München - Denkt man an die großen Duelle von Bayern München und Borussia Dortmund in den letzten 20 Jahren zurück, kommen einige Szenen sofort ins Gedächtnis: Der Kung-Fu-Tritt von Oliver Kahn, Stürmer Jan Koller als Torwartriese - und die unvergessene Heulsusen-Geste von Lothar Matthäus in Richtung von Andreas Möller. Ganze 17 Mal spielte Möller im Trikot der Westfalen gegen den Rekordmeister und hat dabei furiose Triumphe genauso wie bittere Niederlagen miterlebt.

Im Exklusiv-Interview spricht der 44-Jährige über seine Erinnerungen an die Szene mit Matthäus, das besondere Flair des Duells und seine Prognose für die Neuauflage des Klassikers.

bundesliga.de: Herr Möller, Sie haben in Ihrer Karriere über 30 Mal gegen Bayern gespielt, davon 17 Mal mit Borussia Dortmund. Welche Erinnerungen haben Sie generell an die Spiele?

Andreas Möller: Spiele gegen Bayern München sind immer etwas Besonderes, eine ganz spezielle Herausforderung. Das sind die Spiele, die einem nach der Karriere am kräftigsten in Erinnerung bleiben.

bundesliga.de: Sie wissen wahrscheinlich, was jetzt kommt, welche Szene ich ansprechen werde, die besonders vielen Zuschauern in Erinnerung geblieben ist. Im April 1997 sind Sie mit Lothar Matthäus aneinandergeraten, woraufhin er die Heulsusen-Geste gemacht hat. Wie haben Sie das Spiel in Erinnerung?

Möller: Die zwei besten deutschen Mannschaften dieser Zeit haben im Westfalenstadion gegeneinander gespielt. Der Lothar Matthäus hat sich dann zu dieser Geste hinreißen lassen, ich habe das sofort erwidert. Das war meiner Meinung nach sehr unkollegial, aber es in ging in diesem Spiel um sehr viel. Das war eine Geste von Lothar Matthäus, und nicht von mir.

bundesliga.de: Haben sie seitdem mal mit ihm über die Szene gesprochen und das aus der Welt geschafft?

Möller: Ja, natürlich haben wir das abgehakt. Man trifft sich ja immer wieder im Fußball. Es war ein Spiel, das unheimlich im Fokus der Medien stand, und dann natürlich auch eine gewisse Spannung hatte. Das sieht man nicht nur an dieser Szene, sondern generell: Beispielsweise auch Oliver Kahn hat sich zu solchen Sachen hinreißen lassen. Gesten, Wutausbrüche - da hat man gemerkt, dass da die Nerven bei einigen nicht unter Kontrolle lagen.

bundesliga.de: Ein besonderer Moment war auch Ihr Sieg im Champions-League-Viertelfinale 1997/98 in München.

Möller: Das war ein großer Kampf. Das Spiel stand auf Messers Schneide und wir haben die Bayern dann in der Verlängerung rausgekegelt. Das sind natürlich Spiele, die in Erinnerung bleiben, ganz klar. Das sind Spiele mit relativ knappem Ausgang, da ist immer auch die Tagesform entscheidend. Man war natürlich immer besonders motiviert, wenn es gegen Bayern München gegangen ist.

bundesliga.de: Haben Sie noch andere besondere persönliche Erinnerungen an andere Spiele gegen Bayern?

Möller: Also in der Saison 2001/02 mit Schalke 04 habe ich gleich drei Mal hintereinander gegen die Bayern gewonnen. (3:0 und 3:1 in der Bundesliga, 2:0 im DFB-Pokal, Anm. d. Red.). Das war eine große Mannschaft, von Ottmar Hitzfeld trainiert, und wir haben sie drei Mal besiegt, das war schon etwas ganz Besonderes.

bundesliga.de: Kommen wir in die Gegenwart zurück. Mit was für einer Partie rechnen Sie, wenn der FCB und der BVB am nächsten Spieltag aufeinandertreffen?

Möller: Ich glaube, dass auch diesmal wieder die besten beiden deutschen Mannschaften aufeinandertreffen. Dortmund hat rechtzeitig noch eine sehr gute Form gefunden, Bayern so oder so. Es wird ein sehr interessantes und enges Spiel werden und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass daraus ein Sieger hervorgeht. Ich rechne mit einem Unentschieden.

bundesliga.de: Wie sehen Sie persönlich das Spiel? Schlägt ihr Herz noch stark für den BVB, oder sehen Sie es mittlerweile als neutraler Beobachter?

Möller: Ich bin natürlich dem BVB wesentlich näher als Bayern München, obwohl ich denke, dass die Bayern den deutschen Fußball in Europa optimal und absolut positiv vertreten. Aber national drücke ich den Mannschaften die Daumen, für die ich auch gespielt habe. Ich werde also für den BVB mitfiebern.

bundesliga.de: Sie erwähnten es bereits: Dortmund hatte am Anfang Mühe, jetzt drehen sie wieder auf. Was trauen Sie dem BVB zu in dieser Saison zu in der Bundesliga, kann Dortmund den Bayern ernsthaft gefährlich werden?

Möller: Ja, natürlich. Ich habe die Dortmunder ein paar Mal gesehen. Wenn diese Mannschaft einmal ins Laufen kommt, kann sie zum ernsthaften Konkurrenten der Bayern werden. Es wäre natürlich umso gefährlicher für Bayern, wenn Dortmund in der Champions League scheitern würde. Das wäre ein Wettbewerb weniger, dann wäre die Belastung für sie nicht ganz so hoch. Dann könnte man sich mehr auf die Titelverteidigung konzentrieren. Letztes Jahr war es noch eine Überraschungsmeisterschaft, aber in diesem Jahr ist das Team einen Schritt weiter und hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten gefunden. Mit Borussia Dortmund ist auch in diesem Jahr wieder zu rechnen, sie sind gerade in dieser Form ein ernsthafter Kandidat für den Titel. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass beispielsweise auch Bremen oder Leverkusen ein Wörtchen mitreden.

bundesliga.de: Bei den Bayern fällt Bastian Schweinsteiger aus. Ein entscheidender Vorteil für Dortmund?

Möller: Der Ausfall ist groß, aber die Bayern können das verkraften. Sie sind mit Schweinsteiger sicherlich viel stärker und ihr Spiel durch seine Spielweise geprägt. Aber mit Verletzungen muss man immer rechnen. Für diese kurze Zeit, für diese sechs Wochen, können die Bayern das kompensieren.

bundesliga.de: Wir sprachen jetzt mehrmals über die beiden besten deutschen Mannschaften. Ist eine Dominanz dieser beiden Teams über mehrere Jahre hinaus denkbar, wie es Mitte bis Ende der 90er Jahre der Fall war?

Möller: Das ist möglich. Ich schätze die anderen Mannschaften von der Qualität her nicht ganz so hoch ein und auch nicht so konstant. Allerdings ist das Spekulation und schwer zu sagen, die Dortmunder Mannschaft ist ja auch sehr jung und vielen Schwankungen unterlegen. Noch ist es zu früh, um wirklich sagen zu können, dass sich der BVB kontinuierlich da oben festsetzt. Aber gerade die letzten Spiele haben gezeigt, dass der Verein auf einem guten Weg und stabil ist, wovon man nicht ausgehen konnte.

Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann