München - Er schrieb schon Geschichte, da war er noch kein einziges Mal am Ball. Als das Bürschchen Nuri Sahin am 6. August 2005 die große Bühne Bundesliga zum ersten Mal betrat, war er gerade einmal 16 Jahre und 335 Tage alt. Damit ist er bis heute der jüngste Spieler, der jemals in der Bundesliga eingesetzt wurde.

Knapp sechs Jahre später reckt Sahin - umringt von seinen Dortmunder Mannschaftskollegen - die begehrteste "Salatschüssel" der Nation in die Höhe: die Meisterschale. Die größte Trophäe, die Fußball-Deutschland zu bieten hat. In diesen sechs Jahren hat sich viel verändert. Aus dem Bürschchen ist ein Bursche geworden, aus dem Teenager ein junger Erwachsener. Sahin ist gereift, als Sportler und als Mensch.

Seele des Dortmunder Spiels

Mit 22 Jahren wurde der talentierte Mittelfelddribbler Deutscher Meister, und das nicht nur als Stammspieler. Sahin war in der abgelaufenen Saison der absolute Fixpunkt im Spiel der "Schwarz-Gelben", praktisch die Seele des Dortmunder Spiels. Denn der türkische Nationalspieler verbindet zwei Qualitäten, wie sie nur ganz wenige Spieler auf sich vereinen.

Zum einen glänzt er mit Übersicht, Spielverständnis und technischer Raffinesse, war Spielmacher, Ideengeber, und das Herz des Dortmunder Offensivspiels. Zum anderen zeichnet er sich durch Laufbereitschaft und Zweikampfstärke aus, ist bereit, auch in der Defensive viel zu arbeiten. Diese Kombination macht ihn unersetzlich wertvoll, er verbindet die Offensivqualitäten einer Nummer 10 mit den defensiven Tugenden eines Abräumers, der Nummer 6. Kein Zufall also, dass auf dem Rücken von Sahin die goldene Mitte, nämlich die Nummer 8, prangte.

Eine "königliche" Anfrage

Diese Vielseitigkeit ist auch den ganz Großen in Europa nicht entgangen. Real Madrid und sein charismatischer Trainer Jose Mourinho haben Sahin die Türen geöffnet und ihn dazu eingeladen, im Santiago Bernabeu zusammen mit Cristiano Ronaldo, Kaka, Mesut Özil und Gonzalo Higuain einen "königlichen" Fußball zu zelebrieren. Wer könnte da schon widerstehen?

Doch Sahin ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Der türkische Nationalspieler vergoss bei der Verkündung seines Wechsels zu den "Königlichen" Abschiedstränen, bereits jetzt ist ihm bewusst, dass er die Zeit im BVB-Dress vermissen wird. Denn Jürgen Klopp hat in Dortmund etwas Einzigartiges aufgebaut. Das Geheimnis des Erfolges ist nicht nur harte, sportliche Arbeit, sondern auch Kameradschaft und ein freundschaftlicher Umgang miteinander, wie ihn in der Saison 2010/11 keine Mannschaft so gelebt hat wie die Borussia.

Wer kann die Lücke schließen?

Sahins Abschied aus dem Pott hinterlässt in der Mannschaft von Borussia Dortmund eine große Lücke. Man kann sich nur schwer vorstellen, wer die Schlüsselposition im zentralen Mittelfeld des Deutschen Meisters adäquat ausfüllen soll. Neben den Leihspielern Moritz Leitner, Julian Koch und Dimitar Rangelov verstärken die Borussen noch Ilkay Gündogan, Ivan Perisic und Chris Löwe.

Gündogan ist die wahrscheinliche Alternative als Sahin-Ersatz. Der Deutsch-Türke wechselte vom Tabellensechsten 1. FC Nürnberg zum BVB. Bei den Franken spielte er ebenfalls in der Zentrale, wenn auch etwas offensiver als Sahin in Dortmund. Gündogan ist außerdem ein ähnlicher Spielertyp wie Sahin. Er beweist viel Übersicht, ist technisch sehr versiert und sorgt in der Offensive mit Tempo und Spielwitz - zum Teil auf engstem Raum - für Gefahr.

Einige Fragezeichen bleiben aber. Verlangt Jürgen Klopp von Youngster Gündogen eine ähnliche Spielweise wie von Sahin? Oder setzt ihn der BVB-Coach einfach offensiver ein? Dazu kommt noch die Frage, ob der Druck für den frisch gebackenen Abiturienten Gündogan nicht viel zu groß ist, die Führungsfigur schlechthin beim amtierenden Deutschen Meister ersetzen zu müssen.

Perisic auch eine Alternative

"Er ist beidfüßig, schnell, strategisch nicht unbegabt und hat einen starken Kopfball", geriet Klopp angesichts der Verpflichtung von Ivan Perisic ins Schwärmen. Der 22-jährige Neuzugang kommt aus Belgien vom FC Brügge und ist der zweite Kandidat, der als Nachfolger von Sahin in Frage kommt. Der Kroate hat in der abgelaufenen Saison 22 Tore erzielt und zehn vorbereitet, wurde dafür von seinen Kollegen zum "Spieler des Jahres" in Belgien gewählt.

Perisic könnte insbesondere deshalb wertvoll für den BVB werden, weil er variabel einsetzbar ist, also im Mittelfeld links, rechts oder zentral auflaufen und damit auch ein Kandidat für die Position von Nuri Sahin sein kann. Experten vergleichen den kroatischen Youngster aufgrund seiner Torgefahr aus dem Mittelfeld sogar mit Michael Ballack, er sei "nur deutlich schneller".

Auch Perisic selbst fühlt sich bereit für eine neue Herausforderung und den nächsten Schritt auf der Karriereleiter. 32 Scorerpunkte stellt er den 14 von Nuri Sahin gegenüber. Die Chancen auf einen effektiven Ersatz sind also durchaus gegeben.

David Schmidt