wir dürfen uns aber auch nicht in Sicherheit wiegen. Vor dem Spiel gegen Mainz mussten wir versuchen, die Totengräber-Stimmung einzudämmen, vor dem Spiel gegen Hamburg ist es schon wieder das gegenseitige Extrem." Es ist also auch ein Kampf gegen zu viel Euphorie. Eine gefährliche Gemengelage.

#mirschaffendas

Vor allem die Stimmung im Lager des VfB stimmt. "Unser Verhältnis ist von Vertrauen geprägt, wir haben Spaß zusammen, aber es geht für den Verein und für die Region um sehr viel. Wir haben keine Lust, gut gelaunt abzusteigen." Um wie viel es geht, spürte man beim letzten Heimspiel gegen Mainz, als über 50.000 Zuschauer in der Mercedes-Benz-Arena ihrer Mannschaft den Rücken stärkten. Dem VfB ist es gelungen, auch durch vertrauensbildende Marketing-Maßnahmen wie beispielsweise dem Twitter-Hashtag #mirschaffendas, Vertrauen zurück zu erobern. Sei es bei den Fans oder auch bei den Verantwortlichen aus der regionalen Wirtschaft.

"Die Bundesliga und die Region würden ein Aushängeschild verlieren, wenn der Club absteigt. Da würde ein Stück Lebensqualität verloren gehen", macht Dutt klar. Hoffnung macht dem Sportdirektor in diesen alles entscheidenden Tagen vor allem die wiedergewonnene Heimstärke. Zehn Punkte aus den letzten vier Auftritten in der Mercedes-Benz-Arena sprechen eine klare Sprache. Auch wenn die Stuttgarter bei einer Niederlage und entsprechenden Resultaten der Abstiegs-Rivalen am Samstagabend sogar abgestiegen sein könnten.

Aber davon will am Neckar nun wirklich niemand etwas wissen. Zu groß sind derzeit Optimismus und Zuversicht. Aber Vorsicht. Hier lauert die unsichtbare Gefahr.

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer