München - Trotz des Aufgebots etlicher Weltklasse-Spieler auf dem Platz fand das Duell im Klassiker zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund (5:1) für Jens Lehmann an der Seitenlinie statt.

Der ehemalige BVB- und Nationaltorhüter Jens Lehmann saß im Rahmen der internationalen Produktion der Bundesliga neben Kommentator Rob Turner als Co-Kommentator am Mikrofon. Millionen von Zuschauern waren live dabei, in 207 Ländern weltweit wurde der legendäre Klassiker ausgestrahlt. Während der 90 Minuten warf Lehmann ein besonders wachsames Auge auf die Taktikfüchse an der Seitenlinie: Bayerns Trainer Pep Guardiola und BVB-Coach Thomas Tuchel.

Die Lehmann-Analyse während des Spiels

1. Minute:

"Die Art und Weise, wie die Dortmunder das Spiel beginnen, ist sehr interessant. Sie haben nur vier Offensivspieler und kommen mit Lukasz Piszczek über die linke Seite. Tuchel hat die Idee, Sokratis mit seiner robusten griechischen Art gegen Douglas Costa zu stellen."

Dortmund startete sehr engagiert und erkämpfte sich zu Beginn zwei frühe Ecken und einen Freistoß in gefährlicher Position.

4. Minute

© gettyimages / Alexander Hassenstein

"Ich habe erwartet, dass Tuchel sein Team ein bisschen tiefer stehenlassen wird, um die Bayern hinten herum zu erwischen. Der BVB startet allerdings sehr hoch, der Schlüssel wird die Position von Pierre-Emerick Aubameyang sein. Die Dortmunder haben lange Bälle auf ihn gespielt, sodass sie sich den frühen Freistoß erspielt haben. Das Problem ist, dass er noch zu tief agiert und sich keine großen Räume ergeben, um Tempo aufzunehmen. Dortmund beherrscht das Pressing sehr gut und versucht, ein frühes Tor zu erzielen. Das ist allerdings keine einfache Taktik gegen den FC Bayern."

8. Minute:

"Die Bayern haben viel Respekt vor Dortmund bei der Spieleröffnung. Julian Weigl bekommt viel Zeit und Platz im Mittelfeld. Das sieht man vor allem in einem Heimspiel der Bayern nicht so oft. Und Guardiola greift auch schon ein und schiebt seine Spieler mehr nach vorne."

Schon in dieser frühen Phase des Spiels standen beide Trainer in ihren Coaching-Zonen und agierten beinahe wie ein zwölfter Mann auf dem Rasen.

18. Minute:

"Guardiola hat seinen Plan geändert und lässt jetzt hinten mit Dreierkette spielen. Das ist der Grund dafür, dass die Münchner Dortmund jetzt weiter nach hinten drängen."

20. Minute:

"Tuchel hat auf Guardiolas Änderung noch nicht reagiert - vielleicht hat er es noch nicht so wahrgenommen, das ist von der Seitenlinie auch schwieriger zu sehen als von hier oben. Der Effekt der Umstellung bei den Bayern ist, dass der BVB Probleme hat, den Ball einfach aus der eigenen Abwehr zu spielen."

22. Minute:

"Wie so oft präsentiert sich die Dortmunder sehr kompakt und machen es den Bayern schwer, sich durch die Reihen zu kombinieren. Aber ich denke, dass wir jetzt eine Phase der Bayern-Dominanz sehen werden, weil der BVB mit zwei Innenverteidigern gegen nur einen Stürmer spielt und die Münchner so an anderer Stelle aus dem Platz Überzahl haben."

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Diese Einschätzung bestätigte sich dadurch, dass die Bayern in der 25. Minute in Führung gingen. Jerome Boatengs langer Pass landete bei Thomas Müller, der geschickt in den freien Raum gestartet war. Das Tor offenbarte Löcher in der Dortmunder Abwehr.

31. Minute:

"Man kann gerade eine große Lücke zwischen den drei Offensiven und dem Rest von Dortmunds Mittelfeld erkennen. So können sie nicht den nötigen Druck auf die Bayern ausüben. Vielleicht haben sie auch Angst, sich zu sehr zu verausgaben."

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Die Bayern waren in der Lage, die Lücke auszunutzen und bekamen nach einem Konter einen Elfmeter zugesprochen. Müller verwandelte sicher zum 2:0. Dortmund allerdings antwortete umgehend mit dem Anschlusstreffer durch Pierre-Emerick Aubameyang nach einem schnellen Vorstoß.

39. Minute:

"Guardiola hat seine Formation erneut geändert, sie spielen jetzt ein 4-4-1-1. Er scheint wahrgenommen zu haben, dass Dortmund mehr und mehr die Kontrolle im Mittelfeld übernimmt. Bayern lauert jetzt auf Konter."

45. Minute:

"Hier sieht man die Qualität von Philipp Lahm. Er klärt nicht einfach, sondern hält den Ball und sucht nach einer Lösung - so entsteht ein neuer Bayern-Angriff."

