Wolfsburg - Der VfL Wolfsburg ist überraschend mit zwei Niederlagen in die Rückrunde gestartet. Vor dem Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 am Samstag (ab 15 Uhr im Live-Ticker) spricht Geschäftsführer Klaus Allofs bei bundesliga.de über zu hohe, von außen geschürte Erwartungen nach der Verpflichtung von Kevin de Bruyne, den Abgang von Diego und die Dominanz des FC Bayern München.

bundesliga.de: Herr Allofs, der VfL ist mit zwei Niederlagen in die Rückrunde gestartet und nach dem Spiel auf Schalke haben Sie gesagt, dass es Grund genug gäbe, ärgerlich zu sein. Hat sich dieser Ärger gelegt?

Klaus Allofs: Ich weiß gar nicht, ob ich das genau so gesagt habe. Aber sicherlich war der Platzverweis von Daniel Caligiuri unnötig und auch sonst gab es einige Dinge, über die man sich aufregen konnte. Ganz sicher war ich aber nicht wütend über die Art und Weise, wie wir aktuell Fußball spielen. Selbstverständlich herrscht keine totale Zufriedenheit vor und wir nehmen diese beiden Niederlagen auch nicht auf die leichte Schulter. Vielmehr ist es so, dass wir - man muss in diesem Fall sagen "leider" - Recht behalten haben mit unserer Einschätzung, dass wir trotz des 5. Platzes in der Vorrunde und der Verpflichtung von Kevin De Bruyne nicht automatisch ein Kandidat für die internationalen Plätze sind. Das kann nur Schritt für Schritt gehen und dabei kann es passieren, dass wir auch mal auf der Stelle treten.

bundesliga.de: In der Tat haben Sie nach der Verpflichtung von De Bruyne immer wieder vor zu hohen Erwartungen gewarnt. Ist man gegenüber der Medien-Power am Ende machtlos?

Allofs: Letztlich kann ich nur immer wieder versuchen, das zu erklären. Unsere Reaktion wäre kaum viel anders ausgefallen, wenn wir die beiden ersten Spiele gewonnen hätten. Wir wären dann ebenso wenig in Euphorie verfallen, wie wir nun nicht hektisch werden. Ich  wurde sogar gefragt, ob die Partie gegen Mainz jetzt bereits ein Schicksalsspiel ist. Ganz sicher ist sie das nicht! Die Mannschaft muss sich nach der Verpflichtung von Kevin De Bruyne und dem Abgang von Diego erst neu sortieren. Und das braucht nun mal etwas Zeit. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Team in den kommenden Monaten erfolgreich Fußball spielen wird. Wir freuen uns  selbstverständlich auch über den schnellen Erfolg. Das Wichtigste ist aber, kontinuierlich erfolgreich zu sein!

bundesliga.de: Wie können Sie De Bruyne davor schützen, dass zu schnell zu viel von ihm erwartet wird?

Allofs: Ich glaube nicht, dass wir Kevin vor zu großen Erwartungen schützen müssen. Denn wir haben schon zu Beginn unserer Bemühungen um Kevin, gesagt, dass er dem Team gerade auch perspektivisch sehr gut tun würde. Ebenso haben wir aber betont, dass wir uns auch dann gut gerüstet sehen würden für die Rückrunde, wenn es mit seiner Verpflichtung nicht klappen sollte. Kevin ist fraglos schon jetzt ein sehr guter Spieler - in zwei, drei Jahren aber wird er noch viel, viel besser sein. Was im Übrigen für viele unserer jungen Spieler gilt.

bundesliga.de: De Bruyne war ein sehr begehrter Spieler. Wie konnten Sie ihn vom VfL überzeugen?

Allofs: Wir haben bereits im vergangenen Sommer ein Gespräch mit ihm geführt, zudem kannten wir uns selbstverständlich gut aus Bremen, wo ich damals das  Leihgeschäft für Werder umgesetzt habe. Im Sommer wollte Chelsea Kevin allerdings nicht abgeben. Als wir nun erneut miteinander gesprochen haben, konnten wir darauf verweisen, dass sich einige Dinge, die im Sommer angesprochen wurden, jetzt konkretisiert haben. Kevin hat gesehen, wie sich die Mannschaft entwickelt hat, vom Abstiegskampf in der vergangenen Saison hin zum Kampf um die internationalen Plätze. Deshalb war es für ihn neben anderen Angeboten eine interessante Alternative, auch über Wolfsburg nachzudenken – ähnlich wie das im Sommer bei Luiz Gustavo der Fall gewesen ist.

bundesliga.de: Für Diego war das kein Grund mehr zu bleiben. Wieso haben Sie auf den Brasilianer verzichtet, obwohl der noch Vertrag bis zum Sommer hatte?

