Charkiw/Danzig - Es war schon hell. Vögel zwitscherten, die Sonne lugte schon mal kurz zwischen den Wolken hindurch, als die deutschen Nationalspieler völlig platt, aber mit einem stolzen Lächeln wieder in Danzig landeten. Selbst das enorme Chaos am Flughafen von Charkiw, eine halbstündige Verspätung und leichte Turbulenzen in der Luft taten der Stimmung bei der Ankunft um knapp 4 Uhr früh im Teamquartier "Dwor Oliwski" keinen Abbruch.

Einige genehmigten sich noch eine Pizza oder Chili con Carne, andere ein schnelles Einschlaf-Bier - dann verschwanden Doppel-Torschütze Mario Gomez und seine Kollegen mit kleinen Augen, aber überglücklich auf ihren Zimmern. In ihren kuscheligen Luxus-Betten durften sie wenigstens für einige Stunden vom EM-Viertelfinale träumen.

"Gruppensieg wäre wichtig"



Nach dem verdienten 2:1 (2:0) im Prestigeduell mit den Niederlanden ist das Minimalziel zum Greifen nah. "Das Tor ist jetzt weit aufgestoßen. Wir haben es selbst in der Hand, alles klar zu machen", sagte ein zufriedener Bundestrainer Joachim Löw und dachte sogar schon einen Schritt weiter: "Der Gruppensieg wäre wichtig, weil wir dann in Danzig bleiben können. Das wäre wahrscheinlich ein Vorteil im Viertelfinale."

Das "Aber" ließ er vor dem Gruppenfinale gegen Dänemark am Sonntag (20:45 Uhr) in Lwiw sogleich folgen: "Wir brauchen erst noch einen Punkt gegen die Dänen." Damit könnte sich die deutsche Nationalmannschaft alle Rechenspiele ersparen. Ansonsten müsste trotz einer optimalen Ausgangslage nach zwei Vorrundenspielen noch einmal kräftig gezittert werden.

Keine großspurigen Ankündigungen



Doch so weit will es die DFB-Auswahl nicht kommen lassen, wie der überzeugend auftretende Mittelfeldchef Bastian Schweinsteiger am Donnerstagmittag noch "ein bisschen müde", aber dafür umso entschlossener bekräftigte: "Wir wollen auch gegen Dänemark gewinnen, das ist unser Anspruch." Auch Kapitän Philipp Lahm unterstrich, die DFB-Auswahl werde "mit dem nötigen Selbstvertrauen in das Spiel gehen. Wir wissen aber, dass es ein hartes Stück Arbeit wird."

Überhaupt hielten sich die deutschen Spieler mit großspurigen Ankündigungen zurück, obwohl auch die Leistung gegen Oranje durchaus Anlass zum Träumen gab. "Wir sind noch nicht durch. Jetzt gilt es dranzubleiben", sagte Schweinsteiger. Der bis auf wenige Ausnahmen - wie etwa vor dem 1:2 von Robin van Persie (73.) - erneut souveräne Mats Hummels hofft, "dass das so weiter geht. Bisher haben wir aber noch nichts gewonnen." Es sei noch "ein sehr weiter Weg bis zum Finale", betonte auch "Super-Mario" Gomez.

Gomez wie Messi



Dabei könnte es sich der Stürmer von Bayern München als Erster erlauben, etwas schwungvoller auf die Pauke zu hauen. Mit seinem entscheidenden Tor zum EM-Auftakt gegen Portugal und seinem Doppelpack (24./38.) gegen die Niederlande ist Gomez zum neuen deutschen EM-Helden aufgestiegen.

Er trug er nach den heftigen Angriffen durch Mehmet Scholl, so sagt er, einen "100 Kilo schweren Rucksack" mit sich herum. Doch in (Welt-)Klassemanier schüttelte der 26-Jährige diesen Ballast ab. Vor allem das 1:0 war technisch ein echtes Schmankerl: Ballannahme, Drehung, Mitnahme, Abschluss - fast alles in einer Bewegung. Lionel Messi hätte es nicht besser machen können.

Die Lobeshymnen von Löw und den Kollegen, selbst vom Konkurrenten Klose ("Weltklassestürmer, phänomenal, zwei Super-Tore") sowie die Auszeichnung zum "Man of the Match" waren der verdiente Lohn. Er sei "sehr glücklich, dass ich das Vertrauen erneut rechtfertigen konnte und dass Trainer und Mannschaft zu mir standen", sagte Gomez mit dem riesigen Pokal in der Hand.

Schweinsteiger wiedererstarkt



Der echte Cup soll am 1. Juli nach dem Finale von Kiew folgen. "Das Turnier ist noch nicht zu Ende, und Mario hat noch viel vor", sagte Lahm, hätte aber genauso gut sagen können: "Wir haben noch viel vor."

Da trifft es sich gut, dass nicht nur Gomez trifft, sondern immer mehr Rädchen im System von Löw greifen. Vor allem das Sechser-Duo Schweinsteiger/Khedira nähert sich seiner Form der WM 2010 an.

Vor allem Schweinsteiger war dies nach dem Champions-League-Trauma und diversen Verletzungen nicht unbedingt zuzutrauen. Doch der 27-Jährige strahlte gegen die Niederlande fast schon wieder die gewohnte Präsenz in der Zentrale aus. Dass der Vize-Kapitän beide Treffer glänzend vorbereitete, rundete das Bild ab.

Van Marwijk zollt Deutschland Respekt



Löw sprach von einem "Klassespiel" seines Chefs: "Er wird mit jedem Spiel besser. Er ist körperlich stark und gewinnt viele Zweikämpfe." Überhaupt war der Bundestrainer von seinem Team nach der Hitzeschlacht bei Temperaturen um 30 Grad angetan: "In der so genannten Todesgruppe sechs Punkte zu haben, das ist mal eine gute Leistung." Der 52-Jährige, der gegen die Dänen den gelbgesperrten Jerome Boateng ersetzen muss, lobte vor allem seine "kompakte Defensive", die van Persie, Arjen Robben oder Wesley Sneijder in Schach hielt: "Denen ist wenig eingefallen."

Dem deutschen Team dafür umso mehr, weshalb Bondscoach Bert van Marwijk wie schon nach dem 0:3 im November 2011 kleinlaut einräumen musste: "Es ist eine lange Zeit her, dass Deutschland so gut war und so kreative, gute und torgefährliche Spieler hatte."