Als die Helden des Moments zum Einmarsch bereitstanden, wurden auch Weltstars zu Nebendarstellern. Wladimir Klitschko, Franz Beckenbauer, Paul Breitner und viele andere standen Spalier und brachten den Spielern des FC Bayern München einmal mehr Ovationen entgegen, als sie kurz nach Mitternacht das Atrium der Hauptstadtresidenz von Hauptsponsor T-Com in Berlin-Mitte betraten.

Ob Klitschko, "Kaiser Franz" oder die übrigen euphorisierten Gäste auf dem Sieger-Bankett: Sie alle wussten, dass sie einer außergewöhnlichen Mannschaft applaudierten, die nach dem teilweise rauschhaft herausgespielten 4:0 (1:0)-Sieg im DFB-Pokalfinale gegen Werder Bremen kurz davor steht, Historisches zu leisten.

"Nicht einmal in den 70er-Jahren gelungen"

"Das ist eine Saison wie wir sie noch nie hatten", jubilierte FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und scheute sogar den Vergleich mit der bislang legendärsten Epoche des Rekordmeisters nicht: "Das ist noch nicht einmal der Mannschaft der 70er-Jahre gelungen."

Die gewann zwischen 1974 und 1976 immerhin drei Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister und sammelte drei Deutsche Meisterschaften - doch ein Titel-"Triple" gelang nicht einmal Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Co..

Die Generation Robben ist vom erstmaligen Dreifachtriumph in einer Saison nur noch einen Schritt entfernt. Am Samstag geht es gegen Inter Mailand um Europas Krone. "Wenn wir da auch so spielen, haben wir eine gute Chance", sagte "Feier-Biest" Louis van Gaal.

Ein Signal Richtung Mailand

Die Scouts von Inter werden im Olympiastadion registriert haben, was Karl-Heinz-Rummenigge später "eine Demonstration des Fußballs" nennen sollte. Die Bayern kombinierten, sie drückten immer noch auf Werders Tor, als das Spiel schon vorentschieden war, und sie ließen defensiv beinahe keine Chance zu. Es hätte nicht verwundert, wenn zu den Treffern des wieder einmal überragenden Arjen Robben, von Ivica Olic, Franck Ribery und Bastian Schweinsteiger weitere hinzugekommen wären.

"Das war eine Demonstration der Stärke, eine Demonstration der Macht des FC Bayern", lobte auch Ex-Torhüter Oliver Kahn. Das Geheimnis der 2010er-Bayern ist vor allem, dass sie ihre Macht so mit spielerischer Brillanz kombinieren, dass sie auch immer mehr neutrale Fans auf ihre Seite ziehen. Telekom-Chef Rene Obermann ernannte die Mannschaft deshalb zum "Meister der Herzen".

FCB-Boss Rummenigge huldigte dem Team: "Dass was ihr heute Abend geleistet habt war etwas, das wir uns beim FC Bayern immer gewünscht haben: eine Mannschaft die Erfolg hat, die aber auch attraktiven und dominanten Fußball spielt."

Gerland hütet den Pokal

Und eine Mannschaft, die feiern kann - das wollte sie auch beim zweiten Titelgewinn binnen einer Woche in Berlin unter Beweis stellen. Auf dem Bankett ließen die Profis es bei Lachs, Spargel oder frischen Erdbeeren noch ruhig angehen. Philipp Lahm kündigte aber schon ausschweifendere Aktivitäten an. "Die Mannschaft hat schon in der letzten Woche bewiesen, dass sie feiern und sich danach wieder voll auf das nächste Spiel fokussieren kann", so der Rechtsverteidiger. Von Sportdirektor Christian Nerlinger gab es ohnehin die Freigabe: "Die Spieler dürfen bis zum Morgengrauen feiern. Die Mannschaft ist in einem Top-Rhythmus und hat eine Top-Fitness. Da sehe ich überhaupt keine Probleme."

Das Sieger-Bankett war eher ein Fest der leisen Töne. Die Vorstandsriege um Präsident Uli Hoeneß ("Ich bin extrem stolz auf die Mannschaft") und Rummenigge saugte zufrieden an großen Zigarren. Zum Hüter des Pokals wurde Co-Trainer Hermann Gerland. Der wurde in Berlin nach seiner ersten deutschen Meisterschaft vor einer Woche nun auch zum ersten Mal Pokalsieger. Die Mannschaft feierte den Ausbilder heutiger Leistungsträger wie Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller oder Holger Badstuber mit "Tiger, Tiger"-Sprechchören.

Der Gefeierte vertiefte sich mit dem Gold-Pott im Arm in ein Fachgespräch mit Herbert Grönemeyer, dem vermutlich einzigen Bochumer, der momentan ähnlich bekannt und beliebt ist wie Gerland selbst.

Badstuber: "Wir legen den Schalter wieder um"

Gewinnen die Bayern auch kommende Woche in Madrid, Gerland - am Samstag zur Krönung auch noch Großvater geworden - könnte Grönemeyer in den Popularitätswerten sogar überholen. Seine ehemaligen Schüler sind jedenfalls bereit, auch den letzten Schritt noch zu tun.

"Die Mannschaft ist heiß und hungrig auf das 'Triple'", sagte Lahm. Holger Badstuber ergänzte: "Heute wird gefeiert, aber nächste Woche wissen wir, dass es um das Champions-League-Finale geht und dann legen wir den Schalter wieder um."

Gelingt das, wird sich nicht nur die Creme de la Creme der Bayern-Fans auf dem Siegerbankett für die Mannschaft erheben, sondern die gesamte Fußball-Welt.

Aus Berlin berichtet Matthias Becker