Allofs: Wir haben, was unsere Zukunftsplanung betrifft, immer mit offenen Karten gespielt. Das hat bedeutet, dass wir mit Diego zunächst keinen neuen Vertrag abschließen, sondern unsere Entwicklung erst einmal abwarten wollten. Dass sich der Spieler etwas anderes gewünscht hat, war uns aber auch klar. Als Diego uns nun zu verstehen gegeben hat, dass er sehr gerne zu Atletico wechseln würde, war es für uns schwierig, ihm zu sagen: "Eine Verlängerung können wir nicht garantieren, aber wir lassen Dich auch nicht gehen." Und weil wir uns sportlich gerüstet fühlen und unsere Ziele auch ohne Diego nicht gefährdet sehen, haben wir seinem Wunsch schließlich entsprochen.

bundesliga.de: Trainer Dieter Hecking hat gesagt, dass es kaum Sinne mache, einen Spieler zu halten, der unbedingt weg will...

Allofs: Diego war immer, ob in Bremen oder nun beim VfL, zu hundert Prozent professionell. Mag sein, dass er vielleicht ein wenig verärgert gewesen wäre, wenn wir seinem Wunsch nicht entsprochen hätten. Aber ich bin mir ganz sicher, dass er schnell den Schalter wieder umgelegt und gesagt hätte: "Okay, das ist nun mal so, trotzdem ziehe ich das beim VfL hundertprozentig professionell durch!"

bundesliga.de: Sie haben bereits auf die vielversprechenden jungen Spieler beim VfL verwiesen und zumindest im Fall Ricardo Rodriguez sieht das wohl auch Chelsea-Trainer Jose Mourinho so. Bereitet Ihnen das Kopfzerbrechen?

Allofs: Nein. Zum einen steht Ricardo noch recht lange bei uns unter Vertrag. Zum anderen werte ich es sogar als gutes Zeichen, wenn unsere Spieler im Zusammenhang mit Clubs wie Chelsea genannt werden. Das zeigt, dass wir gute Arbeit leisten. Gott sei Dank sind wir aber auch in der Position, dass wir Spieler nicht zwingend verkaufen müssen. Im Übrigen glaube ich, dass Ricardo weiß, dass er beim VfL an der richtigen Stelle ist.

bundesliga.de: Die Stärke "nein" zu sagen, haben in der Bundesliga ansonsten wohl nur die Bayern. Die scheinen allerdings zurzeit uneinholbar...

Allofs: Ich bin keiner, der das Glas als halbleer ansieht, für mich ist es halbvoll. Über Jahre hinweg haben wir gesagt "die Bundesliga ist stark, aber ein internationaler Titel fehlt uns doch". Jetzt hat die Liga mit den Bayern endlich eine Mannschaft, die als erste überhaupt vielleicht den Champions-League-Titel erfolgreich verteidigen kann. Und ich sehe es als positiv, wenn die Verfolger nun alles daran setzen, den Abstand zu den Bayern zu verringern. Selbstverständlich werden die wiederum versuchen, diesen Abstand sogar noch zu vergrößern. Das führt letztlich aber dazu, dass sich alle darüber Gedanken machen müssen, wie man noch professioneller arbeiten kann.

bundesliga.de: Also haben Sie keine Angst vor Dauer-Langeweile?