46. Minute:

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Die Bayern starteten perfekt in die zweite Hälfte und erzielten nach 22 Sekunden das vorentscheidende 3:1.

"Wieder war es der überraschende lange Ball, den niemand erwartet hat. Aber Bürki stand auch deutlich zu tief."

48. Minute:

"Nun werden wir sehen, ob Thomas Tuchel mutig genug ist, seine Verteidigung ein bisschen zu lösen und ein besseres Resultat zu erzielen. Es wird schwierig zu gewinnen, aber ein Unentschieden ist noch möglich. Dafür musste der BVB hinten mit zwei oder drei Mann agieren, um im Mittelfeld zu dominieren."

50. Minute:

Die Bayern-Tore resultieren aus einer Taktik, die eigentlich der BVB hätte anwenden sollen. Die langen Bälle auf Aubameyang, der seinen Platz ausnutzen und durchstoßen kann. Aber seine Start-Position für diese Sprints ist zu tief in der Bayern-Hälfte - und so haben Lewandowski und Müller genau diese Taktik perfekt umgesetzt."

Mit einem Doppelwechsel versuchte Tuchel, noch einmal für neuen Schwung zu sorgen: Adnan Januzaj und Marco Reus kamen für Gonzalo Castro und Shinji Kagawa.

53. Minute:

"Die Bayern haben hinten wieder auf Viererkette umgestellt. Man sieht jetzt einmal mehr ihr fantastisches Positionsspiel. So lange der Gegner sich nicht hinten heraus traut und mit Dreierkette agiert, haben sie immer eine Überzahl im Mittelfeld. Es ist schwer für Dortmund, den Ball zu bekommen. Tuchel muss Mut beweisen und seine Taktik ändern, wenn der BVB noch etwas mitnehmen will - ansonsten werden sie noch mehr zulassen."

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Nur fünf Minuten später passierte genau das: Dortmund wird mit einem Konter kalt erwischt, Lewandowski vollendet die erste Flanke von Mario Götze zum 4:1.

61. Minute:

"Den Gegnern in der Bundesliga dürften sich ein bisschen fürchten vor diesen Bayern, die einfach nie den Glauben an ihre Stärken verlieren, selbst wenn sie einmal in Rückstand geraten sollten."

Die Bayern waren noch nicht fertig, Götze stellte wenig später auf 5:1.

66. Minute:

© gettyimages / Alexander Hassenstein

"Es ist jetzt ein Duell Meister gegen Lehrling, Erfahrung gegen Unerfahrenheit. Und es scheint so, als ob sich Dortmund aufgegeben hat. Ich erwarte nicht, dass ihnen noch ein Treffer gelingt. In taktischer Hinsicht ist aber kein anderer Ansatz zu erkennen als bisher."

69. Minute:

"Gündogan kämpft tapfer, aber ich habe den Verdacht, dass einige BVB-Spieler nicht bereit sind für diese große Bühne. Spieler wie Bürki oder Weigl können heute wertvolle Erfahrungen sammeln. Und Reus braucht einen sicheren Platz im Team, damit er auf höchsten Level spielt. Das ist der Unterschied zu den Bayern. Sie haben so viel Erfahrung, ihr Positionsspiel ist fantastisch und sie haben den Wunsch zu dominieren."

73. Minute:

"Jürgen Klopp hat es immer geschafft, in der Allianz Arena großartige Ergebnisse zu erzielen, und nun steht Thomas Tuchel vor dieser Herausforderung. Er muss Lösungen finden, um hier konkurrenzfähig zu sein. Leider hat er das Duell der Taktiker heute um Längen verloren."

Tuchel ist ein Risiko eingegangen, in dem er seine Defensive neu formierte. Sven Bender lief als Innenverteidiger auf - eine ungewohnte Position für ihn. Lukasz Piszczeck spielte erstmals in seiner Bundesliga-Karriere als Linksverteidiger.

85. Minute:

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"Es gibt nicht viele Entschuldigungen, wenn man 1:5 verliert. Dortmund ist gut gestartet, leistete sich im Spielverlauf aber zu viele Stellungsfehler. Man kann nicht sagen, dass das Experiment erfolgreich war. Zu Beginn des Spiels hat der BVB über die Außen gespielt, jetzt nur durch das verstopfte Zentrum. Das ist nicht wirklich hilfreich."

Letztlich verwalteten die Bayern das Ergebnis souverän und fuhren einen verdienten 5:1-Erfolg ein.

90. Minute:

"Das frühe Gegentor nach dem Wiederanpfiff war tödlich für Borussia Dortmund, davon hat sich die Mannschaft nicht erholt. In der ersten Hälfte haben sie ein paar gute Ansätze gezeigt, auch nach den Rückständen. Sie haben ihre Defensivreihen nicht geöffnet - wahrscheinlich aus Angst, dass die Bayern ihr Positionsspiel aufziehen. Es war ein lehrreicher Tag für Dortmund, die Spieler werden eine weitere Chance bekommen, sich auf diesem hohen Niveau zu beweisen. Die Bayern haben durch ihre individuelle Qualität, ihr Positionsspiel und ihre Taktik dominiert."

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