bundesliga.de: Herr Wagner, Sie sind mit Kaiserslautern 1998 als Aufsteiger Meister geworden. In dieser Saison sorgt 1899 Hoffenheim als Aufsteiger ziemlich für Furore. Könnte sich die Geschichte wiederholen?

Martin Wagner: Es gibt natürlich Parallelen. Aber in der vergangen Saison war es der Karlsruher SC, der am Anfang für Furore gesorgt hat und später dann wieder in der Realität angekommen ist. Man kann den Erfolg in diesem Sinne nie planen, aber Hoffenheim arbeitet hart dafür. Sie werden nicht an die Meisterschaft denken, sondern sollen lieber erst mal alles mitnehmen und so schnell wie möglich die Punkte zur Absicherung holen. Alles andere ist eine Zugabe, gibt der Mannschaft aber Selbstvertrauen. Und dann ist vieles möglich.

bundesliga.de: Kann man Hoffenheims Situation mit der damaligen in Kaiserslautern vergleichen?

Wagner: Eigentlich nicht. Wir sind damals mit vielen Nationalspielern abgestiegen und mussten diese Schande wieder auswetzen. Hoffenheim dagegen plant ja langfristig mit Spielern wie Demba Ba, Carlos Eduardo und Chinedu Obasi. Das sind junge Spieler, die geholt wurden, weil sie eine Zukunft, eine Perspektive haben. Das ist ein klasse Konzept, das von Leuten wie Ralf Rangnick und Jan Schindelmeiser hervorragend in die Tat umgesetzt wird. Und diese Arbeit trägt schon jetzt Früchte. Ich bin überzeugt, dass der Club damit auch langfristig Erfolg haben wird.

bundesliga.de: War der Abstieg des FCK 1996 im Nachhinein so etwas wie die Initialzündung für den Titelgewinn zwei Jahre später?

Wagner: Der Fußball schreibt manchmal schöne Geschichten. Ich war beim Abstieg im letzten Spiel in Leverkusen gesperrt und habe mir die ganze Woche über Gedanken gemacht, ob ich beim FCK bleiben oder lieber gehen soll, weil ich Angebote anderer Vereine hatte. Ich habe mich dann dazu entschieden, den "Fehler" des Abstiegs, zu dem ich auch beigetragen hatte, wieder wettzumachen. Das war ich damals den Fans und der ganzen Region schuldig. Alle anderen haben nachgezogen und es sind eine tolle Gemeinschaft und Euphorie entstanden. Mit unseren Zuschauern im Rücken haben wir das fast Unmögliche wahrgemacht, sind aufgestiegen und Deutscher Meister geworden. Das ging nur als Team.

bundesliga.de: Welchen Anteil hatte Trainer Otto Rehhagel an diesem Märchen?

Wagner: Otto Rehhagel hat uns damals seine Leidenschaft vermittelt. In der 2. Bundesliga sind wir damals nach Unterhaching gefahren und er hat gesagt: Meine Herren, ich freue mich darauf, wenn wir nächstes Jahr in München wieder die Abfahrt ins Olympiastadion nehmen können. Da ist auch dem Letzten klar geworden, wie toll es in der Bundesliga ist. Dieses Lehrjahr hat jedem Spieler auch ein bisschen Kraft gegeben, um nachher dieses wunderbare Ziel zu erreichen. Die Meisterschaft hätte es ohne diesen Abstieg vielleicht nie gegeben.

bundesliga.de: Ab welchem Zeitpunkt haben Sie denn 1998 den Titelgewinn für möglich gehalten?

Wagner: Als wir am 1. Spieltag bei Bayern München gespielt haben, war jedem klar, dass es ein Spiel wird, das richtungsweisend sein kann. Als wir gewonnen haben, haben wir uns gesagt: Wer in München gewinnt, kann überall anders auch gewinnen. Das war der Aufhänger für die ganze Saison. Und dann stieg mit jedem Sieg natürlich unser Selbstvertrauen.

bundesliga.de: Am Ende wurde es aber dann nochmal eng…

Wagner: Am Anfang haben wir natürlich gar nicht an die Meisterschaft gedacht, sondern nur von Spiel zu Spiel. Erst als wir gemerkt haben, dass wir wirklich Deutscher Meister werden können, hatten wir eine Schwächeperiode mit drei oder vier Unentschieden, und die Bayern kamen wieder näher an uns ran. Es ist schwieriger, von der Spitze aus zu agieren, weil man etwas verlieren kann. Bayern war der Jäger, wir der Gejagte, und wir haben dann letztlich mit dem letzten Atemzug gegen Wolfsburg zuhause die Meisterschaft perfekt gemacht. Das war wie ein Märchen damals. Mit der ganzen Euphorie der Fans war das ein unbeschreiblich schöner Tag in meinem Leben.

Das Gespräch führte Michael Gerhäußer