Allofs: Was die Meisterschaft betrifft, mag aktuell Langeweile herrschen. Der Kampf um die Champions-League-Plätze, der um die Europa-League-Teilnahme und nicht zuletzt auch der Abstiegskampf aber sind hochspannend! Die Bundesliga übt viele Reize aus. Und dass eine Mannschaft wie der FC Bayern Vorbild ist für alle anderen Teams Europas, wenn nicht gar der Welt, das ist begrüßenswert. Im Übrigen waren die Bayern in den vergangenen 25, 30 Jahren immer Titelfavorit, also hat sich so viel gar nicht geändert. Trotzdem ist es noch gar nicht so lange her, dass sie den Titel zwei Jahre in Folge nicht gewinnen konnten. Zwar glaube ich nicht, dass sie wirtschaftlich schwächeln werden. Sportlich aber werden auch solche Top-Teams irgendwann wieder Probleme bekommen. Auch wenn ich ihnen das nicht wünsche – es wäre keine Überraschung für mich, wenn es auch wieder Phasen gibt, wo es in München nicht so glatt läuft.

bundesliga.de: Hertha BSC, der FC Augsburg oder Ihr Gast am Wochenende, der 1. FSV Mainz 05, zeigen etwa, was mit professioneller Arbeit möglich ist. Angst hat man beim VfL sicher nicht, aber doch Respekt?

Allofs: Nicht vor jedem Gegner Respekt zu haben - das würde ich als dumm bezeichnen. In der Bundesliga gibt es ausschließlich Mannschaften, die man respektieren muss, weil jede taktisch gut vorbereitet und konditionell auf einem Top-Level ist. Wer da nur einen Moment locker lässt, der wird seine Spiele nicht gewinnen. Andererseits haben wir aber das Selbstvertrauen zu sagen: "Wenn wir zuhause alles in die Waagschale werfen, dann können wir gewinnen.“ Fehler, wie wir sie gegen Hannover gemacht haben, darf man sich allerdings nicht erlauben. Nicht gegen Mainz, gewiss nicht gegen Bayern München, aber auch nicht gegen Braunschweig.

bundesliga.de: Fehler zuhauf erlaubt sich zurzeit Ihr Ex-Verein Werder Bremen. Stimmt Sie das traurig oder ist für solche Sentimentalitäten im Profi-Fußball kein Platz?

Allofs: Natürlich schaue ich auf Werder, wie auch auf alle anderen Teams. Das gehört zum Geschäft. Obwohl Werder 13 Jahre lang "mein" Club war, wenn ich das so sagen darf, ist es dennoch meine Pflicht, diese Emotionen etwas herunterzufahren. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass ich nicht versuche, irgendwelche Insider-Informationen zu bekommen, deren Gehalt über die Berichterstattung in den Medien hinausgeht. Dass es keine leichte Situation für Werder ist, das hat sich angedeutet. Dennoch steht man mit aktuell 20 Punkten gar nicht so schlecht da.

bundesliga.de: Werder hier, Wolfsburg dort: Was macht dauerhaft mehr Freude, was bereitet größere Genugtuung - mit wenig Geld, aber kluger Inspiration die Großen zu ärgern oder selbst zu den potenziell Großen zu gehören?

Allofs: Ich glaube, dass es zu simpel ist zu sagen: "Hier sind die armen Bremer, dort die reichen Wolfsburger." In Bremen hat man sich über die Jahre aus einer Situation, in der man zunächst mit wenig Geld auskommen musste, dorthin entwickelt, etwas größer denken und handeln zu können. Beim VfL wiederum hatten wir einen großen Spielraum, das Budget herunterfahren zu können. Diesen Spielraum haben wir auch genutzt...

bundesliga.de: ...indem Sie einen völlig aufgeblähten Kader erst einmal radikal reduziert haben...

Allofs: Ich möchte gar nicht so sehr zurückblicken oder mir gar auf die Schulter klopfen. Wir konnten Mittel frei machen, um dann neu investieren zu können. Ich gestehe aber auch, dass gerade die letzte Zeit bei Werder großen Spaß gemacht hat, weil ein Umdenken stattfinden und man wieder ganz anders an die Dinge herangehen musste, als in den Jahren zuvor. Dennoch ist der Unterschied in der Arbeitsweise nicht so groß. Es geht doch darum - egal ob bei Werder oder beim VfL - eine Vision zu entwickeln, wie man Erfolg haben kann. Bei Werder sehen diese Visionen zwar anders aus als beim VfL. Das heißt aber nicht, dass das eine mehr Spaß machen würde als das andere.

Das Gespräch führte Andreas Kötter