München - Der Stolz war den Herrschaften im Anzug bereits anzumerken, als sie die Bühne im Pressekonferenzraum der Allianz Arena betraten. Mit einem Lächeln auf den Lippen flankierte die gesammelte FC-Bayern-Führung mit Uli Hoeneß, Karl-Heinz-Rummenigge und Karl Hopfner den Mann, um den sich alles drehte - und mit dessen Installierung sie einen Tag zuvor für einen wahren Paukenschlag gesorgt hatten.

Als sie von Pressechef Markus Hörwick aufgefordert wurden, ein paar Worte über den neuen starken Mann zu verlieren, prasselten sogleich Elogen über ihn hernieder. Während Rummenigge vom "neuen Herzstück des FC Bayern" sprach, erzählte Hoeneß, dass ihm schon lange aufgefallen sei, über welche Kompetenzen der Mann neben ihm verfüge. Und nachdem man zur Erkentniss gekommen sei, mit Christian Nerlinger nicht weiterzumachen, habe es nur eine Alternative gegeben: Matthias Sammer.

"Selbstmitleid ist fehl am Platz"



Der Umgarnte hörte sich zunächst die Lobeshymnen seiner Vorredner an, bevor er selbst das Wort ergriff und sogleich die erste Visitenkarte in Richtung seiner künftigen Angestellten richtete. Als nämlich die Frage auf die EM-Starter kam, die man nach den Misserfolgen ja wohl aufrichten müsse, antworete er in typischer Sammer-Manier: "Unsere Nationalspieler haben drei Wochen Urlaub. Ich hatte in meiner Zeit niemals drei Wochen Urlaub. Drei Wochen sind eine exzellente Zeit für die Spieler, sich zu erholen. Ich sehe da überhaupt keinen Grund, dass die Spieler im Trainingslager in Trentino nicht in die nötige Verfassung kommen."

Und dann folgten die Worte, die den Profis in den Ohren klingeln dürften: "Selbstmitleid ist fehl am Platze, Alibis werden nicht geduldet. Da müssen wir vom ersten Tag an klar die Richtung vorgeben." Während also die Spieler, die bei der EM nicht im Einsatz waren, ihre erste Trainingseinheit an der Säbener Straße absolvierten (Hier sehen Sie die XL-Bilder), gab Sammer 20 Kilometer nördlich zeitgleich die neue Richtung vor - und die heißt "maximaler Erfolg".

Sammer stürzt sich in die Arbeit



"Wir wollen, müssen und werden sofort mit unserer ersten Mannschaft erfolgreich sein", kündigte Sammer an. Ein genaues Ziel ließ sich der 44-Jährige zwar noch nicht entlocken, doch es bedarf nicht viel Phantasie zu erahnen, dass die Münchner die zweijährige nationale Dominanz des Widersachers Borussia Dortmund in der kommenden Spielzeit brechen wollen. "Wir brauchen jetzt aber erst mal unbedingt Aufbruchstimmung. Eitelkeiten dürfen in diesem Club keine Rolle spielen."

Vollgas also - und zwar sofort: Sammer stürzte sich sofort in die Arbeit, als er die Freigabe von DFB-Präsident Wolfsgang Niersbach bekam. Bereits am Dienstagvormittag hatte es mit Vorstandschef Rummenigge und Präsident Hoeneß sowie Trainer Jupp Heynckes die erste längere Sitzung gegeben. Am Nachmittag beobachtete Sammer zunächst den Trainingsauftakt, der angesichts seines Wechsels zur Nebensache wurde. Anschließend machte er sich in Richtung Allinaz Arena auf. Am Mittwoch geht es dann mit dem nächsten Meeting weiter.

Kein Notfalltrainer im Falll der Fälle



Die Erwartungen an den früheren Nationalspieler, der einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, sind hoch. Er soll nach der gescheiterten Amtszeit des eher stillen Christian Nerlinger im Verein eine positive Streitkultur entwickeln, er soll Emotionen wecken - und er soll mit seiner Kompetenz "Zeichen setzen", verdeutlichte Hoeneß. Dass Sammer gleich in den Vorstand aufsteigt, sei "ein logische Sache, um seine Wertigkeit darzustellen. Außerdem verfügt er über große Erfahrung."

Eines schloss Sammer jedoch bereits aus: Als Notfalltrainer wird er nicht zur Verfügung stehen und stärkte vielmehr Jupp Heynckes den Rücken. "Wir haben einen sehr, sehr erfahrenen Trainer, er ist unglaublich souverän und hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Er ist sehr präsent. Das habe ich beim ersten Training beoachtet", sagte Sammer: "Er kann sich meiner Unterstützung sicher sein."

Eines dürfte aber klar sein: Die Kuschelzeit beim Rekordmeister ist vorbei -stattdessen übernimmt Sammer die "Abteilung Attacke", die bislang Uli Hoeneß vorbehalten war. "Wenn ich der Meinung bin, dass ich etwas verändern muss, habe ich die Genehmigung von Uli Hoeneß und den anderen, dies auch zu tun." Das wird man auch an den verschiedenen Urlaubsorten der EM-Spieler vernommen haben.

Aus der Allianz Arena berichtet Johannes Fischer