München - Es war ein völlig verrückter 2. Spieltag. Grund genug, mit Trainer-Urgestein Peter Neururer über die noch junge Bundesliga-Saison zu sprechen

Neururer war Übungsleiter bei zahlreichen Vereinen, unter anderem de FC Schalke 04, Hertha BSC, dem 1. FC Köln, dem VfL Bochum, Hannover 96 und dem MSV Duisburg. Er bringt es dadurch auf über 500 Ligaspiele als Coach im Profi-Bereich. Im Interview mit bundesliga.de spricht er über den überraschenden Spieltag, den Fehlstart der Schalker und erklärt, warum alle Teams noch nicht in Form sind.

bundesliga.de: Herr Neururer, die Bayern werden von einem Aufsteiger geschlagen, Vizemeister Schalke 04 kassiert die zweite Pleite, Mainz dreht ein 0:3 beim Spitzenteam VfL Wolfsburg, Gladbach schlägt Leverkusen 6:3 - ist die Bundesliga tatsächlich so ausgeglichen wie keine andere Top-Liga in Europa?

Peter Neururer: Die Bundesliga ist, wie ich vor Jahren schon gesagt habe, die stärkste Liga dieser Welt. Es ist so.

bundesliga.de: Selbst verglichen mit England oder Spanien?

Neururer: Wir dürfen nicht den Fehler machen und uns in der Premier League nur Chelsea gegen ManU angucken. Wir müssen uns dann auch Wolverhampton Wanderers gegen Wigan Athletic ansehen. Von den spielerischen Möglichkeiten im unteren Bereich her sind wir höher anzusiedeln. Und in der Bundesliga passiert es eben auch - im Gegensatz zur Premier League - dass der Deutsche Meister gegen einen Aufsteiger verliert, und dass der deutsche Vizemeister auf eigenem Platz gegen Hannover 96 verliert - eine Mannschaft, die den Abstieg nur knapp verhindert hat. Das macht die Qualität unserer Liga aus.

bundesliga.de: Welche Tendenzen lassen sich aus diesem überraschenden 2. Spieltag ablesen?

Neururer: Das ist genau der Punkt, auf den wir normalerweise kommen müssen: Wir haben erst den 2. Spieltag! Bayern München wurde im vergangenen Jahr schon 27 Mal verdammt und doch noch Meister. Natürlich, Schalke 04 darf gegen Hannover zuhause keine solche Leistung bringen und dann verlieren. Und natürlich ist es kurios, dass eine Minute Tiefschlaf reicht, damit ein Aufsteiger im eigenen Stadion - wo auch sonst - Bayern München schlagen kann. Aber Tendenzen lassen sich da nicht unbedingt rauslesen.

bundesliga.de: Also ist es zu früh für Rückschlüsse.

Neururer: Problematisch würde es, wenn Entwicklungen saisonübergreifend weitergehen. Nehmen wir den 1. FC Köln: Die haben das erste Heimspiel verloren und stehen nach der Niederlage in Bremen vor dem nächsten Heimspiel gegen St. Pauli mit dem Rücken zur Wand, bedingt durch die Serie des letzten Jahres - rein moralisch, noch nicht tabellarisch.

bundesliga.de: Sind Teams wie Bayern oder Schalke einfach noch nicht in Form?

Neururer: Es sind alle Teams nicht in Form. Die haben alle den gleichen Stand. Wir sind am Anfang einer Saison. Die einzige Mannschaft, bei der ich eine Entschuldigung gelten lassen würde, ist der FC Bayern München. Die haben viele Leute bei der WM dabei gehabt, das ist ein Riesen-Nachteil. Ansonsten reichen fünf Wochen allemal aus, um eine Mannschaft vernünftig vorzubereiten auf eine Saison.

bundesliga.de: Was erwarten sie von den beiden Teams?

Neururer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei Schalke 04 so weitergeht wie im Augenblick. Bayern München wird auch nicht anfangen zu siegen und dann das nächste Spiel wieder verlieren.

bundesliga.de: Welcher Überraschungsmannschaft trauen Sie zu, die guten Leistungen der ersten Spieltage zu bestätigen und weit vorne zu landen?

Neururer: Die Zielsetzungen sind ja andere. Ich kann mir vorstellen, dass Kaiserslautern die eigene Zielsetzung, gerade nach diesem tollen Start, verfolgen kann, also den Klassenerhalt schafft. Ich kann mir auch vorstellen, trotz der Niederlage gegen Hoffenheim, dass St. Pauli die Zielsetzung erreicht - ich wünsche den St. Paulianern das auch.

bundesliga.de: Wenn der Saisonstart nicht optimal läuft, sind vor allem die Trainer gefordert. Was geht da in den Köpfen der Spieler vor?

Neururer: Das hängt immer vom Hintergrund ab. Beim 1. FC Köln könnte ich mir vorstellen, dass der eine oder andere Spieler in Erwartung der unglaublichen Ansprüche der Fans, aber vor allem auch rückblickend auf die schlechten Ergebnisse im letzten Jahr, mehr oder weniger "Versagensangst" empfindet, wenn es gegen St. Pauli geht.

bundesliga.de: Welche Rolle spielt das Transferfenster, das bis zum 31. August geöffnet ist?

Neururer: Felix Magath befindet sich mit Schalke in einer schwierigen Situation. Einerseits muss er die Mannschaft verstärken. Andererseits könnte er damit die Spieler verunsichern, die im Augenblick für Schalke 04 spielen.

bundesliga.de: Es erschwert sicher auch die Arbeit, wenn ein Profi erst nach Saisonbeginn zum Club wechselt.

Neururer: Vom Sportlichen her ist es immer ein Nachteil, wenn ein Spieler kurzfristig zu einer Mannschaft kommt. Gewisse Automatismen muss man trainieren, dafür gibt es ja Vorbereitungen.

bundesliga.de: Hamburg hat als einzige Spitzenmannschaft schon sechs Punkte. Ein Vorteil am Ende der Saison, wenn es um die vorderen Plätze geht?

Neururer: Ich habe immer gesagt, Abstände werden dann gerechnet, wenn ich gegen jeden Gegner selbst mal gespielt habe. Schalke kann jetzt noch sechs Punkte gegen Bayern München gut machen. Ob sie es schaffen, ist es eine andere Frage.

Das Gespräch führte Peter Seiffert