Hamburg - "Wo spielen sie denn?", fragt Martin Driller, als bundesliga.de ihn nach seinem Tipp für das Derby zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV fragt, um, nachdem er erfahren hatte, dass sein Ex-Club St. Pauli Heimrecht hat, auf ein 2:2 zu tippen.

Der ehemalige Stürmer der Braun-Weißen war vor Wochenfrist am "Tag der Legenden" am Millerntor aber auch der einzige der 36 ehemaligen Profis des HSV und des FC St. Pauli, der sich noch nicht mit dem ersten Hamburger Derby seit dem 19. April 2002 beschäftigt hatte. Beim Wohltätigkeitsspiel zu Gunsten von Kindern und Jugendlichen aus Problemstadtteilen wurde er auf Stand gebracht.

Nur ein Sieg für St. Pauli

Acht Jahre hat man in der Hansestadt diesem Derby entgegen gefiebert. 16 Mal trafen die beiden Hamburger Clubs bisher in der Bundesliga aufeinander, nur einmal ging der Underdog als Sieger vom Feld: 1977 gewann das Team vom Millerntor sein Auswärtsspiel beim großen Nachbarn mit 2:0, fünf Mal erkämpfte er ein Remis.

Am 19. September hat der FC St. Pauli nun erstmals ein "richtiges Heimrecht", denn bislang wurden alle Spiele im ungeliebten größeren Stadion des Stadtrivalen ausgetragen. Wie Driller glauben viele andere aus dem Team der Hamburger Legenden an ein Remis - aus den unterschiedlichsten Gründen.

"Natürlich ist der HSV mit seinen vielen Nationalspielern spielerisch sicher stärker einzuschätzen, aber Holger Stanislawski macht eine gute Arbeit beim Aufsteiger. Daher glaube ich an ein Unentschieden", sagt Valdas Ivanauskas, der von 1993 bis 1997 in 91 Spielen für den HSV 13 Tore erzielte.

Hartwig sorgt sich um Familienfrieden

"Meine Frau ist St.-Pauli-Fan. Daher tippe ich auf unentschieden. Dann haben wir beide einen schönen Abend", sorgt sich Jimmy Hartwig, der mit dem HSV drei Mal Meister wurde und 1983 trotz seiner Sperre im Finale zum Gewinn des Europapokals der Landesmeister beitrug, um den Familienfrieden.

HSV-Außenverteidiger-Ikone Manfred Kaltz legt sich wie St. Paulis Ex-Torwart Klaus Thomforde auf ein 1:1 fest. "Eisen"-Dieter Schlindwein, einst beinharter Vorstopper beim Kiez-Club und Bernd Hollerbach, der insgesamt fast zwölf Jahre in Hamburg für beide Clubs am Ball war, halten es mit Driller und tippen 2:2.

Eine torreiche Partie erwartet Dirk Zander. Der langjährige Kapitän des FC St. Pauli, der 1991 gegen den Karlsruher SC nach zwölf Sekunden das seinerzeit schnellste Tor der Bundesliga-Geschichte erzielte und mit seinem 2:0 in der 4. Minute immer noch den Rekord des schnellsten "Doppelpacks" hält, erwartet ein 3:3.

"HSV im Europapokal, St. Pauli bleibt drin"

"Ich trage die Raute im Herzen", betont Hermann Rieger. "Aber Holger Stanislawski macht gute Arbeit und St. Pauli hat Heimrecht. Daher erwarte ich ein 2:2", erklärt der Kult-Masseur, der 27 Jahre lang die HSV-Profis durchknetete. "Mein HSV wird am Ende in den Top-Fünf sein und damit im Europapokal, St. Pauli bleibt drin", prophezeit Rieger.

Mit dieser Meinung steht der 68-Jährige, der auch als Rentner bei fast jedem HSV-Spiel dabei ist, stellvertredend für alle Befragten. Jeder ist überzeugt, dass der HSV sich zumindest für die Europa League qualifiziert und der Kiez-Club auf jeden Fall die Klasse hält.

Eng wird's auf jeden Fall

Auch die Ex-Profis, die nicht an ein Remis glauben, gehen von einer engen Partie aus. "Hart aber fair", werde das Spiel, ist Uwe Seeler sicher - mit dem besseren Ende für seinen Verein: "2:1 für uns", sagt die HSV-Ikone voraus. Ein Tipp, dem sich Richard Golz, der von 1987 bis 1998 273 Mal das Tor des Bundesliga-Dinos hütete, und Stefan Beinlich anschließen.

Ebenfalls 2:1 tippen Michel Mazingu-Dinzey, Klaus Ottens und Dietmar Demuth, der selbst für den Kiez-Club spielte und den Verein 2001 als Trainer in die Bundesliga führte. Allerdings sieht das Trio Ex-Club St. Pauli vorn.

Seppo Eichkorn will sich nicht auf ein Ergebnis festlegen, ist aber von einem Sieg seines ehemaligen Teams überzeugt: "Die Heimmannschaft wird gewinnen", kündigt St. Paulis Ex-Trainer an.

"Ausgang völlig offen"

Eichkorns heutiger Chef bei Schalke 04 sieht sich nicht in der Lage, auch nur eine Tendenz zu prognostizieren: "Bei so einem Derby ist der Ausgang völlig offen. Da entscheiden Kleinigkeiten, die Tages-Form und auch das berühmte Quäntchen Glück", will Felix Magath, der den HSV mit seinem Treffer gegen Juventus Turin zum 1:0-Endstand 1983 zum Landesmeister-Titel schoss, keinen Tipp abgeben.

Auch Helmut Schulte, der den FC St. Pauli 1988 als Trainer in die Bundesliga führte und heute als Sportdirektor am Millerntor tätig ist, drückt sich um eine Aussage herum, liegt dafür aber garantiert richtig: "Die Punkte bleiben in Hamburg."

Fragt sich nur, wer am Ende feiern wird. Am 19. September sind wir alle schlauer.

Jürgen Blöhs