Dortmund – "Weiter! Die Reaktion ist entscheidend! Wir wollen Fußball spielen!" schallt es über den Trainingsplatz in Dortmund-Brackel. Jürgen Klopp schwört sein Team auf das anstehende Spiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim ein. Ein Kämpfer, ein Motivator, ein Trainer, der sich im Abstiegskampf auskennt: "Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich habe 98% der Abstiegskämpfe, an denen ich teilgenommen habe, bestanden."

Dieses Wort schmerzt, ist in Dortmund aber kein Tabu-Thema. Es ist die Realität. Trotz der Enttäuschung und Leere nach den Niederlagen, wie zuletzt gegen Frankfurt, steht Klopp einmal mehr auf und merkt an: "Es gibt keinen Jürgen Klopp und es gibt auch keine Mannschaft. Es gibt nur eins: Das Team. Ein großes Team zu dem wir alle zusammen gehören."

Volle Kraft voraus

Jeder wartet gefühlt auf eine Resignation des Trainers. Stattdessen blickt der 47-Jährige nach vorne und beweist seine besondere Motivation und Verbindung zum Verein Borussia Dortmund. Mit hundertprozentiger Identifikation stellt er sich der Verantwortung. Das macht ihn zu einem Trainer, der nicht einfach austauschbar ist. Bei der Pressekonferenz wirkt Klopp eher locker, beim Training legt er los: Energisch, laut, entschlossen und voller Elan leitet er die Übungseinheit.

Nach Aussagen von Klopp sei es von großer Bedeutung, die momentan robustesten Spieler herauszukristallisieren, die der Situation standhalten können: "Meine Aufgabe ist es, zwei bis dreimal richtig gut mit der Mannschaft zu trainieren und dann eine Auswahl zu treffen, wen ich für diesen Moment, für dieses Spiel geeignet halte, um dann idealerweise ein sehr positives Ergebnis für uns abzuholen." Das gibt der BVB-Trainer nicht nur zu bedenken, sondern setzt es im anschließenden Training praktisch um.

Aufbruchsstimmung im Training -  "Weiter, weiter!"

Etwa eine Stunde simulieren die Profis in einem Trainingsspiel den Ernstfall. Dabei unterbricht Klopp das Spiel ständig und bewusst. In der Eiseskälte im Stadtteil Brackel geht er lauthals dazwischen. So laut, dass es jeder begreifen muss. Er sucht sowohl die Einzelgespräche mit den Spielern, als auch deutliche Ansagen an die gesamte Mannschaft.

Auch den Spielern ist eine Stimmung mit zuletzt hängenden Köpfen nicht anzumerken, im Gegenteil: Es herrscht eine zielstrebige Atmosphäre, in der jeder den anderen motiviert: "Weiter! Weiter!" ist immer wieder rauszuhören. Nach der Trainingseinheit bildet das gesamte Team einen geschlossenen Kreis und schwört sich auf das Spiel gegen Hoffenheim ein. Die Aufbruchsstimmung aber auch Anspannung durch den hohen Durck ist beim BVB zu spüren, sowohl bei Klopp, als auch bei den Spielern.

Rückstand? "Darf uns nicht aus der Bahn werfen"

"Weiter!" ist auch das Stichwort für einen möglich erneuten Rückstand. Einstellen wird Klopp sein Team auch auf dieses Szenario. "Das ist Abstiegskampf: Fehler zu akzeptieren, sie versuchen abzustellen und daran zu arbeiten, dass sie nicht mehr auftreten. Aber wenn im Spiel dann einer passiert, darf uns das nicht aus der Bahn werfen. Das gilt für alle Mannschaften, die da unten drinstehen." Klopp vermittelt dem Team, dass es nicht darauf ankomme, jede Chance nutzen zu müssen, sondern die eine.

Das Team müsse konzentriert im Spiel bleiben, leidenschaftlich verteidigen und idealerweise mit einem zweiten Tor den Knoten platzen lassen. Beide Seiten wären ein Extremum: Sowohl der Euphorieausbruch bei einem Befreiungsschlag gegen Hoffenheim und umgekehrt ein weiterer Misserfolg mit der roten Laterne in der Hand. Die Fans wurden nach der Niederlage in Frankfurt erstmals unruhig. Nach zwei Auswärtsspielen steht der BVB vor heimischer Kulisse jetzt unter Zugzwang.

Zusammen durch die Krise

Es kommt also zum Charaktertest bei der Borussia. Die ungeahnte Situation ist für jeden Spieler eine neue Erfahrung. "Unser Versprechen: Jeder stellt seine Qualität zu 100 Prozent in den Dienst der Mannschaft" ist ein Teil des Schriftzuges an der Wand vor der Dortmunder Kabine, der in dieser schweren Phase besonders beherzigt werden soll. Klopp will es auch über den Zusammenhalt schaffen: "Wir haben die große Chance, die Krise zu überstehen, ohne sich dabei auseinander dividieren zu lassen."

Am Ende der vorletzten Saison reiste die TSG mit umgekehrten Vorzeichen ins Ruhrgebiet: Am letzten Spieltag sicherte sich das damals ebenfalls von Markus Gisdol trainierte Team, mit einem 2:1-Sieg beim BVB den Relegationsplatz. Möglicherweise Zeit für eine Revanche, sich Luft im Tabellen-Keller zu verschaffen. Es bleibt abzuwarten, aber in jedem Fall spannend! "Es geht nicht darum, das beste Spiel aller Zeiten zu machen, sondern es geht darum, erfolgreich Fußball zu spielen", so Klopp. Erfolg – das, wonach sich in Dortmund wohl jeder sehnt. Momentan mehr, als nach allem anderen.

Aus Dortmund berichtet Patrick Eckholt