Jens Nowotny trug von 1996 bis 2006 das Bayer-Trikot
Jens Nowotny trug von 1996 bis 2006 das Bayer-Trikot
Bundesliga

"Die Situation ist sogar positiv"

Wenn jemand leidvolle Erfahrungen mit dem Attribut "Vize" gemacht hat, dann er: Jens Nowotny. Zwischen 1996 und 2006 trug er das Trikot von Bayer Leverkusen und absolvierte allein in der Bundesliga 231 Partien für die "Werkself".

Der Gewinn eines Titels war Nowotny während seiner Dekade am Rhein nicht vergönnt, gleich vier Mal stand er nach 34 Spieltagen auf Platz 2. Am dicksten kam es im Jahr 2002, als er mit Bayer in der Liga, dem DFB-Pokal und der Champions League jeweils Zweiter wurde - der Vize-Titel mit Deutschland beim anschließenden WM-Turnier blieb ihm erspart. Allerdings wegen eines Kreuzbandrisses, der ihn auch schon im Endspurt der Saison zum Zuschauen gezwungen hatte.

Bei bundesliga.de schätzt der heute 36-Jährige die aktuelle Situation bei Bayer ein, das am vergangenen Sonntag erstmals in dieser Spielzeit verlor und auf den 3. Platz abrutschte. Der Titel wird aber aufgrund der hohen Qualität der Mannschaft nur über seinen Ex-Club führen. Der Hamburger SV, Gegner im Topspiel am Sonntag, liege Leverkusen laut Nowotny sehr.

bundesliga.de: Bayer Leverkusen hat am 24. Spieltag nach 16 Runden die Tabellenführung eingebüßt und eine Woche später die erste Saisonniederlage kassiert. Droht jetzt wieder ein Einbruch wie in den vergangenen Jahren?

Jens Nowotny: Nein, dafür ist die Qualität einfach zu hoch, dass es zu einem totalen Einbruch kommt. Ich sehe die Situation sogar etwas positiv, weil der Rekord jetzt aus den Köpfen ist und man sich ganz normal auf die Spiele konzentrieren kann ohne Interpretationen von außen.

bundesliga.de: Also könnte die Verfolgerrolle der "Werkself" durchaus gut liegen?

Nowotny: Es werden viele kommen und sagen: "Es war ja klar, dass ihr irgendwann verliert". Aber wichtig ist, dass die Mannschaft sich nach der Partie nicht zerfleischt hat, sondern einfach unterm Strich stand, dass es ein schlechtes Spiel war. Wobei Nürnberg ja noch Glück hatte, weil Leverkusen in der Schlussphase drückend überlegen war und jeder dachte, dass noch der Ausgleich fällt. Für mich war das nur ein Ausrutscher.

bundesliga.de: Vielleicht ja auch zum richtigen Zeitpunkt, weil noch neun Spiele zu absolvieren sind. Wie haben die Serie von Spielen ohne Niederlage und der Rekord von Jupp Heynckes, der saisonübergreifend letztlich 30 Partien ungeschlagen war, Ihrer Meinung nach die Mannschaft belastet?

Nowotny: Normalerweise darf es die Spieler nicht belasten, aber in jedem Kopf gehen unterschiedliche Dinge vor. Erst wird einem immer die Bestleistungen mitgeteilt, dann kommt die erste Spitze von wegen ungeschlagen Vizemeister zu werden - so etwas kann sich unterbewusst festsetzen. Aber eigentlich sollte es das Selbstvertrauen sogar stärken.

bundesliga.de: Trauen Sie der grundsätzlich relativ jungen Mannschaft zu, dass sie bis zum Schluss ganz oben mit dabei bleibt?

Nowotny: Auf jeden Fall, die Qualität ist vorhanden. Patrick Helmes hat jetzt wieder getroffen, Renato Augusto ist wieder dazugestoßen - das sind absolute Klasse-Spieler, die Bayer nur helfen können.

bundesliga.de: Aktuell stehen die Bayern an der Spitze, dahinter Schalke und Leverkusen. Wie sieht die Konstellation nach dem 34. Spieltag aus?

Nowotny: Entscheidend kann der 30. Spieltag werden, wenn Leverkusen die Bayern empfängt. Ein Vorteil für Felix Magath und Schalke kann natürlich sein, dass sie sich nach vorne geschlichen haben, während alle nur von dem Zweikampf zwischen Bayer und Bayern berichtet haben. Die Rekorde von Leverkusen waren ja wichtiger als die Siege von Schalke - und plötzlich ist es ein ausgemachter Dreikampf da vorne. Ich halte einen weiteren Coup von Magath durchaus für möglich.

bundesliga.de: Die Parallelen zur vergangenen Saison, in der Magath stets sehr tief gestapelt hat und am Ende mit Wolfsburg doch ganz oben stand, sind auch deutlich erkennbar.

Nowotny: Diese Tiefstapelei glaubt ihm natürlich jetzt nicht mehr jeder, aber das ist seine clevere Taktik. Viel wichtiger ist, dass daneben die Ergebnisse stimmen - und das tun sie.

bundesliga.de: Am Sonntag kommt es in der BayArena zum Topspiel zwischen Leverkusen und dem HSV. Was erwarten Sie von dieser Partie?

Nowotny: Leverkusen wird gewinnen. Und ich hoffe, dass es ein offensives Spiel von beiden Seiten wird. Das käme Bayer entgegen. Denn Leverkusen bekommt dann wirklich Probleme, wenn eine Mannschaft hinten drin steht und sich nicht herauslocken lässt. Das war gegen Köln eklatant zu sehen. Hamburg sollte Leverkusen besser liegen, sie werden ihre Möglichkeiten bekommen.

Das Gespräch führte Tim Tonner